Heiß, heißer, Klimawandel? | Wissen & Umwelt | DW | 07.07.2015
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Wissen & Umwelt

Heiß, heißer, Klimawandel?

Schönes Sommerwetter - oder doch eine Hitzewelle? Über so ein paar heiße Tage wollen wir uns eigentlich nicht beschweren, aber insgeheim fragt man sich doch, ob das noch Wetter oder schon die Erderwärmung ist.

Anfangs als "Reisewetter" angekündigt - und heißersehnt - dauert es meist nicht lange, bis die Beschwerden beginnen. Am ersten Tag freut sich der Großteil der Bevölkerung noch über die Hitze - ab auf die Liege oder in den Park, Vitamin D tanken! Am zweiten Tag fällt auf, dass der andauernde Sonnenschein auch mit Unannehmlichkeiten verbunden ist: Wir schwitzen, unsere Wohnungen heizen sich auf. Am dritten Tag beginnen dann bereits die ersten, über die Hitze zu klagen. Dasselbe Spiel im Winter mit Kälte und Schnee.

Aber wir sind in Deutschland nicht die einzigen, die dieses Jahr von der Hitze heimgesucht werden. Auch der restliche Teil Europas schwitzt, und im US-Bundesstaat Kalifornien herrscht Dürre - nicht zum ersten Mal. Indien und Pakistan wurden ganz besonders schlimm von Hitzewellen getroffen. Da jammern wir noch auf hohem Niveau.

Nichtsdestotrotz scheint es als nähmen solche Anlässe, sich über das Wetter zu sorgen, zu. Nicht nur Hitzewellen, sondern auch Regen, Überflutungen und Stürme - die jegliche Rekorde brechen.

Hitzerekord bestätigt!

Diesen Sommer gibt es zum Beispiel schon einen ersten Höhepunkt zu verzeichnen, offiziell bestätigt vom Deutschen Wetterdienst (DWD): Am 5. Juli 2015, um 15:40 Uhr, wurde in Kitzingen 40,3 Grad Celsius gemessen - neuer deutscher Hitzerekord!

Damit wurde der bisherige Temperaturrekord von 40,2 Grad (27.07.1983) in Gärmersdorf bei Amberg (den auch Freiburg und Karlsruhe zu einem späteren Zeitpunkt erreichten) übertroffen - wenn auch nur haarscharf.

Da fragt man sich:

Wieso ist es plötzlich so heiß?

Die aktuelle Hitzeperiode begann auf der iberischen Halbinsel. Dort wurden schon Ende Juni Temperaturen bis 43 Grad gemessen. Auch dort war das an einigen Stellen Rekord, wie der DWD berichtet. Von dort aus zog die Hitzewelle weiter in die anderen Teile von Europa. In London-Heathrow wurde am 1. Juli mit 36,7 Grad der höchste jemals im Juli gemessene Wert für Großbritannien gemeldet. Gratulation! Oder nicht?

Stefan Rahmstorf, vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), sagt, dass es die "vom Menschen verursachte globale Erwärmung" ist, die "die Zahl solcher Hitzewellen stark steigen" lässt. Rekordheiße Monate sind, so der Klimaexperte, bereits jetzt fünfmal so oft zu verzeichnen, als sie durch Zufall auch in einer Welt ohne Klimawandel auftreten würden.

Sein Kollege, Dim Coumou, erklärt, die derzeitige Hitzewelle in Europa "hängt mit einer Blockade durch ein Hochdrucksystem zusammen." Dadurch würde andauernd heiße Luft aus der Sahara einströmen.

Mehr Sommerhitze durch weniger Stürme

Solche Zirkulationsmuster traten in den vergangenen Jahren in Europa häufiger auf, so Coumou. In der Zeitschrift "Science" veröffentlichte Coumou zusammen mit einem Autorenteam bereits im März eine Studie, nach der in den Sommermonaten auf der Nordhalbkugel mit weniger Stürmen zu rechnen sei.

Insgesamt gebe es also stabilere Wetterlagen. Aber: Normalerweise sind es die Winde, die im Sommer feuchte Meeresluft auf die Kontinente transportiert, was zu Regen und Abkühlung führt. Bleiben diese aus, sei mit längeren Hitzephasen zu rechnen, so die Forscher. Wie jetzt - oder 2010 in Russland noch viel dramatischer.

"Aus welchem Winkel auch immer wir auf die Hitze-Extreme schauen: Die Fakten, die wir finden, deuten alle in die gleiche Richtung", so Coumou. "Die Hitze-Extreme nehmen nicht einfach nur deshalb zu, weil wir den Planeten erwärmen, sondern weil der Klimawandel zusätzlich Luftströme stört, die wichtig sind für die Entstehung unseres Wetters. Die verringerten täglichen Schwankungen, die wir beobachten, führen zu länger anhaltenden Wetterlagen. Und diese lassen Extreme entstehen, die sich über Wochen erstrecken. So steigt das Risiko von Hitzewellen mit erheblichen Auswirkungen", erklärt der Klimaexperte.

Klimawandel - schuld oder nicht schuld?

In einem Statement des DWD heißt es:

"Da die momentane Hitzewelle erst vor wenigen Tagen begonnen hat und Andauer, Intensität und räumliche Ausdehnung noch nicht im Detail feststehen, kann derzeit noch keine abschließende Bewertung auch im Kontext des Klimawandels erfolgen. Um Extremwetterereignisse wie die momentan stattfindende Hitzeperiode klimatologisch richtig bewerten zu können, ist es sinnvoll, solche Ereignisse in möglichst langen Zeitreihen statistisch einzuordnen."

Florian Imbery, Abteilung für Klimaanalyse beim DWD, erklärt das genauer: Die aktuelle Hitzeperiode muss nach ihm "überhaupt nicht auf den Klimawandel zurückzuführen sein". Denn Daten ließen sich erst im Nachhinein für eine Analyse nutzen.

Aber - das betont er auch - sei es selbst dann nicht möglich, solche einmaligen Rekordereignisse - wozu auch Stürme, Orkane oder Fluten zählen - eindeutig dem Klimawandel zuzuordnen. "Wir müssen uns so etwas langfristig ansehen", erklärt Imbery. In der Klimaforschung beschäftige man sich mit viel längeren Zeiträumen, über 30 Jahre etwa. "Zwei Punkte sind dann besonders wichtig: Wie oft, oder wann, tritt ein Ereignis auf? Wie intensiv war es?"

Und hier lässt sich, so der Klimaexperte, im Rückblick deutlich ablesen (s. Infografik), dass seit den 90er Jahren die Hitzeperioden in den deutschen Städten deutlich zugenommen haben. "Das ist wiederum etwas, was sich klar auf die Erderwärmung zurückführen lässt", so Imbery. "Das zeigen die Daten aus dem 20. Jahrhundert, aber auch noch weiter zurück: Der Trend geht zur Zunahme, bei heißen Tagen wie auch bei den Hitzeperioden. So auch das Ergebnis der neuesten Auswertungen des holländischen Wetterdienstes (KNMI).

Wann wird's wieder richtig Sommer?

Die aktuelle Hitzewelle ist in absehbarer Zeit vorbei - ob vom Klima oder Wetter verschuldet. Wann genau aber die nächste auf uns zukommt, dass kann Imbery nicht sagen. "Klimatologie und Meteorologie sind zwei verschiedene Gebiete."

Fest steht nur: Die Hitze wird uns wieder treffen - und zwar schneller als noch vor 20 Jahren. Und spätestens dann sind wir auch wieder bereit für eine Dosis Vitamin D.

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