Gielen: ″Globaler Energieumbau spart Kosten″ | Wissen & Umwelt | DW | 12.02.2014
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Wissen & Umwelt

Gielen: "Globaler Energieumbau spart Kosten"

Erneuerbaren Energien sind "wirtschaftlich sinnvoll", betont Dolf Gielen von der internationalen Organisation für erneuerbare Energien, IRENA. Mit umfassenden Studien liefert IRENA nun wichtige Daten für Regierungen.

Herr Gielen, unter Ihrer Leitung werden derzeit umfassende Berichte zum weltweiten Energieumbau erstellt. Mit einem Team von 82 Experten aus 42 Ländern prüfen Sie wie der Anteil der erneuerbaren Energien bis 2030 weltweit verdoppelt werden kann. Einen ersten Bericht, den Report REmap 2030, haben Sie jetzt veröffentlicht. Ist eine Verdoppelung in den nächsten 15 Jahren überhaupt möglich?

Erneuerbare Energien hatten 2010 einen Anteil von 18 Prozent am globalen Energieverbrauch. Davon entfielen neun Prozent auf die traditionelle Biomasse und neun Prozent auf moderne erneuerbare Energien. Der Anteil moderner erneuerbarer Energien soll bis 2030 auf über 30 Prozent steigen. Bei weltweit steigendem Energiebedarf ist dies mehr als eine Vervierfachung im Vergleich zu 2010. Dies bedeutet mehr Erneuerbare für die Stromgewinnung, aber auch mehr erneuerbare Energie für Heizung und Transport. Wir glauben, dass mit den bestehenden und neuen Technologien der Umbau möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Wo liegen die Herausforderungen?

Regierungen haben Pläne für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Nach unseren Berechnungen ergäben diese, dass bis 2030 der Anteil der erneuerbare Energien am globalen Energieverbrauch um drei Prozent steigen würde - von heute 18 auf dann 21 Prozent. Die Ziele der Regierungen müssen also deutlich ambitionierter gesetzt werden. Wir haben für 26 Länder detaillierte Berechnungen gemacht und festgestellt, dass eine Verdopplung der erneuerbaren Energien möglich ist.

Eine weltweite Verdopplung bedeutet allerdings nicht eine Verdopplung in jedem Land. Die Potentiale und auch die Ausgangssituationen sind unterschiedlich: In Brasilien liegt heute der Anteil der Erneuerbaren bei etwa 50 und in anderen Ländern bei fast null Prozent.

Was würde nach Ihrer Berechnung eine Verdopplung der erneuerbaren Energien bis 2030 kosten?

Ohne Steuern und Subventionen liegen die Kosten für diese erneuerbare Energieversorgung bei etwa 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist eine makroökonomische Zahl. Demgegenüber stehen betriebswirtschaftliche Einsparungen in einer Größenordnung von 30 Milliarden Dollar pro Jahr. Es gibt aber noch externe Effekte: Moderne erneuerbare Energien verursachen weniger Gesundheits- und Klimaschäden. Die Einsparungen liegen hier zwischen 250 bis 800 Milliarden Dollar pro Jahr. In der Summe sind die Einsparungen also viel größer als die Kosten.

Warum steuert die Politik dann nicht schneller um?

Externe Effekte werden derzeit nicht in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einbezogen. Zweitens ist es wichtig, dass die Kosten der Erneuerbaren weiter sinken. Dafür braucht man eine aktive Marktentwicklung, Sicherheit für Investoren, ein stabiles politisches Rahmenwerk. Das ist noch nicht in allen Ländern gegeben.

Fossile Energien werden subventioniert. Sie fordern die Abschaffung. Warum?

Die Subventionen für fossile Energieträger liegen derzeit weltweit bei fast 600 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist das Sechsfache im Vergleich zu den Subventionen für die Erneuerbaren. Durch die Subventionierung der Fossilen werden die Erneuerbaren weniger wirtschaftlich. Man kann das Problem lösen, indem man die Subventionen für fossile Energieträger abschafft. Das ist allerdings oft schwierig.

Saudi-Arabien erzeugt derzeit zum Beispiel seinen Strom mit Ölkraftwerken. Die Ölgewinnung vor Ort kostet schätzungsweise 20 Dollar pro Barrel. Auf dem Weltmarkt könnte man für dieses Öl rund 100 Dollar pro Barrel bekommen. Das ist eine Form der Subvention. Die Regierung von Saudi-Arabien hat erkannt, dass man so nicht weitermachen kann und plant deshalb den Bau von Solar- und Windkraftwerken mit einer Kapazität von 54 Gigawatt bis 2032.

Infografik Prognose von Stromkosten aus neuen Großkraftwerken

Erneuerbare Energien sind im Kostenvergleich von klimafreundlichen, neuen Kraftwerken im Vorteil

Welche Auswirkungen für den Arbeitsmarkt hätte die Verdopplung der erneuerbaren Energien bis 2030?

Nach unserer Berechnung würden weltweit pro Jahr 3,5 Millionen neue Arbeitsplätze im erneuerbaren Energiesektor entstehen. Gleichzeitig würden jedoch auch Arbeitsplätze im fossilen Energiesektor abgebaut werden. In der Summe gäbe es etwa eine Million zusätzliche Arbeitsplätze pro Jahr.

Wie optimistisch sind Sie, dass Ihre Analysen und Vorschläge aufgegriffen werden?

Saudi-Arabien plant erneuerbare Kraftwerke mit einer Kapazität von 54 Gigawatt. Indien will seine Solarkraft mehr ausbauen. Statt 20 sind nun 100 Gigawatt bis 2027 geplant. China installiert zehn Gigawatt Photovoltaik pro Jahr, und die Liste ist viel länger. Weltweit, und vor allem in den Entwicklungsländern, sieht man derzeit ein stark wachsendes Interesse. Die Zahlen sind schon beeindruckend.

Wer sind derzeit die Vorreiter beim Energienumbau?

Im Stromsektor sehen wir ein weltweites Wachstum. Interessant ist die Entwicklung bei der zweiten Generation von Biotreibstoffen. Seit 2012 gibt es hier eine Produktionsanlage in Italien, jetzt werden solche auch in Brasilien und China eröffnet. Die USA schreiten ebenfalls hier voran. Auf dem Gebiet der solaren Wärmeerzeugung, der Solarthermie, ist China eindeutig einer der Vorreiter. Aber auch in Indien wird jetzt Solarthermie in der Industrie zunehmend genutzt. Bei der Geothermie verfolgen Kenia und Indonesien sehr ambitionierte Ziele.

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Insgesamt setzt Dänemark die sehr ambitionierten Ziele in die Praxis um. Brasilien hat derzeit einen hohen erneuerbaren Anteil, hat aber eigentlich keine Zielsetzungen, um den Anteil weiter zu steigern. In Europa fokussiert sich die Diskussion sehr auf die Klimapolitik. Wir glauben schon, dass Erneuerbare da eine sehr wichtige Rolle spielen könnten.

Welche Rolle übernimmt die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) beim globalen Energieumbau?

In den Mitgliedsländern besteht noch immer ein großer Bedarf an objektiven Daten für die Erneuerbaren. Das sind Daten über Kosten und Potentiale. Das sind Daten über politische Instrumente und darüber, ob sie funktionieren oder nicht. Auf all diesen Gebieten beraten wir die Regierungen und veröffentlichen die Daten.

Jetzt haben wir mit REmap 2030 einen zusammenfassenden Bericht vorgelegt, wie die erneuerbaren Energien bis 2030 weltweit verdoppelt werden können. Der vollständige Bericht wird Ende Februar veröffentlicht. Danach werden wir 26 einzelne Länderberichte bis Mitte 2014 vorlegen. Diese Länderberichte werden wir mit den Regierungen und den Experten aus den Ländern besprechen und über die Optionen der Umsetzung diskutieren.

Das Interview führte Gero Rueter

Dolf Gielen ist seit 2011 Direktor des Innovations- und Technologiezentrums der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) in Bonn. 125 Länder sind inzwischen Mitglied der zwischenstaatlichen Organisation IRENA, 42 Länder sind im Beitrittsprozess. Dolf Gielen arbeitete zuvor bei der United Nations Industrial Development Organisation (UNIDO) und der internationalen Energieagentur (IEA).

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