Glücksengel in der Arbeitsagentur | Wirtschaft | DW | 30.09.2013
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Wirtschaft

Glücksengel in der Arbeitsagentur

Die meisten Arbeitslosen wollen arbeiten und es gibt auch Jobs - trotzdem klappt es bei manchen nicht. Daher wurde seit Ende Februar "Inga" in den Arbeitsagenturen eingeführt - eine Sonderbetreuung für Arbeitslose.

"Ich hab ein Bett, einen Schreibtisch und einen Sessel. Den habe ich geschenkt bekommen. Morgen bekomme ich einen Tisch und zwei Barhocker", erzählt Elek Fakas. Wer dem Gespräch von Ariane Jourdant mit ihrem Kunden folgt, glaubt nicht, in der Arbeitsagentur zu sitzen. "Und mit dem Licht, das funktioniert jetzt auch alles?", fragt Jourdant. "Hat alles geklappt, auch der Strom ist angemeldet?" Bei Ariane Jourdant geht es manchmal um ganz andere Dinge als um die Arbeitssuche.

Sie betreut Arbeitssuchende, bei denen es mehrere Hindernisse im Leben gibt, die eine Arbeitsaufnahme erschweren. Einer von ihnen ist Elek Fakas, der nach einem langjährigen Gefängnisaufenthalt erst mal in der Obdachlosigkeit gelandet war. "Wenn es ein anderes Thema gibt, das augenblicklich die Lebenssituation einschränkt, also zum Beispiel eine Wohnungsnot, dann ist eine direkte Bewerbung natürlich nicht sinnvoll", erklärt Jourdant. "Jemand, der obdachlos ist, der braucht keine Bewerbungen zu schreiben, denn wo sollten die Antworten auf die Bewerbung hingehen?"

Inga für besondere Fälle

***Achtung: Nur zur mit der abgebildeten Person abgesprochenen Berichterstattung verwenden!*** Ariane Jourdant, Mitarbeiterin von Inga, Bundesagentur für Arbeit, Bonn *** Deutsche Welle, Insa Wrede, September 2013

Ariane Jourdant nimmt sich genügend Zeit für ihre Kunden

Ariane Jourdant ist Mitarbeiterin von Inga, einem Pilotprojekt der Bundesagentur für Arbeit, das seit dem 1. April in ganz Deutschland für zwei Jahre läuft. Inga - das steht für interne, ganzheitliche Integrationsberatung. Die Idee dahinter ist, besondere Arbeitslose wesentlich intensiver zu unterstützen, um sie so in den Arbeitsmarkt zu bringen. Denn es fehlt meist nicht unbedingt an der passenden Stelle und es liegt auch nicht daran, dass der Arbeitssuchende nicht arbeiten will. In so manchen Fällen gibt es ganz andere Dinge, die das Finden einer Arbeit unmöglich machen.

Da ist zum Beispiel die Alleinerziehende, die nur halbtags arbeiten kann oder eben der Obdachlose, der keine Adresse hat, die er auf Bewerbungsanschreiben angeben kann. Persönliche Lebenssituationen, beispielsweise Trennung vom Partner, Krankheit oder Mobbingerfahrungen am letzten Arbeitsplatz, können beim Finden einer Arbeit im Weg stehen. Auch wer Insolvenz anmelden musste, drogenabhängig oder überschuldet ist oder gar im Gefängnis war, stößt voraussichtlich bei der Arbeitssuche auf Schwierigkeiten. Solche Hindernisse müssen erst mal überwunden werden, bevor eine Bewerbung überhaupt Sinn macht, sagt Jourdant.

***Achtung: Nur zur mit der abgebildeten Person abgesprochenen Berichterstattung verwenden!*** Martina Deus, Teamleiterin von Inga, Bundesagentur für Arbeit, Bonn *** Deutsche Welle, Insa Wrede, September 2013

Martina Deus: Das Projekt rechnet sich schon jetzt

Die Mitarbeiter von Inga können da helfen, so Jourdant. Haben Kunden beispielsweise Gesundheitsprobleme, dann würden sie und ihre Kollegen den Kunden als Lotse zu den entsprechenden Stellen bringen. "Denn jemanden, der eine Reha braucht, den quäle ich nicht damit, dass er eine bestimmte Anzahl von Bewerbungen schreiben muss und bestrafe ihn im Zweifel mit Sanktionen", so Jourdant. Sie geht auf Wunsch ihrer Kunden auch persönlich mit zu Wohnämtern und anderen Behörden. Sie setzt sich mit dem Arbeitssuchenden zusammen vor den Computer, um die Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und bietet ihren Kunden an, sie zu Vorstellungsgesprächen zu begleiten.

Wenige Kunden pro Mitarbeiter

Brief in der Bundesagentur für Arbeit, Bonn: Eingliederungsvereinbarung *** Deutsche Welle, Insa Wrede, September 2013

Jourdant vereinbart mit ihren Kunden die Mitarbeit

Eine solche intensive und individuelle Betreuung ist nur möglich, weil die Mitarbeiter von Inga wesentlich weniger Kunden betreuen müssen, als ihre Kollegen in der regulären Arbeitsvermittlung. Während dort ein Mitarbeiter 300 und mehr Arbeitslose vermitteln muss, haben die Mitarbeiter des Pilotprojektes nur um die 65 Kunden. Dadurch haben sie nicht nur für jedes einzelne Gespräch mehr Zeit, sie können auch einen viel engeren Kontakt pflegen. Extrakosten sollen dabei keine entstehen, erklärt Martina Deus, Teamleiterin von Inga in Bonn. Im Gegenteil. "Das Besondere an dem Projekt ist: Es muss sich refinanzieren. Das heißt indem wir die Kunden schneller in Arbeit bringen und so Arbeitslosengeld einsparen, sollen unsere Mitarbeiterkosten gedeckt werden."

Und das klappt, trotz des hohen Zeitaufwandes. "Es gibt schon Erfolge, und wir sind auch auf dem richtigen Weg, uns zu refinanzieren", sagt Deus. Die Vorgabe sei gewesen: Bis zum Ende des Jahres sollten 370 Arbeitssuchende mit unserer Hilfe Arbeit gefunden haben. Dieses Ziel habe das Inga-Team in Bonn schon Anfang September erreicht.

Während früher Arbeitssuchende mit komplizierterem Hintergrund Gefahr liefen, in der regulären Vermittlung der Arbeitsagentur unterzugehen oder zu externen Betreuern weitergeleitet wurden, bleibt die Betreuung nun in der Hand der Arbeitsagentur, also einer Stelle, die zwar ihre Kosten decken soll, aber kein Plus erwirtschaften muss.

Dankbarkeit bei den Arbeitssuchenden

***Achtung: Nur zur mit der abgebildeten Person abgesprochenen Berichterstattung verwenden!*** Guido Birk, Arbeitssuchender beim Team Inga in der Bundesagentur für Arbeit, Bonn *** Deutsche Welle, Insa Wrede, September 2013

Guido Birk sucht eine Weiterbildung

Und die Arbeitssuchenden? Da ist Guido Birk, einer der Kunden von Ariane Jourdant. Wegen Unstimmigkeiten mit seinem Bruder und gesundheitlichen Problemen musste er den Familienbetrieb verlassen. Nun möchte er sich in einem völlig neuen Umfeld ein Arbeitsleben aufbauen. "Hier in dem Bereich fühle ich mich wohl", sagt Birk. "Wo ich vorher war, da hab ich mich nicht so wohl gefühlt. Da hat man mir gesagt: 'Für sowas hab ich keine Zeit'."

Da ist die junge Mutter, die jahrelang nicht gearbeitet hat und nun eine Teilzeitstelle sucht. "Die Frau Jourdant kommt auf mich zu und fragt mich, was mir besser passt. Ich muss nicht alles nehmen, was mir vorgeschlagen wird," sagt sie. "Anfangs war ich natürlich entmutigt, aber mittlerweile schaue ich nach vorne, und Frau Jourdant unterstützt mich da ganz schön. Sie gibt mir immer Kraft, weiterzugucken. Und sie zeigt mir manche Möglichkeiten. So alleine, glaube ich, würde ich irgendwo in der Ecke sitzen und weinen."

Und da ist natürlich der Kunde, der nach einem Gefängnisaufenthalt obdachlos wurde. Er verdankt Ariane Jourdant nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch die Hoffnung auf eine Zukunft. "Nachdem ich aus dem Knast rausgekommen bin, habe ich jetzt Frau Jourdant. Sie ist der einzige Mensch, der versucht, mir aus meiner Situation rauszuhelfen. Sie ist mein Glücksengel!"

Brief in der Bundesagentur für Arbeit, Bonn *** Deutsche Welle, Insa Wrede, September 2013

Das Projekt Inga stößt auf viel Dankbarkeit

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