Heavy Metal: vom Spießerschreck zum Mainstream | Musik | DW | 08.06.2020
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Musik

Heavy Metal: vom Spießerschreck zum Mainstream

Jahrzehntelang wurde Metal von der breiten Masse nicht einmal als "echte Musik" akzeptiert. Heute zieht er alle Schichten und Altersgruppen an. Die Metal-Szene entwickelte sich vom Sound der Arbeiter zum Massenphänomen.

Ohne die Corona-bedingten Absagen würden sie jetzt starten oder hätten bereits gerade stattgefunden, die vielen Festivals für Metalfans in Deutschland, darunter das Rock Hard Festival an Pfingsten, das weltweit bekannte Wacken Open Air im Juli oder das Summer Breeze im August.

Sie alle sind gut besucht, denn Metalfestivals und -konzerte sind schon lange nicht mehr nur etwas für Eingeweihte. Wenn Bands wie Rammstein rufen, kommen alle, vom Startup-Gründer über den Bankangestellten bis zum graumelierten Klassikfan. Auf Wacken sieht es nicht anders aus. Was noch vor wenigen Jahren Szenetreffen waren, ist heute Massenunterhaltung für sämtliche Alters- und Einkommensschichten. Heavy Metal und viele seiner Subgenres gelten vielen mittlerweile sogar als konservativ, auf Metal-Kreuzfahrten kann man die harten Sounds beim gepflegten Cocktail goutieren.

James Hetfield mit Gitarre (picture-alliance/CITYPRESS 24/Meinen)

Metallica-Sänger James Hetfield: in seiner Jugend Außenseiter, heute Rock-Idol und mehrfacher Millionär

Der Sound der Außenseiter

Zu Anfang, in den Siebzigern und Achtzigern, sah das ganz anders aus: Die Metal-Fans der ersten Stunde waren Bürgerschrecks. Mit ihren langen Haaren, schwarzen Jeans, Nietenarmbändern und Aufnäher-Kutten waren sie für den Durchschnitts-BRD-Opa genauso ein Ärgernis wie die Punks am Bahnhof. Noch bis weit in die Neunziger hinein fuhren bürgerliche Medien und Einrichtungen immer wieder Attacken gegen einzelne Bands oder das gesamte Genre. Metal wurde wahlweise als gewalt- oder drogenverherrlichend, satanistisch oder stumpf verunglimpft. Die Metaller nahmen's gelassen und sonnten sich im Bad Boy-Image der "Leute, vor denen euch eure Eltern immer gewarnt haben".

Wie alle Spielarten des Rock hat auch Metal seine Wurzeln im Blues, aber seine eigentlichen Väter sind der Hard und Psychedelic Rock der 1970er Jahre. Schon Led Zeppelin, Deep Purple oder Black Sabbath spielten riffbasierten, harten Rock. Aus diesem Sound differenzierte sich Ende des Jahrzehnts Heavy Metal heraus. Die Fans der neuen, noch lauteren und härteren Töne waren Kids der Arbeiterschicht. Später entdeckten auch Jugendliche aus konservativen Elternhäusern Metal für sich und trieben damit ihre Eltern auf die Palme.

Heavy Metal Band Motörhead (picture-alliance/Photoshot/Retna Pictures/T. Mottram)

Motörhead gelten als prägende Metalband, dabei fühlten sie sich mehr dem Punkrock verbunden

"Es ist eine Subkultur, die niedrigschwellig funktioniert. Jeder kann mitmachen, jeder wird akzeptiert", so Carsten Schumacher, seit 25 Jahren Musikjournalist und seit den 1980ern Metalfan. "Du kannst von der Hauptschule kommen, darfst aber auch Professorenkind sein, völlig egal. Wichtig ist, dass du die Leidenschaft teilst, dich in gleicher Weise vom Mainstream abgrenzt und verstehst, was andere vielleicht albern finden."

Ausdifferenzierung und Kommerzialisierung

Metal wurde zum Sammelbecken für Menschen, die nicht zum Mainstream gehörten, die sich an der Gesellschaft rieben oder sich nicht verstanden fühlten. Hier konnten sich Normalos ebenso aufgehoben fühlen wie Fantasy-Rollenspieler, Hochbegabte, Stoner oder Schulabbrecher. Entsprechend wurde die Musik immer diverser und verspielter, und in den Achtzigern entstanden zahlreiche Subgenres - von Power Metal über Speed und Thrash Metal bis hin zu Black, Viking oder Folk Metal. Bald schon waren Metalbands nicht mehr nur auf Schlagzeug, Gitarre und Bass festgelegt. Mittelalterliche Drehleiern, brasilianische Trommeln, Jazz-Soli ... Metal wurde zum musikalischen Experimentierfeld. Sogar die anfangs verhassten Synthesizer waren irgendwann erlaubt.

Jörg Scheller (NZZ-Photographen-Team/A. Ramp)

Kunstwissenschaftler und Journalist Jörg Scheller, Autor des Buchs "Metalmorphosen"

Der Kunstwissenschaftler und Journalist Jörg Scheller beschreibt in seinem im Mai 2020 erschienenen Buch "Metalmorphosen. Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal" sehr anschaulich und detailreich, wie aus einer Underground-Szene mit rebellischer Grundhaltung ein Massenphänomen wurde. Bei seinen Recherchen überraschte ihn "die Selbstverständlichkeit, mit der Heavy Metal heute selbst von biederen Unternehmen für Werbung eingesetzt" und wie er als "amüsanter Karneval und brummendes Business wahrgenommen wird", so Scheller gegenüber der DW. 

Freiheit und Selbstermächtigung

Da stellt sich die Frage, ob nicht jede Szene und jede Jugendbewegung nach und nach vom Mainstream vereinnahmt wird. Alles eine Frage der Perspektive, so Scheller: "Das trifft auf liberale Konsumkulturen zu. Sicherlich nicht auf fundamentalistische Theokratien. Im Iran beispielsweise ist Metal immer noch Untergrund. Bei uns hingegen gilt: Es gibt nichts, was nicht verwurstet, normalisiert, kommodifiziert werden könnte."

Mann mit Wikingerhelm und nacktem Oberkörper hält eine aufblasbare Gitarre (DW/R. Schild)

Friedliebende Freaks? Ein Metalfan beim Wacken 2019

Mehr noch als Punk oder HipHop gilt Metal heute als eine Art Gütesiegel, etwas Verlässliches, Solides. Dazu genießen Metal-Musiker und -Fans den Ruf, besonders entspannte Zeitgenossen zu sein. Je härter die Musik, umso relaxter das Umfeld? Carsten Schumacher erklärt sich das so: "Der regelmäßige Wutausbruch in kreativen Bahnen ist eine Art Psycho-Hygiene. Nicht zuletzt deswegen sind Prügeleien auf Metal-Festivals kaum bekannt."

Platz für das Unbehagen

Also ist Metal, das ehemals so dunkle Herz des Rock, heute nur noch ein leicht verdauliches Genre von vielen? Jörg Scheller behauptet: "Im Glutkern des Metal geht es um Freiheit." Auch heute noch. "Musik verändert die Welt nicht wie ein Tsunami, auch wenn sie im Metal mitunter so klingt. Sie höhlt den Stein der Verhältnisse langsam, aber nachhaltig, sie verändert Herzen und Hirne" So diene Metal heute Frauen als Medium der Selbstermächtigung, so wie Elvis-Songs früher ein neues Männerbild prägten. Auch Schumacher sieht diese Wirkung des Metal: "Ich forsche immer weiter nach neuen Bands, die von überall auftauchen. Die Szene ist global, und wenn ich Bands aus Tansania, dem Iran oder Indonesien höre und höre, wie sie sich mithilfe dieser Musik befreien, fühle ich mich diesen Menschen verbunden."

Musikjournalist Carsten Schumacher (privat)

Musikjournalist Carsten Schumacher ist seit den 1980ern Metal-Fan

Metal kann - wie kaum eine andere Musikrichtung - pathetisch und augenzwinkernd zugleich sein, ernsthaft und verspielt, virtuos und simpel. Vor allem aber lässt Metal in vielen seiner Spielarten auch heute noch Platz für das Unbehagen und das Unbequeme. Jörg Scheller fasziniert daran, "dass Metal das Böse, Grausame und Abgründige unserer Existenz nicht verdrängt, sondern sich ihm in Ton, Text und Bild kritisch anverwandelt - die härteste Form von Mimesis ans Verhärtete und Entfremdete, um den heimlichen Metalhead Adorno zu zitieren." In diesem Sinne: Ab ins Moshpit, sobald es wieder geht.

Zum Weiterlesen: Jörg Steiner, "Metalmorphosen. Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal", 286 S., erschienen im Franz Steiner Verlag.

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