Griechenland: Der Tourismus soll es richten | Europa | DW | 03.09.2013
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Europa

Griechenland: Der Tourismus soll es richten

Für Griechenlands Tourismusbranche zeichnet sich ein Rekordsommer ab. Doch die Griechen selbst können sich kaum einen Urlaub im eigenen Land leisten.

Restaurantterrassen von Oya, Insel Santorin, Kykladen, Griechenland (DW)

Wieder hoch im Kurs - Urlaub in Griechenland

Andreas Andreadis gilt als standhafter Geschäftsmann, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. In den vergangenen Jahren hat er sich in Interviews mal öffentlich bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel für den Reformdruck auf Athen bedankt, mal hat er altgedienten griechischen Politikern die Leviten gelesen. In diesem Sommer kann sich der Hotelier und Präsident des Verbands der griechischen Tourismus-Unternehmen (SETE) entspannt zurücklehnen: Nach bisherigen Erkenntnissen floriert der Tourismus im Land wie nie zuvor, vor allem dank der ausländischen Gästen.

"Wir haben uns in diesem Jahr das ehrgeizige Ziel gesetzt, 17 Millionen Besucher zu verzeichnen und alles deutet darauf hin, dass wir das Ziel erreichen - und vielleicht sogar übertreffen", freut sich Andreadis. Das bedeute einen Zuwachs von über zehn Prozent im Vergleich zu 2012. Die Kreuzfahrt-Touristen seien dabei nicht einmal eingerechnet. Außerdem seien die Tourismus-Einnahmen nach Angaben der griechischen Zentralbank um 18 Prozent gestiegen, freut sich der Verbandschef.

Jorgos Nikitiadis (Staatssekretär im griechischen Tourismusministerium) und Andreas Andreadis (Präsident des griechischen Verbands der Tourismusunternehmen) (Foto: DW/ Panagiotis Kouparanis) Wann: 7.3.2012 Wo: Messegelände Berlin Anlass: ITB

Haben zurzeit gut lachen: Hotelier Andreas Andreadis (l) und Jorgos Nikitiadis vom Tourismusministerium

Zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Krise stiegen die Buchungen aus Deutschland wieder. Nach Branchenprognosen wird in diesem Jahr ein Plus von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet, nachdem zuvor deutliche Buchungsrückgänge verzeichnet wurden. Zudem bemühen sich die Griechen, neue Märkte zu erschließen, offenbar mit einigem Erfolg: Urlauber aus Russland knacken voraussichtlich die Millionenmarke, die Ukraine meldet doppelt so viele Buchungen wie im Vorjahr und auch aus der Türkei werden erstmals mehr als 800.000 Besucher im Nachbarland erwartet.

Die meisten Griechen verzichten auf Urlaub

Ausgerechnet die Griechen selbst können sich mittlerweile kaum noch einen Hotel-Urlaub im eigenen Land leisten. Aus Spargründen verzichten laut Umfragen über 60 Prozent der Griechen auf ihre Sommerferien oder verbringen lediglich ein paar Tage bei Freunden oder bei ihrer Familie im Heimatdorf.

Der Rückgang des Binnentourismus sei in der Tat ein Problem, erklärt Andreas Andreadis. Seit 2008 habe sich hier der Umsatz halbiert und liege mittlerweile bei nur 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Bei den ausländischen Gästen ginge es um eine ganz andere Größenordnung, nämlich um Einnahmen in Höhe von 11,5 Milliarden. Dadurch könne man auch Verluste im Binnengeschäft auffangen. "Volkswirtschaftlich gesehen ist es ganz wichtig, dass die Zahl der ausländischen Besucher steigt, davon hängt ja unsere Leistungsbilanz ab", mahnt Andreadis, der auch selbst Luxushotels auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki betreibt.

Mit Rucksack, Luftmatratze und Sonnenschirm warten Touristen am frühen Morgen auf den Zugang zur Autofähre im kleinen Hafen des Ortes Chora Sfakion im Südwesten der griechischen Insel Kreta (Foto: Peter Zimmermann +++(c) dpa - Report)

Für Griechenlands Tourismusbranche könnte 2013 zum Rekordjahr werden

Sollte der positive Trend weiter anhalten, würde der Tourismus zum wichtigsten Rettungsanker für das krisengeplagte Land, das sein sechstes Rezessionsjahr in Folge erlebt. Schon heute steuert der Fremdenverkehr fast ein Fünftel zum griechischen Bruttoinlandsprodukt bei und gehört somit neben der Schifffahrt und der Landwirtschaft zu den wichtigsten Säulen der griechischen Wirtschaft.

Tourismus als Wachstumsmotor

Ob der Tourismus darüber hinaus zum wirtschaftlichen Wachstumsmotor werden kann, der das Land aus der Krise zieht, bleibt noch abzuwarten. Der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras scheint jedoch fest daran zu glauben: "Wir müssen bis zum Sommer durchhalten, ab September wird dann unsere Wirtschaft einen Höhenflug erleben", versprach der konservative Politiker seinen krisengeplagten Landsleuten Ende 2012.

Thanassis Mavridis, Wirtschaftsanalyst und Direktor der griechischen Finanzwebsite capital.gr, bleibt skeptisch: "Unsere Wirtschaft braucht eine Erfolgsgeschichte, einen Hoffnungsschimmer. Da ist der Tourismus-Boom die richtige Botschaft zum richtigen Zeitpunkt, aber das ist bestimmt kein Anlass für Freudensprünge." Die Tourismus-Branche habe zwar zugelegt, Griechenland bleibe dennoch hinter seinen Möglichkeiten zurück und nutze sein Potenzial im Tourismus nicht aus, moniert Mavridis.

Insel Thassos (DW)

Die touristische Saison in Griechenland könnte in diesem Jahr etwas länger dauern als sonst

Damit der Tourismus die Wirtschaft Griechenlands antreiben könne, müsse der Staat die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, meint der Athener Wirtschaftsexperte. Alle würden ständig davon reden, dass die touristische Saison verlängert werden solle, aber niemand tue etwas dafür. Auch Ferienimmobilien böten ein großes Potenzial, das bisher ungenutzt sei, klagt Mavridis im Gespräch mit der DW. "Wegen der Rechtsunsicherheit für Hausbesitzer schrecken viele Investoren vor einem Immobilienkauf in Griechenland zurück. Spanien und die Türkei sind da schon viel weiter, beide Länder haben sehr viele Immobilien an Ausländer verkauft."

Griechenland und die Nahost-Krisen

In diesem Jahr werde die touristische Saison in Griechenland jedenfalls länger andauern als sonst, so die Prognose von Experten. Der Grund: Wegen der politischen Unruhen in Ägypten und anderen Ländern der Region, die üblicherweise gerade in den Herbstmonaten Hochkonjunktur im Tourismus haben, würden so manche Urlauber umbuchen und nach Griechenland ausweichen.

Diese Ansicht teilt auch der Präsident des Verbands der griechischen Tourismus-Unternehmen Andreas Andreadis. Die Gefahren durch eine Krise im östlichen Mittelmeer seien allerdings ungleich größer als der kurzfristige Nutzeffekt, warnt der Hotelier aus Chalkidiki. "Ein Angriff auf Syrien würde dem griechischen Tourismus eher schaden, insbesondere unserer Kreuzfahrt-Branche. Und: Die Probleme unserer Nachbarn verheißen auch für uns nichts Gutes."

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