Heimkehrende Spione führen ″kein Glamour-Leben″ | Europa | DW | 13.09.2019
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Geheimdienste

Heimkehrende Spione führen "kein Glamour-Leben"

Die CIA soll vor zwei Jahren wertvolle Agenten aus Moskau abgezogen haben. Doch wie ist ihr Leben danach? Donald Trumps Ex-Berater und Spionagekenner Chris Costa erzählt von etwas Glanz, wenigen Höhen und vielen Tiefen.

Ein Kreml-Mitarbeiter, der jahrelang für die CIA in Moskau gearbeitet haben soll, wurde wohl 2017 aus der russischen Hauptstadt abgezogen, berichteten der US-Sender CNN und die Zeitung "The New York Times". Unklar bleibt zunächst, warum der CIA-Agent evakuiert wurde: Wohl entweder aus Angst vor Donald Trumps Umgang mit Geheiminformationen oder weil der Agent sonst aufgeflogen wäre. Später verdichteten sich die Hinweise, dass es sich um Oleg Smolenkow handelt - einen Kreml-Mitarbeiter, der für den außenpolitischen Berater von Präsident Putin tätig war.

Wenn tatsächlich er der CIA-Agent gewesen sein sollte, dann lebte er danach in den USA ohne besondere Geheimhaltung. "Sie lebten zurückgezogen", zitierte die "The New York Times" den 63-jährigen Greg Talley, dessen Haus gegenüber von Smolenkows Haus steht. Die Immobilie kauften er und seine Frau anscheinend auf ihre echten Namen.

Der Medienrummel aber machte der russischen Familie zu schaffen: Nachbarn erzählten, dass sie das Zuhause nach ersten Journalistenbesuchen rasch verlassen mussten. Der Direktor des Internationalen Spionage-Museums in Washington Chris Costa hat die Geschichte sehr eng verfolgt. Costa ist selbst ein ehemaliger Geheimdienstler mit über 30 Jahren Erfahrung: Zuletzt hatte er eine leitende Funktion im National Sicherheitsrat und war Sonderberater von Donald Trump.

"Schutz vor Ermordung"

Einige Details der Smolenkow-Geschichte kommen Costa wenig plausibel vor. "Ich habe keine Informationen aus der ersten Hand. Aber ich habe Erfahrung in solchen Angelegenheiten", sagte Costa im DW-Interview. Ihn wunderte es, dass der vermeintliche CIA-Agent so offen sein Haus kaufte. Ein entsprechender Vermerk war letztes Jahr in der Immobiliendatenbank der Zeitung "Washington Post" erschienen: "Die US-Regierung würde sich schon Mühe geben, die Agenten vor Ermordung oder Ähnlichem zu schützen."

Chris Costa, Direktor des Internationalen Spionage-Museums in Washington

Chris Costa, ehemaliger Berater von Donald Trump und heutiger Direktor des Internationalen Spionage-Museums

Als die ersten Journalisten das Haus von Smolenkow erreichten, wurden sie von unbekannten Männern in einem SUV angesprochen, die sich als Freunde des Hausbesitzers vorstellten. Könnte das Haus eine Falle für mögliche Auftragsmörder sein? "Extrem unwahrscheinlich", meinte Costa, "das wäre äußerst untypisch". Generell ist Costa skeptisch, was den Wahrheitsgehalt der Geschichte über den vermeintlichen Top-Spion aus dem Kreml angeht.Auch Mike Pompeo habe gesagt, dass die Mehrheit an Berichten, die er gelesen habe, faktisch inkorrekt sei. "Ich finde es interessant. Ich denke, wir kennen nicht die ganze Story."

Aus Moskau übergelaufene Agenten

Wie sicher wäre ein CIA-Agent aus Moskau in den USA nach dem Abzug und Enttarnung? Hat Moskau jemals einen Versuch unternommen, auf dem US-Territorium jemanden zu töten, der im Kreml als "Verräter" gilt? "Gute Frage", erwiderte Costa. Der ehemalige KGB-General Oleg Kalugin, der in die USA emigrierte und von Russland in Abwesenheit verurteilt wurde, habe Costa erzählt, "dass weder sowjetische, noch russische Geheimdienste so etwas in den Vereinigten Staaten versucht haben".

Agenten aus Russland konnten sich also in den USA in Sicherheit fühlen. Jedes andere Land hätte man hingegen nicht als sicher bezeichnen können, fasst Costa die Erzählungen von Oleg Kalugin zusammen. Selbst in Großbritannien hat es letztes Jahr einen Anschlag gegeben - auf den russisch-britischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter. Das bedeutet nicht, dass die Russen es in der Zukunft nicht in den USA versuchen könnten, räumte Costa ein.

Das Leben danach

Was macht ein Agent, nachdem er abgezogen wurde? Eine gewöhnliche "Karriere" sieht einfach aus, erklärte Chef des Spionage-Museums in Washington: "Man wird in die USA oder nach Großbritannien umgesiedelt, danach kann man Geheimdienste weiter beraten."

Wie oft bekommt ein enttarnter Agent einen neuen Namen oder gar Identität verpasst? Der Frage ist Costa ausgewichen. "Ich kann nicht sagen, wie viele Leute neue Namen und Identitäten im Lauf der Geschichte bekommen haben. Aber ich kannte diejenigen, die ein relativ normales Leben führten. Bloß nicht unter ihrem echten Namen."

Gehört auch Luxus zum relativ normalen Leben, von dem Costa spricht? "Das stimmt so nicht", kommentierte Costa. Er habe vor Jahren ein Treffen von Ex-Agenten bei sich zu Hause organisiert. "In meinen Augen ist das kein Leben in Glanz und Glamour." Natürlich führten heute die meisten der Überläufer ein besseres Leben in den USA, denn viele seien vor totalitären Regierungen geflohen. Doch das neue Leben stelle sie immer wieder vor neue Herausforderungen: "Es ist hart und es ist schwer."

Zum Tode verurteilt

Es gibt nicht nur "Höhen", sondern "Höhen und Tiefen". Eine solch typische Tief-Geschichte ist für Costa die von Kim Philby. Der war ein ranghoher britischer Geheimdienstmitarbeiter, der Mitte des 20. Jahrhunderts für Moskau arbeitete und später in die Sowjetunion floh, wo er bis zum Ende sehr einsam lebte. "Sein Leben, über das wir in unserem Museum erzählen, gestaltete sich nach einem Muster: Er trank sehr viel und fühlte sich nie akzeptiert."

Bei Oleg Penkowskij ist die Geschichte noch schlimmer ausgegangen. "Er war Oberst des militärischen Geheimdiensts der Sowjets und sozusagen der Spion von John F.Kennedy." Depeschen von Penkowskij habe man direkt auf den Tisch des US-Präsidenten gelegt. Diese hätten den USA ermöglicht, richtige Entscheidungen in der Kubakrise zu treffen, so Costa. "In einer idealen Welt hätte Penkowskij gemerkt, dass die russische Spionageabwehr ihn im Blick hat. Doch er hat es nicht." 1963 wurde Oberst Penkowskij trotz eines umfangreichen Geständnisses zum Tode verurteilt.

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