Guter Unterricht oder schlechte Betreuung | Bildung | DW | 07.11.2013
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Bildung

Guter Unterricht oder schlechte Betreuung

Mehr Grundschulen in Deutschland sollen in Ganztagsschulen umgewandelt werden – auch, damit die Kinder am Nachmittag betreut sind. Es gibt verschiedene Konzepte - und manche Ansätze sind umstritten.

Neben einem dicken Baumstamm stehen ein paar Schulranzen, ihre Besitzer jagen einem Fußball hinterher. Es ist früher Nachmittag auf einem Hamburger Schulhof. Nach Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung toben die Jungs sich aus. Die anderen Kinder der Grundschule Rothestraße lesen, basteln oder machen Musik. Seit Ende der Sommerferien ist die Grundschule Rothestraße eine Ganztagsschule. Von dem Nachmittagsangebot profitieren ihre Schüler, meint Rektorin Susanne Wagner. "Viele Kinder, die mittags abgeholt wurden, waren dann oft allein zu Hause." Jetzt werden alle 370 Schüler auch nachmittags betreut und gefördert.

Die Grundschule Rothestraße ist eine so genannte "gebundene Ganztagsschule", die Teilnahme am Nachmittagsangebot ist für die Schülerinnen und Schüler verpflichtend. Allerdings findet am Nachmittag in der Regel kein Unterricht statt, sondern die Kinder haben Zeit zum Spielen und für ihre Hausaufgaben.

Damit kommt diese Hamburger Grundschule dem Modell schon sehr nahe, das der Aktionsrat Bildung in seinem Jahresgutachten für alle Grundschulen fordert, und das er am Mittwoch vorgelegt hat. Allerdings gehen die neun Bildungsexperten des Aktionsrats davon aus, dass eine Ganztagsbetreuung ohne Unterricht am Nachmittag nicht ideal ist.

Sarah rechnet am 12.07.2012 in der 2.Klasse in der Ganztagsschule in der Helsinkistraße in der Messestadt in München (Oberbayern) an der Tafel. Copyright: dpa - Bildfunk

Mehr Unterricht auch am Nachmittag?

Stattdessen macht sich der Aktionsrat für eine "rhythmisierte Ganztagsschule" stark, in der sich über den ganzen Schultag verteilt Unterricht und Freizeit abwechseln. Eine Einschätzung, die auch Natalie Fischer vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) teilt, die am DIPF eine Langzeitstudie zur Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland leitet. Allerdings warnt Natalie Fischer davor, die Unterrichtszeiten zu diesem Zweck zu verlängern. "Dies steigert zwar die Fachleistung der Schüler, aber es kann auch deren Motivation bremsen", sagt Fischer. Vielmehr müssten Lern- oder Übungszeiten über den Tag verteilt eingebaut werden.

Aktionsrat fordert einheitliche Qualitätsstandards

Laut dem Aktionsrat besuchte in Deutschland im Jahr 2011 ein Viertel aller Grundschüler ein ganztägiges Angebot, doch nur fünf Prozent eine "echte" Ganztagsschule, also eine gebundene Ganztagsschule mit Unterricht auch am Nachmittag. Angesichts der bundesweiten Unterschiede der Angebote, die durch das föderale Bildungssystem entstehen, fordern die Experten in ihrer Studie, länderübergreifende pädagogische Richtlinien und Qualitätsstandards für Ganztagsgrundschulen.

Die Unterschiede werden auch innerhalb der Bundesländer deutlich: Im Stadtstaat Hamburg zeigt sich trotz der Umstellung aller Grundschulen auf das Ganztagsschulkonzept kein einheitliches Bild. Seitens der Politik gibt man sich dennoch überzeugt, dass die Veränderung hin zum Ganztag langfristig zu mehr Chancengleichheit für die Kinder führen kann. Schulsenator Ties Rabe: "Wir wollen damit die erheblichen Lernunterschiede ausgleichen und Lernschwachen bessere Zugänge zu Bildung verschaffen", betont der SPD-Politiker. Schließlich habe Hamburg sehr viele Schüler aus bildungsfernen Milieus, die man nun besser erreichen könne. "Derzeit nehmen 70 Prozent aller Hamburger Grundschüler am Ganztagsangebot teil", sagt Rabe.

Leseraum in der Kinderwohnung der Hamburger Grundschule Rothestraße. 30.10.2013 in Hamburg Copyright: DW/J. Albrecht

Im Leseraum der Schule lässt es sich gemütlich schmökern

Hinweise auf verbesserte Lesekompetenz

Dabei ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig ermittelt, welche positiven Lerneffekte ein ganztägiges Angebot erzielt. Der Aktionsrat Bildung kommt in seiner Analyse sogar zu dem Schluss, dass es bisher keinen Beleg für eine höhere Qualität der Ganztagsschulen gibt. "Wir wissen bislang nicht, ob Kinder auf Ganztagsschulen besser gefördert werden als Kinder auf Halbtagsschulen", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, einer der neun Wissenschaftler im Aktionsrat.

Auch Natalie Fischer vom DIPF sagt, dass es bisher kaum Studien gebe, die Ganztags- und Halbtagsschulen in diesem Punkt miteinander vergleichen. Die Wissenschaftlerin koordiniert das bundesweite Projekt "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschule (StEG)". Sie erkennt jedoch durchaus erste Hinweise auf positive Lerneffekte. "Bei Kindern aus Migrantenfamilien konnte in der ersten und zweiten Klasse ein besseres Leseverständnis festgestellt werden", sagt Fischer. Zudem seien in der Sekundarstufe I, also von der fünften bis zur neunten Jahrgangsstufe, Klassenwiederholungen seltener.

Sportangebot in der Turnhalle der Hamburger Grundschule Rothestraße. 30.10.2013 in Hamburg Copyright: DW/J. Albrecht

In der Turnhalle können die Schüler sich austoben

Einen positiven Einfluss sieht Natalie Fischer beim Sozialverhalten: "Es gibt an diesen Schulen meist weniger Vandalismus oder auch Hänseleien." Doch dafür müssten die Schüler das Ganztagsangebot auch regelmäßig wahrnehmen. Am Ende komme es aber immer auf die einzelne Schule an, egal ob Halb- oder Ganztagschule, und darauf, welche Förderungsmöglichkeiten eine Schule anbietet. Das StEG-Projekt erforscht derzeit, wie die jeweiligen Maßnahmen gestaltet sein sollten.

Vom Ausland lernen

Während in Deutschland erst ein Drittel aller Schüler eine Ganztagsschule besucht, gehören Ganztagsschulen im europäischen Ausland sowie in Asien und in den USA längst zum Alltag. Dennoch holten sich mittlerweile auch einige Länder beim deutschen Ganztagsangebot wertvolle Tipps, sagt Fischer. "Frankreich hat zwar eine lange Ganztagstradition, aber dort findet in erster Linie nur Unterricht statt." Nun rudere man in diesem Punkt wieder etwas zurück und überlege, wie man auch Freizeitangebote integrieren könne.

Ein Vorbild für die Förderung von bildungsfernen Einwandererfamilien ist für Ulrich Kober von der Bertelsmannstiftung Kanada. "In Toronto hat man Schulen mit besonders hohem Anteil dieser Schüler finanziell besonders unterstützt, so dass die Kinder dort auch nach 16 Uhr und in den Ferien individuell gefördert werden", sagt der Programmdirektor der Abteilung Integration und Bildung. Dort sei auch dokumentiert worden, dass diese Kinder in zwei, drei Jahren sehr große Fortschritte gemacht hätten.

Hamburgs Senator muss Kritik einstecken

Bild im Klassenraum einer 4. Klasse an der Hamburger Grundschule Rothestraße; Hamburg, 30.10..2013; Copyright: DW/J. Albrecht

Auch der Unterricht kann kreativ gestaltet werden

In Hamburg erhofft man sich nun denselben Effekt. Durch die Umstellung der Grundschulen auf Ganztagsschulen wolle man zudem Kindern aus finanziell schwächeren Familien ermöglichen, an sportlichen und kulturellen Freizeitangeboten an der Schule teilzunehmen, so Schulsenator Rabe. Doch die Systemumstellung läuft in der Hansestadt nicht reibungslos. Spricht man mit Eltern, so sind die Verhältnisse an vielen Schulen gerade am Nachmittag chaotisch. Hausaufgabenbetreuung übernähmen oft Aushilfskräfte statt Lehrer. Vor allem fehle es an Personal und Räumen, mahnen die Elternräte mehrerer Grundschulen in einer Petition.

Miteinander von Erziehern und Lehrern

Um all das zu verbessern, fordert Schulexperte Kober mehr gemeinsame Fortbildungen für Erzieher und Lehrer. "Es reicht nicht aus, vormittags zu unterrichten und nachmittags zu betreuen", betont er. Vielmehr müsse eine Verzahnung des Vormittags mit dem Nachmittag stattfinden. Ein Ziel, das auch Schulleiterin Susanne Wagner an ihrer Hamburger Grundschule verfolgt. Bei Schulbesuchen in den Niederlanden und Dänemark hat sie vor allem die Arbeit in multiprofessionellen Teams begeistert. "Das gute alte Lehrerzimmer gibt es dort nicht mehr." Ein Mitarbeiterraum für alle schaffe Kommunikation.

Auch wenn es den in der Rothestraße noch nicht gibt, spürt man hier die Veränderungen im Kollegium. Erzieher Axel Claussen, der nachmittags im Einsatz ist, sagt, dass mittlerweile auch mehr Lehrer mit ihm das Gespräch über einzelne Kinder suchten. "Wir erleben die Kinder ja noch mal ganz anders als die Lehrer im Unterricht."

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