Groß sein vor Gott | Spurensuche | DW | 12.09.2018
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Spurensuche

Groß sein vor Gott

Wer ist der Erste? Wer ist der Größte? Dass der Maßstab Gottes nicht dem irdisch-menschlichen Geltungsdrang entspricht, darüber schreibt Dominikanerpater Bernhard Kohl von der katholischen Kirche.

Familie Schatten Symbolbild Hand (picture alliance / Markus C. Hurek)

„Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt..."

Irgendwie muss es wohl eine kulturelle Veranlagung sein. Zumindest nach außen – und einmal vom Sport abgesehen – gilt es als unangemessen, Erste oder Erster sein zu wollen. In der Schule wird das Lernen kooperativ gestaltet; Teil einer Gruppe sein zu wollen, ist sozial akzeptierter, als sich an deren Spitze zu stellen; es ist unbescheiden, sich anderen überlegen zu halten. Es scheint daher etwas überraschend, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger nicht für ihre Debatte darüber, wer denn von ihnen der oder die Erste sei, zurückweist. Im Gegenteil: Er gibt ihnen eine Anleitung dafür, wie dieses Erste-, dieses Erster-Sein funktioniert.

Wer ist der Größte?

Nachdem Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem in Kafarnaum angekommen war, macht er eigentlich nichts anderes, als ein Gespräch zu führen. Die Unterhaltung findet „im Haus“ statt. Die Debatte über den jeweiligen Rang innerhalb der Gruppe spiegelt dabei aber nicht nur eine Debatte über die eigenen Egos wider, sondern hat auch etwas Kulturtypisches, da in der damaligen hellenistisch geprägten Gesellschaft Status und Ehre sehr wichtig waren. Ähnliche Zeugnisse gibt es aus der rabbinischen Tradition, die belegen, dass die Diskussion über den eigenen Rang im Reich Gottes Teil einer authentischen Frömmigkeit war.

Dennoch trauten sich die Jüngerinnen und Jünger anscheinend nicht, Jesus direkt zu fragen, sondern sprachen hinter seinem Rücken über diese Thematik. Weil er aber davon Wind bekam, rief Jesus sie zusammen, um ihnen eine Lektion zu erteilen: „Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,34f.).

Die Niedrigsten sind willkommen

Jesus‘ Reaktion auf das Schweigen ist zunächst sein Hinsetzen. Sitzen war die traditionelle Körperhaltung eines Lehrers. Jesus setzt sich also, um zu lehren. Dann stellt er ein Kind in die Mitte, umarmt es und spricht: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat“ (Mk 9,37).

Dabei ist hier wiederum der kulturelle Hintergrund interessant. Im Mittelmeerraum des ersten Jahrhunderts war ein Kind nicht das Sinnbild für Unschuldigkeit, sondern für ein vollkommenes Fehlen von Status und Rechten. Jesus spricht hier also nicht darüber, wie die Kinder zu werden, sondern über den Status von Menschen. Die Umarmung eines Kindes als einer Nicht-Person ohne Status und ohne Rechte war ein Merkmal des historischen Jesus und des frühen Christentums. Innerhalb der christlichen Gemeinschaften wurden die gesellschaftlich Letzten und Niedrigsten willkommen geheißen – und zwar ohne die Frage, welchen Vorteil sie der Gemeinschaft verschaffen können. Mehr noch: Jesus sieht sich weniger durch die „offiziellen Apostel“ als durch diese „Kleinen“ repräsentiert.

 

Zum Autor: 

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., Assistant Professor am St. Michael’s College der University of Toronto. Forschung und Veröffentlichungen zu den Themen Verletzbarkeit, Anerkennung, Post- und Transhumanismus.