Golfstaaten: Wanderarbeiter in Not | Wirtschaft | DW | 08.05.2020
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Arbeitsmigranten

Golfstaaten: Wanderarbeiter in Not

Das Coronavirus setzt auch die Wirtschaft der arabischen Golfstaaten unter Druck. Darunter leiden vor allem die asiatischen Gastarbeiter. Sie stehen ökonomisch unter Druck, sind aber auch gesundheitlich gefährdet.

Indien rüstet sich für die größte Rückhol-Aktion seiner Bürger überhaupt. Mindestens 190.000 Inder sollen mit staatlicher Hilfe zurück in die Heimat gebracht werden. Wahrscheinlich aber, kündete der Minister für die zivile Luftfahrt, Hardeep Puri, an, werde sie um ein Vielfaches darüber liegen.

Einer der Schwerpunkte der Rückholaktion sollen die Golfstaaten sein. Bis zum Ausbruch der Corona-Krise hatten sich Millionen Inder auf der Arabischen Halbinsel als günstige Arbeitskräfte verdingt. Doch durch die Pandemie hatten sie ihre Arbeit verloren. Viele der ausgestellten Visa sind inzwischen abgelaufen.

Mit der Aktion reagiert Indien auf die desaströsen Umstände, unter denen sich viele der indischen Gastarbeiter - wie auch die aus anderen asiatischen Ländern, so etwa Pakistan und Nepal - seit Ausbruch des Virus auf der Golfhalbinsel leben. Dort hat die Pandemie-bedingte Schließung vieler Unternehmen in der Region die einkommensschwachen Wanderarbeiter besonders hart getroffen.

Juristischer Druck auf Migranten

So haben die Regierungen Saudi-Arabiens und Bahrains zwar versprochen, etwaige Lohnausfälle ihrer eigenen Staatsangehörigen auszugleichen. Die meisten ausländischen Arbeitnehmer - in einigen Golfstaaten machen sie 95 Prozent der Arbeitskräfte aus - können auf solche Unterstützung jedoch nicht hoffen.

Im Gegenteil: In manchen Staaten müssen sie sich nun auf eine noch schwierigere Situation einstellen. So haben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) eigens ihre Arbeitsgesetzgebung geändert, um es Unternehmen zu ermöglichen, die Arbeitsverträge von Ausländern aufzukündigen und Verträge umzustrukturieren. Auf dieser Grundlage können sie nun deren Löhne senken und die Beschäftigten dazu drängen, unbezahlten Urlaub zu nehmen.

Ein Wanderarbeiter in seiner Unterkunft in Katar (Aufnahme von 2012)

Ein Wanderarbeiter in seiner Unterkunft in Katar (Aufnahme von 2012)

"Die Situation ist sehr schlecht. Viele meiner Freunde und Mitarbeiter in meinem Unternehmen haben ihre Arbeit verloren", sagte Tanveer Abbas, ein Elektriker aus Pakistan, im Interview mit der DW. Derzeit ist er von seinem Job bei einem Bauunternehmen in den Emiraten beurlaubt - unbezahlt.

Abbas' Chef hat ihm geraten, einfach abzuwarten. Doch er brauche das Geld, sagt Abbas. Denn seine Familie in Pakistan sei auf seine Überweisungen angewiesen. Blieben sie aus, könnte sich die Familie nichts mehr kaufen.

Warnung der Weltbank

In der vergangenen Woche hatte die Weltbank vor den Folgen der Pandemie für die Gastarbeiter und deren Familien gewarnt. Die Schließung so vieler Unternehmen verursache den bislang stärksten Rückgang der Überweisungen in der jüngeren Geschichte. Der Wegfall der Überweisungen bedeute für viele gefährdete Haushalte den Verlust "einer entscheidenden finanziellen Lebensader."

Infografik: Empfängerländer von Rücküberweisungen

Doch die Wanderarbeiter stehen noch vor weiteren Problemen: Sie sind nun arbeitslos, müssen aber weiterhin Miete zahlen. So bleibt ihnen nichts anderes als der Versuch, auf eigene Faust nach Hause zu reisen. Einzig Kuwait kündete an, allen Arbeitern, deren Visa erloschen ist, die Heimreise auf Staatskosten zu ermöglichen.

Hohes Gesundheitsrisiko

Diejenigen Gastarbeiter aber, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel bleiben müssen, sind aufgrund der Lebensbedingungen vor Ort vielfach hohen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Menschenrechtsgruppen haben auf die Gefahren hingewiesen, die von überfüllten Unterkünften für ausländische Arbeitnehmer ausgingen. So ist dort die in Zeiten der Epidemie gebotene räumliche Distanzierung unmöglich. Die meist beengten Verhältnisse für Gastarbeiter stehen in scharfem Gegensatz zu den Bedingungen, unter denen der Großteil der einheimischen Bevölkerung in den wohlhabenden Golfnationen lebt.

Abbas aber hatte mehr Glück als andere: Er schläft in einem Haus mit fünf Zimmern, das er sich mit vier Kollegen teilt.

Weltweite Aufmerksamkeit hatten die Lebensbedingungen jener Gastarbeiter erzeugt, die in Katar die Infrastruktur für die Fußballweltmeisterschaft 2022 errichteten. In den Unterkünften im Industriegebiet von Doha - dort sind sehr viele Arbeitsmigranten untergebracht -  leben viele von ihnen zu acht bis zehn Personen in einem Raum. Es gibt kaum fließendes Wasser und kaum hinreichende Hygieneeinrichtungen.

Infografik: Anteil am BIP der Empfängerländer

Menschenrechtsgruppen protestieren

Als zu Beginn der Corona-Pandemie bekannt wurde, dass sich auch einige der Wanderarbeiter infiziert hatten, wurden Teile des Industriegebiets vollständig abgeriegelt. Die Arbeiter durften sich nur noch mit Bussen zur Arbeit begeben. Menschenrechtsgruppen verurteilten diese Zustände.

In Reaktion darauf kündigte die katarische Regierung neue Maßnahmen an: Die Räume würden auf vier Personen begrenzt. Neue Hygieneeinrichtungen würden geschaffen, die ärztliche Versorgungen der Kranken garantiert. Einer Website der Regierung zufolge soll der Zugang zu den Arbeitsstätten gestaffelt und in den Bussen nur noch die Hälfte der bisherigen Passagiere befördert werden.

Rassistische Äußerungen

Doch die Pandemie hat nicht nur die prekäre Situation der Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen ausländischer Arbeitnehmer verschärft. Sie hat zugleich den rassistischen Diskurs in der gesamten Region angeheizt.

So forderte im März der kuwaitische Abgeordnete Safaa al-Hashem die Abschiebung von ausländischen Arbeitnehmern, deren Visum abgelaufen sei. Auf diese Weise lasse sich das Land von dem Risiko "reinigen", das die Migranten für die Übertragung des Virus darstellten. Vergleichbare Äußerungen fanden sich der Menschenrechtsgruppe Migrant-Rights.org zufolge auch in den sozialen Medien in Bahrain.

In beiden Ländern trafen solche Äußerungen auf Widerspruch von Prominenten und Akademikern. So verurteilte die bahrainische Wissenschaftlerin Wafa al-Sayed die totale Vernachlässigung "einer soziale Gruppe, die unser Land aufgebaut und unseren Lebensstil luxuriöser gemacht hat".

Besonders gefährdet: weibliche Migranten

Der Ausbruch des Virus trifft allerdings nicht nur männliche Gastarbeiter. Ebenso erhöht er auch die Verwundbarkeit der Migrantinnen, die als Dienstmädchen und Putzfrauen in den Golfstaaten leben.

Sie sind noch gefährdeter als die Männer. Denn einige Arbeitgeber sperrten sie ein und hinderten sie daran, ihre Arbeitsstätte zu verlassen, sagt Joanna Concepción, Leiterin der philippinischen Interessenvertretung Migrante International.

Wanderarbeiter warten vor einer medizinischen Einrichtung in Al Quoz in der Nähe von Dubai (VAE)

Wanderarbeiter warten vor einer medizinischen Einrichtung in Al Quoz in der Nähe von Dubai (VAE)

Zudem habe die Pandemie dazu geführt, dass die Agenturen, die ausländische Arbeitnehmer in der Golfregion unterstützen, nun personell unterbesetzt seien, so Concepción im Gespräch mit der DW. "Es gab nur sehr begrenzte Reaktionen auf den Versuch, jene Migrantinnen zu retten, die Opfer von Vergewaltigung und körperlicher Misshandlung wurden."

Alle diese Faktoren setzen den ausländischen Arbeitnehmern derart zu, dass die Zahl der Selbstmorde in ihren Reihen zugenommen haben. Allein in Kuwait habe es in den letzten vier Wochen neun Fälle und vier Selbstmordversuche gegeben, so das Online-Portal Al-Rai.

Sorgen in Pakistan

Auch Pakistan hat bereits zahlreiche Arbeiter nach Haus geholt. Dort sorgt man sich inzwischen um die vergleichsweise hohe Infektionsrate unter heimgekehrten Arbeitern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Moeed Yusuf, der den pakistanischen Premierminister in Fragen der nationalen Sicherheit berät, sagte dieser Tage gegenüber den Nachrichtenagentur Reuters, die Zahl der Menschen, die aus den VAE zurückkehrten und positiv getestet wurden, sei "höher als wir gehofft hatten".

Bei den meisten Flügen wurden etwa zwölf Prozent der Rückkehrer positiv getestet. Auf einigen Flügen stieg diese Zahl jedoch auf 40 bis 50 Prozent. "Die Annahme ist, dass viele der Arbeiter in überfüllten Schlafsälen leben, in denen man sich leichter gegenseitig infiziert", so Yussuf gegenüber Reuters.

"Es ist riskant, wenn man zusammenlebt", sagte ein Arbeiter, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen wollte, gegenüber Reuters. "Die Situation mit COVID-19 ist derzeit nicht gut für uns."

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