Gewalt behindert Polio-Impfungen in Pakistan | Asien | DW | 22.01.2014
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Asien

Gewalt behindert Polio-Impfungen in Pakistan

Immer wieder stören Attentate die Impfkampagne der pakistanischen Regierung gegen Kinderlähmung. Experten vermuten militante Islamisten als Drahtzieher und befürchten eine weitere Ausbreitung der Erkrankungen.

In Pakistan sind sieben Menschen, Mitarbeiter eines Polio-Impfteams und Polizisten, die sie schützen sollten, durch Attentate ums Leben gekommen. Medienberichten zufolge hat sich zu den Anschlägen noch niemand bekannt, doch vermutlich stünden militante islamische Gruppen dahinter. Die Anschläge ereigneten sich unmittelbar nach der Ankündigung der Behörden, eine landesweite Impfkampagne zu starten, die die Kinderlähmung in Pakistan ausrotten soll. Die Militanten, darunter auch die Taliban, wollten vermutlich Impfteams bedrohen, um sie zu bewegen, ihre Kampagne aufgeben, so die Polizei. In ihrer Rückzugsregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan behindern die Taliban seit einiger Zeit die Impfungen und blockieren Kampagnen der Regierung.

"Dichteste Polioviren-Zone weltweit"

Kinder mit Polio in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan (Foto: KPK)

Kinderlähmung ist eine Infektionskrankheit, die hauptsächlich Kinder bis acht Jahren befällt

Im Jahr 2012 gab die Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) ihr Engagement gegen Kinderlähmung in Pakistan auf, nachdem die Taliban zwei WHO-Mitarbeiter in der nordwestlichen Stadt Charsadda getötet hatten. Die UN-Organisation, die sich als Partner der pakistanischen Regierung verstand, sagte damals, dass die Entscheidung, das Impfprogramm auszusetzen, aufgrund der "sehr unsicheren" Situation in Pakistan getroffen wurde.

Kinderlähmung oder Poliomyelitis ist eine ansteckende, von Polioviren hervorgerufene Infektionskrankheit, die hauptsächlich Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahren befällt. Sie kann zu bleibenden Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod führen. Rechtzeitige Impfungen können den Ausbruch der Krankheit verhindern. Polioviren werden durch schlechte Hygienebedingungen, verschmutztes Wasser oder Nahrungsmittel übertragen.

Die mangelhafte Umsetzung von flächendeckenden Imfprogrammen hat dazu geführt, dass die Fälle von Kinderlähmung in Südasien zugenommen haben. Pakistan und Afghanistan sind - zusammen mit Nigeria - die einzigen der Welt, wo die Krankheit noch immer endemisch ist, das heißt konstant auftritt. In Pakistan hat die WHO im vergangenen Jahr 91 Fälle dokumentiert (58 waren es noch 2012) - 65 davon allein in der norwestlichen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die die Organisation als die "dichteste Polioviren-Zone der Welt" bezeichnet.

Islamisten unter Verdacht

Taliban in Pakistan mit Kopftuch und Gewehr (Foto: AFP/Getty Images)

Militante Islamisten, darunter die Taliban, misstrauen den Impfteams

Die militanten Islamisten sind sehr stark im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan, aber ihr Einfluss ist in den vergangenen drei Jahren auch den Großstädten Lahore im Süden und Karachi im Osten beträchtlich gewachsen. Die Taliban haben den Mitarbeitern der Impfkampagne das Leben extrem schwer gemacht, sagen Experten. Wenn die Impfkampagne scheitere, werde das verheerende Konsequenzen für das Land mit sich bringen, die auch die wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigen. "Wenn sich der Polio-Virus ausbreitet, wird es pakistanischen Bürgern nicht mehr gestattet sein, in andere Länder auszureisen", sagt Sikandar Januja, politischer Aktivist aus Karachi, der Deutschen Welle. Er habe keinen Zweifel daran, wer die Angriffe auf das Impfteam verübt habe, so Januja: "Die islamistischen Organisationen, also Taliban, Al-Kaida und Jamaat-e-Islami töten die Mitarbeiter der Impfteams. Sie fürchten, dass der amerikanische Geheimdienst CIA einige ihrer Führer, die sich vielleicht in Karachi verstecken, durch die Impfkampagne finden und töten könnte."

Im Juli 2012 hatten die pakistanischen Behörden eine vergleichbare Impfkampagne verschoben, und zwar nachdem der Taliban-Führer Hafiz Gul Bahadur aus Wasiristan die Impfungen untersagt hatte. Er behauptete, es handle sich um eine versteckte Geheimdienstoperation, wie sie 2011 durchgeführt wurde. Damals hatte der Arzt Shakil Afridi eine Hepatitis-Impfung durchgeführt, die die CIA zu Osama bin Ladens Versteck in Abbottabad geführt hatte, wo er von US-amerikanischen Spezialkräften erschossen wurde. Afridi wird vorgeworfen mit der CIA zusammengearbeitet zu haben. Er ist heute in Pakistan inhaftiert. Die Anklage lautet auf Verrat und Mord.

Verlust der Glaubwürdigkeit

Ein Kind erhält eine Impfung gegen gegen Kinderlähmung in Pakistan (Foto: EPA)

Impfkampagnen sind seit der "Afridi-Affaire" in Verruf geraten

Shahnaz Wazir Ali, eine Beraterin des ehemaligen pakistanischen Ministerpräsidenten Raja Pervez Ashraf, erklärte gegenüber der DW, dass die Afridi-Affäre es für die Regierung schwieriger macht, weitere Polio-Impfkampagnen durchzuführen. "Die Menschen glauben jetzt, dass mutmaßliche Agenten wie Afridi in den Polio-Teams arbeiten und dass dies ihr Leben in Gefahr bringen könnte." Wajahat Malik, ein Aktivist und Filmemacher aus Islamabad, sagt im Interview mit der DW, dass seit der Afridi-Affaire "die Impfkampagne zur Bekämpfung von Kinderlähmung ihre Glaubwürdigkeit verloren habe."

Der pakistanische Journalist Nusrat Amin weist darauf hin, dass sich fortschrittsfeindliche Kräfte in Ländern wie Pakistan oft gegen Kampagnen stellen, die die Lebensbedingungen der Menschen verbessern. "Bisherige Regierungen haben dem Druck der islamistischen Gruppen aus den Stammesgebieten immer wieder nachgegeben. Ich wäre nicht überrascht, wenn auch diese Regierung sich entscheiden würde, die Impfkampagne aufzuschieben."

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