Gesucht: ″Islam der Muslime in Deutschland″ | Deutschland | DW | 08.04.2019
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Ausländische Geistliche

Gesucht: "Islam der Muslime in Deutschland"

Mehr Imame mit deutschem Diplom, weniger Imame aus dem Ausland. Berlin will Ankaras Einfluss auf Moschee-Vereine zurückdrängen und das Aufenthaltsrecht verschärfen. Machen deutsch-muslimische Gemeinden da mit?

Köln Moschee Imame (picture alliance/dpa/O. Berg)

Zeichen setzen: Imame beten beim islamischen Aktionstag gegen Hass und Gewalt in einer Kölner Moschee

Murat Gül ist Imam und Präsident der Islamischen Föderation in Berlin (IFB). Er unterricht Islam an der Rosa-Parks-Grundschule in der Hauptstadt und sagt: "Seit ich ein kleiner Junge war, habe ich den Koran geliebt."

Der 43-Jährige wurde in Weinheim, im Süd-Westen Deutschlands, geboren. Den Koran las er zuhause mit seinem Vater. Später ging er in die Türkei, besuchte einen Koran-Kurs und schloss seine Islamstudien in Ägypten ab. Gül sagt, er wollte zwar mehr über den Islam lernen, aber hatte "nie vor, Imam zu werden".

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland bewarb Gül sich um einen Medizinstudienplatz. "Aber dann sah ich junge Menschen, die Drogen nahmen und keinerlei Plan für ihre Zukunft hatten." Das löste in ihm den Wunsch aus, Kindern zu helfen. "Also habe ich angefangen, Islam-Unterricht zu geben."

Imam Murat Gül (DW/S. Serdar )

Gül: Imame müssen deutsche Sprache und Kultur kennen

Gül ist der Überzeugung, dass Imame in Deutschland Deutsch können, mit dem Bildungssystem vertraut sein und die Kultur des Landes kennen sollten, in dem sie leben. Nur so könne ein Imam die Bedürfnisse einer muslimischen Gemeinde in Deutschland verstehen und angehen.

In Deutschland sozialisiert

Von den fast 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland haben rund drei Millionen türkische Wurzeln. Nach Angaben der 2006 von Deutschlands Innenministern einberufenen Deutschen Islam Konferenz (DIK) gibt es hierzulande über 2000 Moscheevereine und rund 2000 Imame. Fast 90 Prozent von ihnen stammen aus dem Ausland und haben ihre Ausbildung nicht in der Bundesrepublik erhalten. Die Mehrheit von ihnen kommt aus der Türkei.

Die Bundesregierung will dies ändern und den finanziellen und institutionellen Einfluss auf Imame aus dem Ausland einschränken. Sie will daher einen "Islam in, aus und für Deutschland" fördern und die Anzahl lokal ausgebildeter Imame steigern.

"Wenn junge Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, in die Moschee gehen oder Rat von einem Imam suchen, dann wäre es doch von Vorteil, wenn auch die Geistlichen in der Moschee, wenn der Imam eine gewisse Erfahrung mit dem Leben und dem Alltag in Deutschland hat", sagte Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, im Gespräch mit der DW.

Berlin Humboldt-Universität entscheidet über Islam-Institut (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

An der Humboldt Universität in Berlin wird in diesem Jahr ein weiterer Studiengang für islamische Theologie eingerichtet

"Es geht nicht um eine 'Eindeutschung' des Islam, sondern um einen Islam der Muslime in Deutschland", fügt Kerber hinzu, der für die Beziehung der Bundesregierung mit den Muslimen in Deutschland zuständig ist. Ziel sei es, "dass Muslime, die hier leben, sich mit ihrer Religion hier akzeptiert und beheimatet fühlen können und sich als Bereicherung für unser Land fühlen können." 

Problem mit der Sprachbarriere

Einen festen Plan, wie die lokale Ausbildung von Imamen aussehen soll, gibt es aber noch nicht. Sprache ist ein großes Hindernis – und da setzt die Bundesregierung nun an. Das Innenministerium verkündete vor kurzem, dass die Regierung plant, das deutsche Aufenthaltsrecht zu ändern. Deutschkenntnisse sollen demnach ein Muss sein für ausländische Geistliche, die nach Deutschland kommen wollen.

Diese Voraussetzung taucht auch auf einer Liste des Bundesverteidigungsministeriums auf. Von dort hieß es vergangene Woche, dass islamische Seelsorger, die für das Militär arbeiten wollen, fließend Deutsch können müssen und einen Abschluss in islamischer Theologie von einer staatlich anerkannten Universität haben müssen.

In Deutschland wird islamische Theologie aktuell an den Universitäten Münster, Tübingen, Osnabrück, Frankfurt/ Gießen und Erlangen-Nürnberg unterrichtet. Ein weiteres Institut wird dieses Jahr an der Humboldt Universität in Berlin eröffnet.

Wie wäscht man Verstorbene?

Doch Islamische Theologie ist das eine, theologische Praxis das andere. Nach Einschätzung von Rauf Ceylan, Professor am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, qualifiziere ein solches Studium nicht automatisch für die Arbeit als Imam. Nach dem Studium bräuchten die Graduierten noch Praxiserfahrung.

"Den Koran lesen, wie man richtig betet, wie man Verstorbene wäscht – unsere Studenten durchlaufen eine wissenschaftliche Ausbildung, da können wir ihnen diese praktischen Dinge nicht beibringen", sagt Ceylan. "Dafür wird es eine Akademie geben müssen." Ein Pilotprojekt für die berufliche Entwicklung von Imamen an der Universität Osnabrück wurde 2018 beendet, als die finanzielle Unterstützung auslief.

Ausländischen Einfluss

In der Debatte um ausländischen Einfluss in der muslimischen Gemeinde in Deutschland spielt die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) eine zentrale Rolle. Imame der DITIB, mit 900 Moscheen die größte islamische Organisation Deutschlands, werden in der Türkei ausgebildet und von dort entsandt und bezahlt.

"Ich sehe es vor allen Dingen als Problem, dass wir es hier gar nicht nur mit einer Religionsgemeinschaft zu tun haben, sondern mit einem Staat, der diese Imame entsendet", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph de Vries der DW.

Gegen die Einmischung von DITIB in nationale politische Angelegenheiten gibt es seit langem weitreichende Kritik. "Wir möchten, dass Imame nicht mehr wie bisher von der Religionsbehörde der Türkei nach Deutschland entsandt werden, sondern schrittweise mehr und mehr in Deutschland ausgebildete Imame in Gemeinden tätig werden", erläutert Staatssekretär Kerber. 

In der jüngeren Vergangenheit machte die DITIB in Deutschland vermehrt negative Schlagzeilen: Spionagevorwürfe, die Verherrlichung des türkischen Militärangriffs auf die syrisch-kurdische Stadt Afrin in DITIB-Moscheen, sowie die Teilnahme von Mitgliedern der Muslimbruderschaft an einer DITIB-Veranstaltung im Januar 2019. 

Die Finanzierungsfrage

Die größte Herausforderung ist nach Meinung der grünen Bundestagsabgeordneten Filiz Polat, wie die DITIB Moscheen ohne Unterstützung des türkischen Staats ihre Imame finanzieren würden. "Aktuell bekommt die Moschee einen gut ausgebildeten Imam umsonst", sagte Polat der DW. "Zukünftig müsste sie den Imam selber tragen."

Polat verweist auf die muslimische Ahmediyya Gemeinschaft als ein positives Beispiel. Die Religionsgemeinschaft hat rund 40.000 Mitglieder und mehr als 50 Moscheen in Deutschland. "Bei der Ahmadiyya ist es beispielsweise so, dass alle Gemeinden in einen großen Topf einzahlen", sagt Polat. "Dann findet entsprechend eine solidarische Verteilung statt, so dass auch kleine Gemeinden sich einen Imam leisten können."

Video ansehen 03:14

"Mehr Transparenz bei Finanzierung von Moscheen"

"In Anbetracht der Anzahl der Muslime mit türkischem Hintergrund ist es definitiv leistbar", fügt die grüne Abgeordnete hinzu. "Die Frage ist nur: Wollen die Muslime unabhängig von ihrem Herkunftsstaat sein, und wollen sie eine Imam Ausbildung, die hier in Deutschland stattfindet und finanziert ist?"

DITIB zeigt sich offen

DITIB scheint den Forderungen gegenüber mittlerweile offen zu sein. DITIB-Generalsekretär Abdurrahman Atasoy sagte der DW, dass die Organisation demnächst ein Projekt beginnen wird, in dessen Rahmen Imame in Deutschland ausgebildet und an offene Stellen vermittelt werden.

Kurzfristig die Mittel zusammenzubekommen, um mehr als 1000 religiöse Offizielle zu bezahlen, ist allerdings eine Herausforderung. "Wir wollen ein System finden, dass den deutschen Standards entspricht, daran arbeiten wir", sagt Atasoy. "Diese Mechanismen aufzubauen braucht Zeit."

Der deutsche Staat muss sich aus Religionsangelegenheiten heraushalten, so steht es im Grundgesetz. "Der Staat kann und will hier keinen Weg vorgeben", sagt Kerber. "Aber wir diskutieren jetzt darüber, ob und wie der Staat und die religiösen Gemeinschaften dabei kooperieren können."

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