Hans im Unglück - zum 125. Geburtstag von Hans Fallada | Bücher | DW | 21.07.2018
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Romane

Hans im Unglück - zum 125. Geburtstag von Hans Fallada

Am Beispiel kleiner Leute beschrieb Hans Fallada die Gesellschaft in Zeiten der Weimarer Republik und unter den Nazis. Mit dem Leben kam er nicht so gut zurecht. Am 21. Juli jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal.

Der Schriftsteller Hans Fallada besaß eine besondere Beobachtungsgabe: Am Beispiel der sogenannten "kleinen" Leute zeichnete er Gesellschaftsskizzen, die auch fast 100 Jahre später noch eine sehr genaue Vorstellung vom Alltag damals ermöglichen. Dabei hielt Falladas eigenes, turbulentes Leben eine Fülle an Episoden bereit, die schon allein Stoff genug für einen Roman bieten. Am 21. Juli jährt sich der Geburtstag des Schriftstellers zum 125. Mal.

Rudolf Ditzen kommt 1893 in Greifswald zur Welt, er wächst in einem gutbürgerlichen, liebevollen Elternhaus auf. Die Familie bemerkt früh Verhaltensauffälligkeiten bei dem Jungen, der Tiere liebt und sie trotzdem quält. Als 18-Jähriger tötet er einen Freund bei einem versuchten Doppelsuizid, den die beiden Jugendlichen als Duell tarnen. Der Mitschüler stirbt, Rudolf überlebt, obwohl er sich selbst noch zweimal in die Brust schießt.

Sucht nach Morphin und Alkohol

Aufgrund einer diagnostizierten Gemütsdepression umgeht der junge Mann einer Mordanklage, verbringt in der Folge aber zwei Jahre in einer Nervenheilanstalt. Ohne Schulabschluss arbeitet er anschließend in der Landwirtschaft, 1914 meldet er sich als Kriegsfreiwilliger - und wird als "dauerhaft untauglich" ausgemustert: Nach einem Unfall war der jugendliche Rudolf einige Jahre zuvor nämlich mit Morphium behandelt worden - wie später auch aufgrund seiner Schussverletzungen. Dadurch entwickelte er eine ausgeprägte Sucht nach Alkohol und Morphin.

Die Schreibmaschine Hans-Falladas steht auf einem Tisch (picture-alliance/dpa/B. Wüstneck)

In seinem alten Arbeitszimmer in Carwitz steht bis heute die Schreibmaschine des Schriftstellers

Rudolf Ditzen beginnt zu schreiben und leiht sich seinen Künstlernamen bei den Gebrüdern Grimm: Seinen Vornamen entnimmt er "Hans im Glück", den Nachnamen dem sprechenden Pferd Falada in "Die Gänsemagd". Dessen abgeschlagener Kopf hängt über einem Tor und verkündet weiterhin die Wahrheit.

Fallada verfasst einen Roman über die Sorgen und Nöte während der Pubertät, der 1920 als "Der junge Goedeschal" erscheint. Um seine Sucht zu finanzieren, begeht Fallada wiederholt Betrugsdelikte und unterschlägt Geld, insgesamt sitzt er für seine Vergehen rund drei Jahre im Gefängnis. Aus den Erfahrungen geht später der Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" hervor.

Fallada verlobt sich mit Anna Issel, mit der er drei Kinder haben wird - und scheint sein Glück gefunden zu haben. 1932 verfasst er "Kleiner Mann - was nun?": Der Roman bringt ihm seinen internationalen Durchbruch: dutzende Auflagen, Übersetzungen, Auslandsausgaben - Fallada ist nun weltbekannt. Die Geschichte erzählt von einem Paar, das sich in einer neuen Gesellschaft zwischen den finanziellen Nöten der Weltwirtschaftskrise und dem Erstarken der Nazis zurechtfinden muss. Ganz nebenbei taucht der Roman auch in die Subkulturen der wilden 1920er Jahre in Berlin ein.

Neue Sachlichkeit 

Fallada ist zum Vertreter der neuen Sachlichkeit geworden, seine Protagonisten und ihr Umfeld beschreibt er fast dokumentarisch. Aber auch die Sachlichkeit wird bald zurecht gestutzt: Nach der Machtergreifung der Nazis erscheint "Kleiner Mann - was nun?"  in einer gekürzten Version. Für Fallada brechen schwierige Zeiten an, die bis heute ein blinder Fleck in seiner Vita geblieben sind.

Zwar scheint der Autor die Nazis zu verabscheuen: Er lässt eine Jüdin bei sich wohnen, und wegen seiner Krankheitsgeschichte wird er persönlich, als Schriftsteller beruflich mit Skepsis, beäugt. Fallada wird von einem Nachbarn denunziert, weil er über die neuen Machthaber witzelt, und muss ein paar Tage ins Gefängnis. Er nimmt es zum Anlass, "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" fertigzustellen. Kurz darauf wird Fallada zum "unerwünschten Autor" erklärt. Er will das Land mit seiner Familie verlassen, entscheidet sich aber kurzerhand dagegen, obwohl die Koffer bereits gepackt sind. Er fürchtet, im Exil nicht schreiben zu können. Aus Berlin ziehen sie auf ein Landgut im Mecklenburgischen Carwitz. Seine folgenden Arbeiten aus diesen Jahren sind politisch neutral.

Deutschland Hans-Fallada-Haus in Carwitz (picture-alliance/dpa/B. Wüstneck)

Das Hans-Fallada-Haus in Mecklenburg ist heute ein Veranstaltungsort. Hier lebte die Familie während der NS-Zeit.



Mitläufer oder Widerständler?

Später jedoch setzt Hans Fallada seine Integrität aufs Spiel - ob aus dem Wunsch nach Anerkennung oder um die NSDAP nicht gegen sich aufzubringen, ist bis heute nicht vollkommen geklärt. Die Wehrmacht schickt Fallada als Sonderführer - ein Soldat mit zivilen Kenntnissen - nach Frankreich und der Schriftsteller scheint von der Vorzugsbehandlung sogleich eingenommen. Dokumente aus jener Zeit zeugen von einem nationalistisch geprägten Ton Falladas, der bald einwilligt, auf Wunsch von Propagandaminister Joseph Goebbels einen antisemitischen Roman zu verfassen. Fallada spielt allerdings auf Zeit, das Manuskript geht verloren.

1944 lässt sich Fallada von seiner Frau Anna scheiden, im Drogenrausch fuchtelt er mit einer Pistole herum, bis sich ein Schuss löst. Anna bleibt unverletzt, gegen Hans wird Anklage wegen versuchten Mordes erhoben, er kommt in eine Trinkerheilanstalt, wo er "Der Trinker" sowie fünf Erzählungen schreibt, die 1950 posthum veröffentlicht werden. Im Roman breitet Fallada die Abgründe der Sucht aus und lässt seinen Helden Erwin Sommer in den Tod gehen.

Ein neuer Welterfolg - und ein Abgang wie im Roman

Unter den Erzählungen befindet sich auch seine persönliche Abrechnung mit dem NS-Regime - obwohl der Krieg noch nicht vorbei ist. Um seine Dokumente im Gefängnis zu schützen, beschreibt Fallada die Blätter so eng und chiffriert sie, dass sein Verlag Jahre später mehrere Monate benötigt, um das Manuskript zu entziffern und den Roman zu rekonstruieren. Die Notizen enthalten aber auch Passagen mit antisemitischen Zügen.

Hans Fallada zieht wieder nach Berlin, er heiratet die fast 30 Jahre jüngere Ursula, die ebenfalls alkoholkrank ist. Sein Lebenswandel bleibt stabil instabil. Seinen letzten, auf wahren Begebenheiten basierenden Roman "Jeder stirbt für sich allein" über das Ehepaar Quangel, das leisen Widerstand gegen die Nationalsozialisten leistet und 1943 hingerichtet wird, schreibt er 1947 innerhalb von vier Wochen. Fallada legt den Alltag im Nationalsozialismus offen, ein Porträt jener Zeit, weit weg von der Front - ein "literarisches Großereignis", wie die "New York Times" urteilt. Das Buch wird in 30 Sprachen übersetzt und entwickelt sich zum Weltbestseller. Allein in Großbritannien werden mehr als 300.000 Exemplare verkauft.

Jeder stirbt für sich allein (Buchcover) (aufbau)

In 30. Sprachen übersetzt: "Jeder stirbt für sich allein"

Doch das, was man heute als Comeback bezeichnet, erlebt Fallada nicht mehr. Unmittelbar nach der Fertigstellung des Romans folgt - wie so häufig nach dem Ende seiner Arbeiten - der nächste Aufenthalt in einer Klinik. Von diesem kehrt er nicht zurück, am 5. Februar 1947 stirbt Hans Fallada an Herzversagen. Eine Folge seines inzwischen eskalierten Morphiumkonsums. Er endet wie sein "Trinker" Erwin Sommer.

Hans Fallada war von zwei Süchten getrieben: der nach Alkohol und Morphium und der nach dem Schreiben. Wenn eines fehlte, trat das andere an seine Stelle. Wahrscheinlich trägt neben seinen Romanen gerade dieses Leben dazu bei, dass Fallada immer noch aktuell ist: Im Aufbau-Verlag sind seine Werke in den vergangenen Jahren wieder in ihrer ursprünglichen, ungekürzten Form erschienen. Und über den Menschen und Schriftsteller Fallada liegt die beachtliche Zahl von sieben Biografien vor.

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