Hans-Jochen Vogel: Der Pflichtbewusste | Deutschland | DW | 26.07.2020
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Nachruf

Hans-Jochen Vogel: Der Pflichtbewusste

Hans-Jochen Vogel war ein Sozialdemokrat alter Schule: Bereit zu fast allen Aufgaben, stellte er den Dienst an Partei und Staat vor die eigene Karriere. Nun ist er mit 94 Jahren in München gestorben.

Die Palette an hohen Aufgaben, die Hans-Jochen Vogel im Laufe seines langen Lebens vorweisen konnte, ist so breit wie bei kaum einem anderen bundesdeutschen Politiker: 1960 mit nur 34 Jahren Oberbürgermeister von München, 1972 Bundesbauminister, dann Bundesjustizminister bis 1981 in den Kabinetten Brandt und Schmidt, 1981 kurze Zeit Regierender Bürgermeister von West-Berlin, Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 1983, SPD-Fraktionschef, ab 1987 gleichzeitig SPD-Parteivorsitzender - um nur die wichtigsten Posten zu nennen.

Hans-Jochen Vogel (08.04.1981)

Vogel als Regierender Bürgermeister von West-Berlin (1981)

Er war kein mitreißender Redner wie Willy Brandt, er hatte nicht das Macher-Image eines Helmut Schmidt. Hans-Jochen Vogel galt eher als korrekter, etwas spröder Beamtentyp. Mit seiner hochgekämmten, weißgrauen Frisur, seiner gewählten Ausdrucksweise und seinen großen Brillen nervte der "Oberlehrer" zuweilen die Genossen. Doch er hat sich nicht nur unter Sozialdemokraten großen Respekt erworben.

Respektvoll im Wahlkampf

Das eng Parteipolitische lag ihm nicht, eher das Staatstragende. Als er in Berlin um den Posten des Regierenden Bürgermeisters gegen den CDU-Rivalen Richard von Weizsäcker antrat, gingen die beiden Gentleman-Politiker äußerst sachlich und höflich miteinander um. "Ein Wahlwettlauf auf Schimpf- und Mogelfüßen? Den muss Berlin bei mir und Vogel missen", dichtete von Weizsäcker.

Vogel unterlag - und hat später bei der Wahl und Wiederwahl des Bundespräsidenten Weizsäcker unterstützt, als der Christdemokrat für das höchste Amt im Staat kandidierte. Berührungsängste zur CDU fehlten Vogel schon aus familiären Gründen: Sein Bruder Bernhard, lange Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und später von Thüringen, ist Christdemokrat. Das hat der brüderlichen Liebe keinen Abbruch getan.

Wahlkampf 1983: SPD-Wahlplakat mit Hans-Jochen Vogel

Kanzlerkandidat Vogel 1983: Der Versuch, Kohl abzuwählen, ging schief

Einmal hätte Hans-Jochen Vogel sogar Bundeskanzler werden können, theoretisch jedenfalls. Das war 1983, als die Regierung Schmidt mit einem konstruktiven Misstrauensvotum gestürzt wurde und der neue Kanzler Helmut Kohl die Bestätigung des Volkes durch eine Neuwahl suchte. Vogel trat an. Doch die CDU/CSU mit Spitzenkandidat Kohl siegte haushoch. Vogel aber hatte seine Pflicht getan, so wie er den SPD-Fraktions- und dann den Parteivorsitz eher als Pflichterfüllung sah.

1996 schrieb er in seinem Buch "Nachsichten": "Ein drittes Mal in sieben Jahren stand ich nach der Berliner Kandidatur und der Kanzlerkandidatur vor der Situation, dass eine Aufgabe auf mich zukam, die kein anderer übernehmen wollte. Deshalb sagte ich ja."

Unruhige Zeiten schon damals

Hans-Jochen Vogel war ein nachdenklicher Politiker, der sich Gedanken nicht nur ums Tagesgeschäft, sondern auch um die Entwicklung der Gesellschaft machte. Früher als andere sorgte er sich um die Umwelt, kritisierte eine völlige Ökonomisierung des menschlichen Lebens. Angesichts der starken Protestbewegungen und Hausbesetzungen Anfang der 1980er-Jahre verteidigte er zwar das Gewaltmonopol des Staates, mahnte aber gleichzeitig die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel an. 

Bernhard und Hans-Jochen Vogel in Wiesbaden (01.12.2009)

Brüder Hans-Jochen (l.) und Bernhard Vogel (2009): Der eine Sozial-, der andere Christdemokrat

In seine Zeit als Bundesjustizminister fiel auch der Terror der Roten-Armee-Fraktion (RAF). Wie Bundeskanzler Helmut Schmidt meinte Vogel, der Staat dürfe den Forderungen von Terroristen auch unter Druck nicht nachgeben. Als die RAF daraufhin den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer ermordete, machte sich Vogel dafür mitverantwortlich, "auch wenn ich glaubte und heute noch glaube, mir keinen Schuldvorwurf machen zu müssen", wie er in "Nachsichten" schrieb. Vogel galt 17 Jahre lang als hochgefährdet und stand in dieser Zeit rund um die Uhr unter Personenschutz.

Nach jahrzehntelangem Dienst an Staat und Partei hatte aber auch der pflichtbewusste Hans-Jochen Vogel das Gefühl, dass es Zeit war zu gehen. 1991 hörte er als Fraktionsvorsitzender auf, 1994, mit 68 Jahren, schied er aus dem Bundestag aus. "Meine Maxime war, man müsse gehen, solange man seinen Mitmenschen die Bekundungen des Bedauerns noch glauben könne", schrieb er im Rückblick. Das war nun wieder ganz Vogel-Sprache. Die letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen in einem Seniorenheim. Er litt unter Parkinson. Das Lesen und Schreiben fiel ihm deswegen schwer. Im Alter von 94 Jahren ist er an diesem Sonntagmorgen in München gestorben.