Hat Chris Froome die Tour schon verloren? | Sport | DW | 25.07.2018
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Tour de France

Hat Chris Froome die Tour schon verloren?

Der Tourminator. Der Unantastbare. Der Unglaubliche. Chris Froomes Überlegenheit hat schon so manchen Superlativ produziert. Nun scheint er erstmals bei der Tour de France schlagbar - oder ist er schon geschlagen?

Der letzte Eindruck

Die Zunge hängt weit aus dem Mund heraus, wie bei einem Hund, dem zu heiß ist. Der Blick ist nach unten gerichtet. Chris Froome zeigt tatsächlich Schwäche. Als Tom Dumoulin im Schlussanstieg der kurzen, aber knüppelharten 17. Etappe von Bagnères-de-Luchon zum Col de Portet endlich 1,5 Kilometer vor dem Ziel attackiert, fällt die Maske von Chris Froome. Er kann nicht folgen. Das hätten nicht einmal seine Konkurrenten gedacht: "Ich habe gesehen, dass er in Schwierigkeiten war", sagte der Niederländer Dumoulin, der im Gesamtklassement an Froome vorbeizog. "Aber ich wusste nicht, ob das ein Bluff war. Deswegen habe ich abgewartet bis ich meine Attacke gesetzt habe." Nach zuletzt drei Grand-Tour-Siegen in Folge (Tour 2017, Vuelta 2017, Giro 2018) schien eine Schwäche Froomes also so unglaublich, dass nicht einmal seine Gegner wirklich daran geglaubt haben. Doch Froome verliert Zeit: 1:35 Minuten bis ins Ziel - und das, obwohl sein junger kolumbianischer Helfer Egan Bernal weiter für ihn arbeitete. Der letzte Eindruck ist also der eines geschlagenen Chris Froome, der obendrauf noch bei der Rückfahrt ins Hotel von einem Polizisten vom Rad geholt wurde: Der Ordnungshüter hielt den in einer grauen Regenjacke fahrenden Froome für einen Fan und hielt ihn auf. Froome stürzte, was den Tour-Sieger sichtlich verärgerte. "Es war ein Missverständnis, Chris geht es gut", sagte ein Teamsprecher nach dem Vorfall. 

Die Ausgangslage

Vor der letzten Bergetappe liegt Chris Froome nun also 2:31 Minuten hinter seinem Teamkollegen Geraint Thomas und 32 Sekunden hinter Tom Dumoulin. Eine völlig neue Erfahrung für Froome, der vier der letzten fünf Austragungen gewann (2014 schied er nach Stürzen aus). Der Abstand zu Dumoulin mag noch überschaubar sein, der zu seinem bisherigen Edelhelfer Thomas ist dagegen beträchtlich. Und es bleiben Froome praktisch nur noch zwei Etappen. Zwar sind noch vier Etappen zu absolvieren, zwei davon sind jedoch Flachstücke (18. und 21. Etappe) ohne Chance auf einen Zeitgewinn. Und jetzt, da Froome Schwäche gezeigt hat, wird er sich auch Angriffen von hinten erwehren müssen. Der slowenische Ex-Skispringer Primoz Roglic sitzt Froome mit nur 16 Sekunden Rückstand arg im Nacken und Etappensieger Nairo Quintana dürfte mit 59 Sekunden Rückstand auf Froome ebenfalls wieder an seine Chance auf das Tour-Podium glauben. Der britische Titelverteidiger muss sich also zwischen Offensive (Angriff auf das Gelbe Trikot) und Defensive (Verteidigung des Podestplatzes) entscheiden.

Der teaminterne Rivale

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Geraint Thomas: "Froome ist noch nicht geschlagen"

Ja, ja, wie sich die Dinge doch drehen können. Wir erinnern uns: Auf einer Alpen-Etappe der Tour de France 2012 hängte Chris Froome "unabsichtlich" seinen Kapitän und späteren Gesamtsieger Bradley Wiggins ab und machte mit Gesten eindeutig klar, wer der Stärkere war. Wiggins sprach später von einem "Dolchstoß". Im Jahr darauf fuhr Froome unwiderstehlich zum Sieg und vollzog so den Wachwechsel im Team Sky. Nun könnte ihn ein ähnliches Schicksal ereilen. Sein Freund und (bisheriger) Helfer Geraint "G" Thomas ist bei dieser Tour schlicht "der Stärkste", wie Tom Dumoulin feststellte. Froome verlor überall etwas Zeit auf seinen Buddy, mal durch einen Sturz, mal durch Zeitbonifikationen im Sprint, mal durch einen kleinen Einbruch am Col de Portet. Im Ergebnis stellt sich mit besagten 2:31 Minuten Vorsprung von Thomas auf Froome die Leader-Frage – oder ist die längst beantwortet?

Versicherte Thomas vor wenigen Tagen, aber bereits in Gelb, dass Froome der Kapitän sei, so klang der Waliser im Ziel der 17. Etappe schon anders. Ob man bei Sky nun für ihn fahre? "Ich gehe davon aus. Natürlich wollte ich nicht, dass er (Chris Froome, Anm. d. Red.) einen so schlechten Tag hat wie er ihn hatte. Aber es gibt mir auch Selbstvertrauen wenn jemand von seiner Klasse Probleme bekommt. Ich hoffe, dass ich die Chance wahrnehmen kann." Klingt alles andere als loyal. Dass Thomas also Froome auf der letzten Bergetappe einfach so fahren lässt, darf bezweifelt werden.

Die verbleibenden Chancen

Exakt zwei Möglichkeiten hat Froome auf der Strecke der Tour noch, das Blatt zu wenden. Die erste bietet sich auf der letzten Bergetappe am Freitag: Von Lourdes nach Laruns geht es über 200,5 Kilometer und über sechs Bergwertungen, wobei der Col du Tourmalet (92,5 Kilometer vor dem Ziel) und der Col d'Aubisque (20 Kilometer vor dem Ziel) die größten Herausforderungen darstellen. Mit einer frühen Attacke im Stile seines ebenso monumentalen wie verwunderlichen Giro-Comebacks im Mai könnte Froome Zeit herausholen. Aber erstens ist das eine riskante Taktik, die auch nach hinten losgehen könnte. Und zweitens müsste er damit seinen eigenen Teamkollegen attackieren, eigentlich ein No-Go im Radsport. Wagt Froome tatsächlich den offenen Zweikampf mit seinem Teamkollegen wie einst 1986 Bernard Hinault, der Greg Lemond in Alpe d'Huez angriff und scheiterte? Kaum vorstellbar, denn Geraint Thomas war jahrelang ein treuer Helfer und Wegbereiter für Froomes Erfolge. Und die zweite Chance? Ist im Prinzip keine. Das 31 Kilometer lange Zeitfahren von Saint-Pée-sur-Nivelle nach Espelette bietet zwar bestes Terrain für einen Allrounder wie Froome. Denn der Kurs ist schwer und hat viele Rhythmuswechsel. Aber: Geraint Thomas ist in solchen Zeitfahren inzwischen genau so stark wie Froome. Dass Letzterer mehr als ein paar Sekunden auf Thomas herausholt darf man getrost bezweifeln.

Tour de France 2018 9. Etappe (Reuters/B. Tessier)

Nicht seine Tour: Auf der Kopfsteinpflaster-Etappe nach Roubaix machte Froome (Mitte) spektakulär den Abflug

Die Prognose

"Er ist ein Kämpfer", sagt Geraint Thomas über Chris Froome. Das ist unbestritten. Der vierfache Tour-Sieger hat beim Giro d'Italia bewiesen, dass er auch aus scheinbar aussichtsloser Position noch siegen kann. Und dass sich Froome trotz wochenlanger Buh-Rufe durch das französische Publikum, das ihm seine Erklärung für den deutlich erhöhten Salbutamol-Wert nicht abnimmt, nicht beirren lässt, spricht für seine mentale Verfassung. Aber körperlich wirkt Froome nicht mehr so überlegen wie zu Beginn seines Siegeszuges im Profiradsport. Schon im Vorjahr war es vor allem sein Team, dass ihm half, den knappen 54-Sekunden-Vorsprung auf Verfolger Rigoberto Uran aus Kolumbien ins Ziel nach Paris zu bringen. Auch in diesem Jahr fährt Sky bärenstark und im Prinzip in einer eigenen Liga. Doch auch das wird Froome am Ende nicht reichen. Ohne einen Defekt, Sturz oder Einbruch seines Teamkollegen Geraint Thomas wird der Toursieger in Paris dieses Mal nicht mehr Chris Froome heißen.

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