Hartz-IV-Rebellin fordert Jens Spahn heraus | Politik | DW | 28.04.2018
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Politik

Hartz-IV-Rebellin fordert Jens Spahn heraus

Jens Spahns Aussagen über Armut haben Sandra Schlensog wütend gemacht. "Einen Monat mit Hartz IV" fordert sie von ihm in einer Petition. Am Wochenende kommt es zu einem Treffen und sie glaubt, dass er einwilligt.

Sandra Schlensog (picture-alliance/dpa/M. Murat)

"Bin noch nicht nervös" - Sandra Schlensog in Kämpferpose vor dem Treffen mit Jens Spahn

Sandra Schlensog kann sich noch genau an den Morgen erinnern, der ihr Leben umgekrempelte. Sie hatte gerade ihren zehnjährigen Sohn in die Schule gebracht. Dann trank sie in ihrer kleinen Dreizimmerwohnung in Karlsruhe den ersten Kaffee vor dem Fernseher. Da erschien Jens Spahn auf der Mattscheibe und betonte, dass Hartz IV nicht Armut bedeute, sondern es "die Antwort der Solidargemeinschaft auf Armut" sei. Mit den Regelsätzen für Arbeitslose bekomme "jeder das, was er zum Leben braucht", sagte Spahn in seiner gewohnt direkten Art - die viele als polemisch bezeichnen - und brach eine Debatte über Armut vom Zaun.

"Ich habe ein paar Sekunden gebraucht, um seine Worte zu realisieren", sagt die 40-Jährige heute, "dann kam die Wut". Die sei groß genug gewesen, um zu sagen: "Jetzt steht ich auf". Schlensog startete eine Petition, in der sie Spahn auffordert, einen Monat lang mit dem Harzt-IV-Regelsatz zu leben. "Dann gehen wir beide einen Kaffee trinken und unterhalten uns noch einmal darüber, was Armut bedeutet",schreibt sie. Fast 200.000 Menschen haben die Petition unterschrieben.

Ein Telefonat und ein Treffen

Seitdem hat sie bereits mit Jens Spahn telefoniert - der gemeinsame Kaffee soll an diesem Samstag folgen - vor Spahns möglichem Selbstversuch. "Er hat mich angerufen und das Treffen vorgeschlagen". Es wird einen Pressetermin geben. "Mir war aber auch wichtig, mich mit ihm privat zu treffen." Nur in die Kameras lächeln, das sei nicht ihre Sache. Nervös sei sie noch nicht. Sie wolle ihm einfach ihre Situation schildern. "Vielleicht betrachtet er dann die Dinge anders".

CDU-Politiker Jens Spahn (Reuters/F. Bensch)

Gesundheitsminister Jens Spahn kommt nach Karlsruhe und trifft sich mit Sandra Schlensog

Sandra Schlensog hat zwei Ausbildungen gemacht: zur Bürokauffrau und zur Inkassofachkraft. Seit 2013 bezieht sie Hartz IV. Davor hat sie mit kleinen Unterbrechungen 19 Jahre lang gearbeitet. "Vor fünf Jahren fing die Schleife an, aus der ich irgendwie nicht mehr herauskam." Aber sie gab nicht auf: Bis Februar dieses Jahres hoffte sie auf eine Anstellung als Bürofachkraft bei einem Installateur. Am letzten Tag der Probezeit platzte der Traum, als die Kündigung kam. Als Mutter sei sie zu unflexibel, hieß es in der Begründung. Man müsse aufpassen, dass einen die Selbstzweifel und Ängste nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit nicht einholten. Resignieren sei aber nicht ihre Art. "Ich war schon als Kind eine Kämpferin". Spahn leugne den Ist-Zustand. "Seine Aussagen tragen zu unserer Stigmatisierung bei - das regt mich so auf!"

Was ist Armut?

Schlensog bekommt mit Kindergeld knapp 1150 Euro im Monat vom deutschen Staat. Nach Miete, Strom und Gas blieben ihr für Lebensmittel und Kleidung noch 350 bis 400 Euro. Unter dem Strich hätte sie so knapp zehn Euro am Tag für sich und ihren Sohn. "Das ist Armut". Zuletzt habe sie nicht zu einer Beerdigung fahren können, weil sie das Geld für die Fahrt nicht hatte. Manchmal geht sie nicht zu Geburtstagsfeiern, weil sie sich oft keine Geschenke leisten kann. "Da fangen die Probleme an."

Kinderarmut (picture-alliance/dpa)

Ein kleines Mädchen vor ihrem Wohnblock am Stadtrand

So wie Schlensog beziehen derzeit rund 4,3 Millionen Menschen in Deutschland Hartz-IV-Leistungen. Der Regelsatz von 416 Euro liegt deutlich unterhalb des Schwellenwertes von 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens. Wer weniger als diesen Wert monatlich zur Verfügung hat, gilt bei Statistiken als armutsgefährdet. 2016 lag er für einen Alleinstehenden in Deutschland bei 1065 Euro. Laut einer europäischen Studie war im selben Jahr in Deutschland jeder Fünfte von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - besonders häufig trifft es Alleinstehende und Alleinerziehende. Doch nicht jeder, der statistisch arm ist, würde sich als arm bezeichnen. Bei Sandra Schlensog ist das anders - auch wenn sie in ihrer Petition schreibt, dass es ihr nicht leicht fällt, das zuzugeben. "Man kann mit dem Geld überleben, aber ein Leben ist es nicht", sagt sie.

Jens Spahn mit 416 Euro?

Das will sie auch Jens Spahn erzählen, wenn sie ihm am Samstag in Karlsruhe ihre Petition übergibt. "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass er es machen wird", sagt Schlensog. "Er weiß, wie man sich profiliert und dieser Selbstversuch bringt ihm mediale Aufmerksamkeit und ist gut für seine Karriere." Für diesen Fall haben sie und andere Organisationen auch schon Gedankenspiele angestellt. "Es müsste in gewisser Weise fingiert sein. Wir mieten eine Wohnung, geben ihm das Geld in bar und dann müssen ihm zum Beispiel auch mal die Schuhe kaputt gehen", erklärt sie. Bei so vielen Kameras könnte sich Spahn da keinen Fehltritt leisten.

Aber auch wenn er nicht mitmacht, sieht sich Schlensog bereits als Siegern. "Wir stehen stark im Abseits. Jetzt wird wieder über Arbeitslosigkeit und Armut diskutiert." Sie hofft, dass Menschen wie sie wieder ernster genommen werden. "Dann wächst vielleicht auch das Selbstwertgefühl." Ihr eigenes scheint von der Wirkung ihrer Petition wie berauscht. Aktuell ist sie in Gesprächen, um eine Art Interessensvertretung für Arbeitslose ins Leben zu rufen. "Die haben nämlich keine Lobby." Sie selbst hofft deshalb bereits auf eine Anstellung in diesem Verein. Jens Spahn hätte ihr Leben dann tatsächlich auf den Kopf gestellt.

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