GMF: Facetten der Ungleichheit | Global Media Forum | DW | 13.06.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Global Media Forum 2018

GMF: Facetten der Ungleichheit

Das Leitthema des Global Media Forums war "Global Inequality“. Was lässt sich gegen Globale Ungleichheit tun? Eine einfache Antwort gab es in den drei Konferenztagen nicht. Dafür viele gute Ideen und Denkanstöße.

Anne Boysen zeichnet früh am Morgen ein dunkles Bild. Die US-Amerikanerin erforscht die "After Millennials", die sogenannte Generation Z, die zwischen 1996 und 2010 das Licht der Welt erblickt hat. "Die in dieser Zeitspanne geborenen sind die Protagonisten der Zukunft", sagt Boysen. Gerade in Hinblick auf technologische Entwicklungen und zukünftige Ausspielungswege von Medien sei es wichtig, ihre Bedürfnisse zu verstehen.

"Die Kinder von heute haben viel mehr Angst. Die permanente Nutzung des Smartphones, die Präsenz auf vielen sozialen Plattformen ist wie ein Tanz auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig." Der Plenarsaal im ehemaligen Bundestag in Bonn ist um diese Uhrzeit nur dünn besetzt. Nach zwei prall gefüllten Konferenztagen sieht man am dritten Tag des Global Media Forums (GMF) viele müde Gesichter. Die musikalisch-poetische Eröffnung der Britin Anne Clark kurz zuvor war zwar künstlerisch hochwertig. Richtig aufgemuntert hat sie aber kaum jemanden. Bei zwei weiteren Auftritten später an diesem Tag stieß sie auf ein aufnahmefähigeres Publikum. 

Aber jetzt Anne Boysen. Ein Vortrag über eine durch informationstechnologischen Overkill gebeutelte Generation. Doch dies ist nur ein Aspekt von Anne Boysens Präsentation. Die Generation Z bringt noch etwas anderes mit als psychische Überlastung und eine gestiegene Suizidrate. Boysen nennt es die Fähigkeit zum "Neustart des Systems", analog zum Computerneustart. Die jungen Leute stellen alteingesessene Kategorien in Frage. Zum Beispiel die Geschlechterkategorien. "Laut einer Studie kennen 56 Prozent der Generation Z jemanden, der sich weder männlich noch weiblich fühlt."

Innovation beginnt im Kopf

Für die Gleichheit bedeute dies: Du hast mehr Freiheit du selbst zu sein. Boysen appelliert an die gedankliche Flexibilität ihrer Zuhörer und zitiert am Ende Albert Einstein: Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Boysen Vortrag stimmt ein auf den letzten Tag der internationalen Medienkonferenz: Bei dem dreht sich alles um Innovationen.

Der Journalist Georgie Ndirangu  aus Kenia beginnt seine Präsentation mit Bildern von Städten aus verschiedenen Teilen der Erde. Er lässt das Publikum raten, um welche Metropolen es sich handelt. Die Fotos schillernder Skylines werden erwartungsgemäß kaum mit afrikanischen Städten in Verbindung gebracht, sondern in westlichen Ländern lokalisiert.

Ndirangu will auf die oft wenig ausbalancierte Berichterstattung aufmerksam machen. Ein Bild aus einer bestimmten Perspektive erzeuge einen bestimmten Eindruck, der häufig nicht die ganze Realität abbildet. "In einer idealen Welt wird der Öffentlichkeit jede Information zur Verfügung gestellt, auch wenn es dem eingeschliffenen Narrativ oder der Agenda eines Medienhauses widerspricht", sagt Ndirangu.

Ungleiche Geschlechter gleich ungleiche Rechte?

Der junge Journalist spricht auch kurz über die Ungleichbehandlung von Frauen, die er nur sehr selten auf hohen Managementpositionen antrifft. "Gender Inequality" ist ein wesentliches Thema des GMF und wird auch von Nanjira Sambuli und Emilar Ghandi aufgegriffen. Die beiden Frauen diskutieren mit DW-Journalistin Kristin Zeier über digitale Ungleichheiten.

"Zwei Milliarden Frauen auf der Welt haben keinen Zugang zum Internet", sagt Sambuli. Sie arbeitet für die World Wide Web Foundation in Kenia. Die Organisation setzt sich für den uneingeschränkten Zugang zum Internet für Menschen weltweit ein. "Ein für jeden offenes Netz ist ein Menschenrecht", sagt Sambuli. Ghandi ergänzt, digitale Gleichheit bedeute auch die Möglichkeit zur Produktion eigener Inhalte auf allen möglichen Plattformen.

Alle Redner des GMFs suchen nach Lösungen. Die Zielrichtung scheint selbstverständlich: Weniger Ungleichheit ist besser! Doch zumindest einer sieht das nicht so. Albert Igbasi ist als Teilnehmer aus Nigeria angereist. Zunächst ist der 31-jährige Journalist im Gespräch noch etwas einsilbig. Bei der Frage, welcher Aspekt von Ungleichheit der für ihn wesentliche ist, gerät Igbasi in Fahrt. "Ich unterstütze Ungleichheit. Vor allem aufgrund meiner Religion."

Männer und Frauen seien nun mal verschieden, also von Natur aus ungleich. Weshalb sollten sie dann dieselben Rechte haben? "Eine Frau kann schneller denken", ist sich Igbasi sicher. Deshalb sei sie für den Haushalt und die Kindererziehung viel besser geeignet, da sei schließlich Multitasking gefragt. Gegen Frauenrechte hat Igbasi nichts, solange es nicht darum gehe, die Frauen zum Ebenbild der Männer zu machen. Trotzdem fand der junge Journalist das GMF gut. Warum, ist nicht so ganz klar geworden.

Frauen im Visier von "Mosul Eye"

Ute Schaeffer (DW Akademie, Interim Head, Germany) and Omar Mohammed (Mosul Eye, Founder, Iraq) | 09 | Session | Reporting terror: Who sees what, when and why? (DW/P. Böll)

Omar Mohammad berichtete mehrere Jahre lang unter dem Pseudonym "Mosul Eye" mitten aus der IS-Hochburg im Irak

Der Historiker Omar Mohammed aus dem Irak hingegen findet gute Gründe für seine Begeisterung, das GMF an allen drei Tagen miterlebt zu haben. Unter dem Pseudonym "Mosul Eye" hat der 32-Jährige während der Besetzung der nordirakischen Stadt durch die Terrormiliz IS auf Facebook, Twitter und seinem Blog vom Leben unter der Herrschaft der Dschihadisten berichtet. Auf dem GMF hat er über die Terrorberichterstattung gesprochen.

"Diese Art von Veranstaltungen geben Menschen wie mir, die aus Kriegs- und Krisengebieten kommen, sehr viel. Zum Beispiel mehr Ideen davon, wie es mit Hilfe neuer Technologien gelingen kann, eine Gesellschaft wieder aufzubauen." Mohammed ist, anders als Albert Igbasi, kein Freund der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die vielen Frauen, die an der Medienkonferenz teilgenommen, Diskussionen geleitet oder Reden gehalten haben, sind eine Inspiration für den Historiker: "Ich möchte versuchen, meine eigene Zielgruppe um möglichst viele Frauen zu erweitern."

Am Nachmittag verlassen schließlich die letzten der rund 2000 Teilnehmer das Konferenzgebäude. Das 12. GMF wird nächstes Jahr Ende Mai stattfinden, vom 27. bis zum 29.05.2019.