Großer Andrang bei Präsidentenwahl in Simbabwe | Aktuell Afrika | DW | 30.07.2018
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Erste freie Wahlen seit 1980

Großer Andrang bei Präsidentenwahl in Simbabwe

Es war die erste Wahl eines Staatschefs nach der Ära Mugabe. Nun könnte Simbabwe nach vier Jahrzehnten vor einem Regierungswechsel stehen - die Opposition geht von einem Sieg aus.

Inzwischen haben die Wahllokale geschlossen. Es war die erste Abstimmung seit knapp vier Jahrzehnten, bei der der vom Militär gestürzte Langzeitpräsident Robert Mugabe nicht mehr zur Wahl stand. Dessen Nachfolger Emmerson Mnangagwa ging als Favorit ins Rennen. Oppositionsführer Nelson Chamisa von der "Bewegung für Demokratischen Wechsel" (MDC) liegt Umfragen zufolge dicht hinter ihm - rechnet aber nach eigener Aussage mit einem Sieg. Bereits bei Sonnenaufgang hatten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen gebildet. Die Stimmung war angespannt, da es schon im Vorfeld Betrugsvorwürfe gab.

Für Simbabwe ist es eine Richtungsentscheidung: Mnangagwa (75) war lange Minister und später Mugabes rechte Hand, er ist ein Vertreter der alten Garde. Sein Wahlsieg würde die Herrschaft der Regierungspartei Zanu-PF in ein viertes Jahrzehnt verlängern. Der 40-jährige Chamisa hingegen, ein gelernter Jurist und eloquenter Pastor, steht für einen Neuanfang. "Es ist ein entscheidender Tag für Simbabwe. Vorausgesetzt, diese Wahl ist nicht manipuliert, ist uns der Sieg gewiss", sagte Chamisa nach Abgabe seiner Stimme in der Hauptstadt Harare. Sollte keiner der Kandidaten eine Mehrheit erzielen, würde am 8. September eine Stichwahl stattfinden. 

Bildkombo Simbabwe Präsidentschaftswahlen Mnangagwa Chamisa (picture-alliance/AP Photo)

Mnangagwa gegen Chamisa: Das Wahlergebnis ist noch offen

"Nicht perfekt, aber vergleichsweise fair"

Die Wahlen gelten nicht als perfektes Modell einer demokratischen Abstimmung, Beobachter sprechen jedoch von der freiesten und fairsten Wahl in Simbabwe seit vielen Jahren. Die Opposition kritisierte im Vorfeld, dass die Wahlkommission parteiisch sei. Zudem hätten Mnangagwa und seine Partei Zanu-PF die Ressourcen der Regierung - inklusive der staatlichen Medien - schamlos für ihren Wahlkampf missbraucht, so Chamisa. Erstmals seit vielen Jahren waren bei der Abstimmung auch wieder Wahlbeobachter aus den USA und der EU zugegen.

Erste Ergebnisse am Wochenende

Die rund 5,7 Millionen Wahlberechtigten konnten sich zwischen 23 Kandidaten entscheiden, doch nur Mnangagwa und Chamisa vom Oppositionsblock MDC werden ernsthafte Chancen eingeräumt. Erste Ergebnisse sollen am Wochenende bekanntgegeben werden. Die vielleicht größte Überraschung des Wahlkampfs kam am Sonntag: Ex-Präsident Mugabe lud nach Monaten des Schweigens zu einer Pressekonferenz ein und sagte, er könne Mnangagwa und die jahrzehntelang von ihm geführte Regierungspartei Zanu-PF nicht wählen: "Ich kann nicht für jene stimmen, die mich schikaniert haben." Daher gebe es neben Oppositionsführer Chamisa kaum andere Optionen, sagte er zum Erstaunen aller Beobachter. Mugabe ging in seiner Amtszeit häufig brutal gegen Chamisas Oppositionspartei MDC vor. 
Präsident Mnangagwa nutzte Mugabes Steilpass, um sich vom Ex-Präsidenten zu distanzieren. Eine Stimme für Chamisa sei eine Stimme für Mugabe, sagte er in einer Videobotschaft am Sonntagabend. Chamisa wies eine angebliche Allianz mit Mugabe als Unsinn zurück. Wer auch immer die Wahl gewinnt, steht vor enormen Herausforderungen.

Favorit mit dunkler Vergangenheit 

Infolge von Mugabes gescheiterter Wirtschaftspolitik ist Simbabwes Wirtschaftsleistung heute der Weltbank zufolge mit rund 900 US-Dollar pro Kopf niedriger als 1980. Wegen einer Hyperinflation wurde 2009 der US-Dollar als Währung eingeführt, was zu einer tiefen Krise geführt hat. Es herrscht Rekordarbeitslosigkeit. Und das, obwohl Simbabwe großes Potenzial hat: Rohstoffe wie Diamanten, eine gut ausgebildete Bevölkerung und ein fruchtbares Klima für die Landwirtschaft. Mugabe hatte sein Amt im November infolge eines Militärputsches aufgegeben. Zanu-PF machte daraufhin seinen früheren Vize Mnangagwa zum Präsidenten.

Simbabwe Präsidentenwahl (Getty Images/AFP/L. Tato)

Mehr als fünf Millionen Simbabwer dürfen wählen

Mugabe hatte Simbabwe seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1980 regiert - zuletzt mit zunehmend harter Hand. Mnangagwa, der wegen seiner Skrupellosigkeit oft "das Krokodil" genannt wird, war Menschenrechtlern zufolge in den 1980er Jahren als Geheimdienstminister für die Massaker in der Region Matabeleland mit verantwortlich. Dabei wurden Tausende Menschen der Ndebele-Volksgruppe getötet. Doch nun gibt er sich als geläuterter Demokrat, der Reformen anstrebt und den Simbabwern mehr Freiheit zugestehen will.

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Simbabwe wählt: Adrian Kriesch aus Harare

Mugabes Frau Grace erreichten am Wahltag schlechte Nachrichten aus Südafrika: Ein Gericht hat ihr die diplomatische Immunität abgesprochen. Grace Mugabe hatte vor einem Jahr in Johannesburg eine 20-jährige Südafrikanerin mit einem Verlängerungskabel verprügelt. Die junge Frau hatte sich in der Hotelsuite ihrer Söhne aufgehalten. Mugabes Ehefrau berief sich seinerzeit auf das Recht der diplomatischen Immunität - ihre Prügelattacke wurde in Südafrika bislang nicht strafrechtlich verfolgt. 2017 galt die damalige Präsidentengattin als mögliche Nachfolgerin ihres Mannes.   

Angst vor gewaltsamen Reaktionen 

Zu den ersten freien Wahlen in Simbabwe seit 1980 waren rund 5,6 Millionen Einwohner aufgerufen. Etwa 43,5 Prozent der registrierten Wahlberechtigten sind unter 35 Jahre alt. Die Angst vieler Simbabwer ist groß, dass es erneut zu Gewaltausbrüchen kommt - wie nach der Wahl von 2008, als über 200 Menschen getötet wurden. Dies Abstimmung selbst verlief jedoch friedlich.

Unterdessen riefen die Kirchenführer des Landes zur Ruhe auf. "Wahlen bringen Gewinner und Verlierer hervor und wir wissen, dass das Ergebnis oft bestritten wird", so Simbabwes Kirchenrat (ZCC). "Deshalb appellieren wir an alle Christen in politischen Führungspositionen, ihre Anhänger zurückzuhalten und alles Erdenkliche zu unternehmen, um Gewalt zu verhindern."

sth/jj (dpa, kna)

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