Gibt es Werte ohne Glauben? | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 10.04.2021
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Deutschland evangelisch-katholisch

Gibt es Werte ohne Glauben?

Sind Atheisten moralische Wracks,- während Religiöse automatisch richtig handeln? Kommen Werte nicht immer aus dem Glauben? Eine neue Studie gibt Antworten.

Atheisten Flash-Galerie Steine mit Inschrift

Schweden gegen die USA
 

Kann ein Mensch ohne Glauben Werte haben? Leben fromme Menschen moralischer? Für eine neue Studie darüber  wurden auf der einen Seite US-Amerikaner und auf der anderen Seite Schweden getestet. . Auf der einen Seite also ein Land, in dem die Zugehörigkeit zu einer Religion - am besten der christlichen - noch eine große Rolle spielt: ein Atheist hätte es, so die Macher der Studie, beispielsweise schwer in den USA  zum Präsidenten gewählt zu werden.  Als Gegenpol mit Schweden ein laizistisches Land, in dem nach den Forschenden die Religionszugehörigkeit eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

 

Ein Sinn für Gerechtigkeit

Sogar die befragten Atheisten selbst hielten es vorab für möglich, dass die tugendhaften Gläubigen sie in Sachen Moral überflügeln werden. Aber: So ist es nicht. Beide Gruppen bilden gleichermaßen einen Sinn für Gerechtigkeit aus. Sie merken Ungerechtigkeit, erkennen, wenn andere Menschen Hilfe benötigen - und zeigen so moralische Standards. Der einzige Unterschied war, so schreiben es die Wissenschaftler*innen, dass es die religiösen Befragten etwas leichter hatten, zu einem moralischen Urteil zu kommen. Sie lassen Regeln für sich gelten, beziehen sich auf die Gemeinschaft. Die Atheisten haben sich ihre Urteile jeweils im Einzelfall bilden müssen. Sie haben von den Konsequenzen Ihres Handelns her gedacht. Das war sowohl bei den Befragten in Schweden wie auch den USA so.

Nach den Gründen für diesen nur kleinen Unterschied - und auch danach, warum sich diese Vermutung hält, religiöse seien moralischer als andere Menschen - fragt die sozialpsychologische Studie nicht. Vielleicht finden sich ein bis zwei kleine Hinweise in der Theologie beziehungsweise bei Theologen?

 

Eine alte Schrift für die moderne Welt

Dass die Unterschiede zwischen den Frommen und Unfrommen gar nicht so groß sind, erkannte schon Friedrich Schleiermacher. In der Schrift „Über die Religion - Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799 erklärt  er den genannten intellektuellen unfrommen Leserinnen und Lesern, wie ähnlich doch ihr Weltbild eigentlich dem religiösen sei und dass ihre Ablehnung der Religion als Grundlage der Regeln für einfache Menschen den eigentlichen Charakter der Religion verkenne. Denn das „Gefühl und den Geschmack für das Unendliche“, das teilen alle Menschen. Dieses „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ von etwas, das über den Menschen und die Welt hinausgeht, so führt Schleiermacher aus, das sei eben Religion, nicht das Einhalten von Regeln und Geboten und nicht einmal die Zugehörigkeit zur Kirche.

Aus heutiger Sicht lässt sich vielleicht kritisieren, dass die so genannten „Verächter der Religion“ ungefragt vereinnahmt werden fürs Christentum. Die Beobachtung Schleiermachers gilt aber doch in unseren Zeiten fast noch mehr als vor 220 Jahren. Unsere Welt ist voller Maschinen, die wir benutzen, ohne sie erklären zu können, voller Algorithmen, von denen wir wenig wissen, die dafür ziemlich viel über uns wissen. Wir sind gefangen in einer Welt von Abhängigkeiten von Voraussetzungen, die wir nicht selber schaffen können und hoffen, dass es gut geht. Dies ist der Ausgangspunkt von Moral und Ethik: Hoffen, dass es gut geht.
Diese Abhängigkeit von bloßer Hoffnung kann bedrückend sein, weil sie bedeutet, dass wir ausgeliefert und unbedeutend sind. Aber im Verhältnis zu Gott führt dieses Gefühl der Abhängigkeit zur Liebe für die Welt und die Menschen, aber nicht unbedingt zu ethischem Verhalten.

Die Behauptung, dass Werte nur aus dem Glauben kommen, tut also nicht nur den ungläubigen Menschen unrecht, die genauso ethisch handeln können, sondern auch dem Glauben, der viel mehr ist als nur die Begründung des “richtigen” Verhaltens. Am Ende bleibt von der Schlagzeile der Studie das fast schon triviale Ergebnis übrig: Ein guter Mensch muss nicht fromm sein. Und ein frommer Mensch nicht gut.

 

Björn Raddatz