Gleichberechtigung: ″Es gibt keine Männer- und Frauenarbeit″ | Deutschland | DW | 19.05.2020
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Equal Care Day

Gleichberechtigung: "Es gibt keine Männer- und Frauenarbeit"

Kinder betreuen, Angehörige pflegen, Alltag planen: Viel bleibt an Frauen hängen. Für Aktivistin Almut Schnerring ist die Verteilung der sogenannten Care-Arbeit kein Frauenthema, sondern eins für die ganze Gesellschaft.

Deutsche Welle: Was versteht man unter dem Begriff der Care-Arbeit?

Almut Schnerring: Es gibt keine direkte Übersetzung für den Begriff. Es ist ein globales Problem, deshalb braucht es einen englischen Begriff. Im Deutschen beschreibt es das Wort "Sorgearbeit" am besten. Sorgearbeit beginnt mit Tag eins. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, muss sich jemand um das Neugeborene und die Gebärende kümmern. Das geht das ganze Leben weiter, über Kita und Schule, zur Krankenpflege bis zur Altenpflege. Aber Care schließt auch das Arbeiten im Haushalt und um den Haushalt herum mit ein.

Almut Schnerring, Initiatorin der Equal-Care Day-Initiative (Oliver Kepka)

Almut Schnerring, Initiatorin der Equal-Care Day-Initiative

Sie haben schon 2016 mit Ihrem Partner den Equal Care Day ins Leben gerufen. Was waren Ihre Beweggründe?

Equal Care heißt, eine faire Verteilung der Care-Arbeit. Im Moment liegt für mich der Fokus auf der Verteilung zwischen den Geschlechtern, weil 80 Prozent der systemrelevanten Berufe von Frauen ausgeübt werden. Auch die unbezahlte Care-Arbeit wird überwiegend von Frauen getragen. Es gibt aber keine Männer- und keine Frauenarbeit. Es gibt nur eine soziale Übereinkunft darüber, wer was anscheinend besser kann, was natürlich auch mit Übung, mit Wollen und vor allem mit Rollenbildern zu tun hat. Letztendlich ist mir die Zuordnung weniger wichtig als die Wertschätzung. Oft wird Arbeit, die mit Technik zu tun hat, besser honoriert, und Arbeit mit Menschen - also Kümmerarbeit - schlechter. Egal wer sie macht.

Aber mit Equal Care fordern wir eine faire Verteilung in jeder Hinsicht - auch zwischen Arm und Reich, Alt und Jung. Das heißt auch, dass wir Care-Arbeit nicht an Leute auslagern, die wir aus anderen Ländern herholen und dann unter teilweise untragbaren Bedingungen beschäftigen.

Sie haben an diesem Dienstag einen Katalog mit Forderungen an die Politik aufgestellt, den Sie Equal-Care-Manifest nennen. Was genau fordern Sie?

Wir versuchen, die Care-Bereiche zusammenzufassen und gemeinsam lauter zu werden. Es hilft uns nichts, wenn wir an einzelnen Gesetzen feilen. Wir müssen erst grundsätzlich verstehen, dass wir einen Wertewandel brauchen, der berücksichtigt, dass Sorgearbeit die Grundlage von Wirtschaft ist. Darauf beziehen sich ganz viele der Forderungen. Wir haben sie eingeteilt in: erstens Anerkennung und Wertschätzung. Care-Arbeit wird zum Beispiel in volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen gar nicht sichtbar. Zweitens: die faire Verteilung.

Wer macht eigentlich die Care-Arbeit? Wie wird sie entlohnt und wer beteiligt sich an den Folgekosten, wenn sie nicht gemacht wird? Werden Frauen benachteiligt, wenn sie sich entscheiden, in Teilzeit zu arbeiten und Care-Arbeit zu übernehmen? Und der dritte Teil bezieht sich auf die strukturelle Unterstützung und die Rahmenbedingungen, denn es gibt viele Gesetze, die die traditionelle Rollenverteilung weiterhin zementieren, das Ehegattensplitting zum Beispiel. Unternehmen können außerdem bisher Care-Arbeit als unendliche Ressource gratis abgreifen. Wir können nicht ewig diejenigen, die Care-Arbeit leisten, ausbeuten, damit Unternehmen Gewinne einfahren können.

Symbolbild - Vater zieht Kinder an (Imago Images/Westend61/M. Fischinger)

Unternehmen könnten Care-Arbeit bisher als unendliche Ressource gratis abgreifen, erklärt Almut Schnerring

Wie erwirtschaften Unternehmen aus Care-Arbeit Gewinne?

Unternehmen hoffen, dass sich auf eine Stellenanzeige Menschen bewerben, die eine gute Ausbildung haben, die sich zu benehmen wissen, die sich in einer bestimmten Weise anziehen und verhalten sollen. Diese Menschen fallen ja nicht vom Himmel. Sie müssen vorher in die Kita und die Schule gehen, sie brauchen ein Zuhause, in dem sie betreut werden, und sie brauchen jemanden, der sich um sie kümmert, wenn sie krank werden. Das leisten aber nicht Unternehmen, sondern sie nutzen das Ergebnis.

Sie haben es bereits angedeutet: Ihre erste Forderung ist, die Wertschöpfung durch unbezahlte Care-Arbeit abzubilden, zum Beispiel im Bruttoinlandsprodukt. Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Bei Kostenaufstellungen geht es immer um bezahlte Arbeit, nicht um unbezahlte Care-Arbeit. Deshalb hinken alle volkswirtschaftlichen Berechnungen, wenn sie nicht sichtbar machen, was alles vorher an unsichtbarer Pflege- und Sorge-Arbeit geleistet wird, bevor wir in irgendein vermeintliches Plus kommen.

Es gibt unterschiedlichste Berechnungen dazu: Die Ungleichheits-Studie von Oxfam-Studie von Anfang 2020 hat gezeigt, dass Frauen und Mädchen weltweit jeden Tag mehr als zwölf Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit leisten. Würde man hier nur den Mindestlohn ansetzen, wäre allein das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um ein Drittel höher.

Man müsste auch mit einpreisen, welche Folgekosten durch unterlassene Care-Arbeit entstehen. Was müssen wir später alles auffangen, wenn wir uns zu Beginn zu wenig um Menschen kümmern? Wenn der Einwand kommt, wir könnten es uns nicht leisten, Care-Arbeit besser zu bezahlen, dann ist das falsch gerechnet: Wir bezahlen schon längst dafür, dass wir ihren Wert nicht anerkennen.

Symbolbild - Häusliche Pflege (Imago Images/M. Wagner)

Care-Arbeit beziehe sich nicht nur auf Kranken- und Altenpflege, sondern auch auf das Arbeiten im Haushalt, sagt Autorin Almut Schnerring

Sie haben 18 Forderungen formuliert: Für wie realistisch halten Sie es, alle davon zu erreichen?

Einige Forderungen stehen bereits in Gesetzen. Manche stehen im Koalitionsvertrag, sie werden nur nicht umgesetzt. Es gibt aber auch Forderungen, die sind langfristiger. Wandel geschieht nicht von heute auf morgen. Solange wir tatsächlich meinen, dass Care-Arbeit etwas ist, das Frauen besser könnten, haben wir noch einen langen Weg zu gehen.

Das Manifest fasst eigentlich zusammen, was Frauen in den 1970er Jahren auch schon geschrieben haben. Wir sagen es jetzt noch einmal anders. Es ist unglaublich ermüdend, wenn man bedenkt, welches Wissen es zu diesem Thema bereits gibt und wie wenig es genutzt und umgesetzt wird. Leider hat es eine Pandemie gebraucht, damit es für das Thema ein bisschen mehr Aufmerksamkeit gibt. Die Frage ist, was passiert danach? Wie schnell verfallen wir wieder in alte Muster?

Haben Sie Anlass zu Hoffnung, dass der Rückfall ausbleibt?

Es ist noch zu früh zu sagen, auf welche Forderungen die Politik eingehen wird. An manchen Tagen bin ich optimistisch, wenn ich sehe, was alles passiert. Durch Corona sind Probleme hervorgetreten, die für diejenigen, die täglich mit Care-Arbeit zu tun haben, schon lange bekannt waren. Jetzt aber werden sie für viele schmerzhaft spürbar. Dadurch besteht vielleicht die Chance, dass wir etwas bewirken werden. Aber die Konjunkturförderpakete, über die aktuell entschieden wird, haben Care nicht im Blick. Es besteht die Gefahr, dass die Arbeit von Frauen schon wieder übersehen wird.

Almut Schnerring hat gemeinsam mit Sascha Verlan den Equal Care Day 2016 ins Leben gerufen. Sie ist Journalistin, Autorin und Aktivistin. Zu ihren Kernthemen gehören Geschlechterrollenbilder. Gemeinsam mit Sascha Verlan betreibt sie den Blog "Die Rosa-Hellblau-Falle".

Das Gespräch führte Uta Steinwehr.

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