Gott ist bei denen, die am Ende scheinen | Spurensuche | DW | 02.03.2018
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Spurensuche

Gott ist bei denen, die am Ende scheinen

Es gibt genügend Gründe verzagt zu sein und manchmal sogar verzweifelt. Wie gut, wenn man dann „Aber“ sagen kann, meint Lucie Panzer.

Aber Gott, der Herr, hilft mir...

Eigentlich müsste ich viel öfter „aber“ sagen: „Aber Gott wird mir helfen…“ Wenn ich enttäuscht bin, wenn andere mich verspotten und auslachen, wenn ich Angst habe, mir Sorgen mache, Befürchtungen mich unruhig machen: „Aber Gott wird mir helfen…“

So, wie jener Gottesknecht, von dem ich im Buch Jesaja höre. Die Menschen machen sich über ihn lustig und greifen ihn sogar körperlich an. Aber er lässt sich nicht unterkriegen. Er zweifelt nicht an seiner Mission. Er überlegt nicht, ob er eigentlich auf der richtigen Seite steht. Er bleibt dabei: Gott ist bei mir. Er  lässt mich nicht im Stich. Man weiß nicht, von wem die Rede ist. Hat der Prophet sich selbst gemeint, meint er einen anderen, meint er vielleicht ganz Israel? Soviel ist allerdings klar: Der Mensch, von dem die Rede ist, steckt in einer schlimmen Situation. „Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden“ (Jes. 50, 7) Viele meinen ja, wenn einer in so einer Situation steckt, dann hat Gott sich von ihm abgewendet. Der Gottesknecht lässt sich aber nicht beirren – Gott ist auf meiner Seite.

 

Christus im Elend

Für die Christen war dieses Lied vom leidenden Gottesknecht später eine Hilfe, um das Schicksal Jesu zu verstehen. In diesen Wochen vor Ostern erinnern Christen sich daran, wie es Jesus gegangen ist. „Christus im Elend“ heißen mittelalterliche und barocke Statuen, auf denen man ihn sehen kann: Geschlagen, bespuckt, gefoltert, mit der Dornenkrone auf dem Kopf, gefesselt für den letzten Gang zum Kreuz. Ein leidender Gottesknecht. Ein Mensch in tiefster Verzweiflung. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen…!“ schreit er, als sie ihn ans Kreuz geschlagen haben – und stirbt.

Da hat Gott „aber“ gesagt. Nicht einmal dieser zutiefst verzweifelte Mensch, ist von Gott verlassen. Es ist nicht wahr, dass Gott sich von denen abwendet, die ohnmächtig sind und krank, schwach und unterlegen, erfolglos und gescheitert. Nicht einmal der Tod trennt einen Menschen von Gott. „Ihr habt ihn ans Kreuz geschlagen,“ sagt Petrus später den staunenden Menschen in Jerusalem „aber Gott hat ihn auferweckt“. Gott sagt „aber“. Das Leben ist stärker als der Tod.

 

Elend und Leid trennen einen Menschen nicht von Gott

Darauf vertrauen wir Christen bis heute. Elend und Leid trennen einen Menschen nicht von Gott. Niemand muss sich von Gott verlassen fühlen, selbst wenn er von aller Welt verlassen ist. An Jesus, dem gekreuzigten und auferweckten kann man das sehen.

Im Vertrauen darauf hat Paulus ein paar Jahre später geschrieben: Wir, die Mitarbeiter Gottes, leben „als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen (2. Kor 6, 10). Und bis in unsere Zeit vertrauen die geschlagenen und verfolgten Christen auf Gott und sagen „aber“. Es ist gefährlich, was wir tun und wie wir glauben – aber wir vertrauen auf Gott.

Ich werde Gott sei Dank nicht verfolgt wegen meines Glaubens. Aber ich brauche dieses „aber“ auch: Ich bin enttäuscht, dass es so lieblos zugeht, oft auch unter Christen. Aber ich höre nicht auf, für die Liebe zu werben. Viele halten mich für naiv, wenn ich vom Teilen rede und davon, dass es Wohlstand für alle geben könnte. Aber ich schweige nicht und meine, die Welt kann anders werden. Ich bin oft traurig, wenn einer stirbt, den ich lieb gehabt habe. Aber ich hoffe darauf, dass wir uns wieder sehen in Gottes neuer Welt. Dann ohne Schmerzen und Tränen und Leid.

Ich will also versuchen, öfter „aber“ zu sagen und tun, was im Namen Gottes zu tun ist: Hören, wie der Gottesknecht. Auf Gott und auf die leidenden Menschen. Und mit den verzagten, müde gewordenen Menschen reden. Den erschöpften und enttäuschten sagen: „Aber Gott ist bei denen, die am Ende scheinen.“

 

die evangelische Pfarrerin Lucie Panzer Stuttgart (GEP)

Lucie Panzer (geb. 1955 in Stadtoldendorf, Weserbergland) ist Pfarrerin der württembergischen Landeskirche im Landespfarramt für Rundfunk und Fernsehen. Sie studierte evangelische Theologie in Bethel, Göttingen und Tübingen. Nach vier Jahren als Vikarin und Pfarrvikarin an der Stiftskirche in Tübingen folgte eine neunjährige Familienpause. Ab 1995 ist sie Rundfunkbeauftragte der württembergischen Landeskirche zunächst für den Südwestfunk, ab 1998 für den Südwestrundfunk.

2006-2008 erschienen jeweils Sammlungen ihrer Hörfunkbeiträge in Buchform („Und dann wird es hell“, „Jeden Tag ein Stück vom Himmel“, „Dem Glück auf der Spur“), letzteres gemeinsam mit Wolf-Dieter Steinmann. Lucie Panzer hat seit 2008 einen Lehrauftrag für Homiletik an der Universität Tübingen.