Gestärkt zurück aus nordkoreanischer Gefangenschaft | Asien | DW | 19.02.2018
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Nordkorea

Gestärkt zurück aus nordkoreanischer Gefangenschaft

Erst die Verhöre, monatelang. Dann Schuften im Arbeitslager, sechs Tage pro Woche. Insgesamt 735 Tage verbrachte der christliche Missionar Kenneth Bae in nordkoreanischer Gefangenschaft. Zeit, die bis heute nachwirkt.

"Niemand denkt mehr an dich. Alle haben dich vergessen, auch deine Regierung. Du wirst 15 Jahre in Nordkorea bleiben. Und wenn du deine Strafe abgesessen hast und nach Hause zurückkehren kannst, bist du 60 Jahre alt." Jede Woche bekam Kenneth Bae diese Worte zu hören. Immer samstags, wenn sein Ankläger ihn besuchte. Worte, die sich eingebrannt haben. Zermürbend sei das gewesen, sagt Kenneth Bae rückblickend. "Ich war jedes Mal aufs Neue verzweifelt, manchmal regelrecht depressiv. Aber mein Glaube hat mir immer wieder Halt gegeben."

Matthew Miller vor Gericht in Norkorea (Reuters/Kyodo)

Matthew Todd Miller wurde nach sieben Monaten Haft am selben Tag freigelassen wie Bae - er soll bei seiner Einreise als Tourist sein Visum zerrissen und dabei laut ausgerufen haben, dass er Asyl beantragen wolle

Am 3. November 2014, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach seiner Festnahme, stand der Ankläger zum letzten Mal vor ihm. "13 Jahre hast du noch vor dir", sagte er damals. Fünf Tage später allerdings kam Kenneth Bae überraschend frei, zusammen mit einem zweiten damals in Nordkorea festgehaltenen US-Bürger: Matthew Todd Miller. Abgeholt wurden die zwei vom ehemaligen amerikanischen Geheimdienstkoordinator James Clapper. Wie schon bei verschiedenen Fällen in der Vergangenheit war es ein für das Kim-Regime prestigeträchtiger Besuch eines hochrangigen Gesandten, der letztendlich zur Freilassung von Gefangenen führte. Gegenleistungen von Seiten der USA habe es nicht gegeben, heißt es aus dem US-Außenministerium.

Festnahme wegen Festplatte

Rückblick. Im November 2012 reiste Kenneth Bae nach Nordkorea ein. Wieder einmal. Regelmäßig war der in Südkorea geborene und aufgewachsene US-Bürger im Land unterwegs. Seit einigen Jahren lebte er mit seiner Familie in China, arbeitete von dort aus als Reiseveranstalter, organisierte Trips nach Nordkorea. Jahrelang ging alles gut. Doch dann unterlief ihm ein folgenschwerer Fehler. "Ich hatte eine externe Festplatte bei mir", berichtet Bae im Gespräch mit der DW. Darauf sei eine westliche Dokumentation über Nordkorea gespeichert gewesen.

Er habe nicht vorgehabt, die Festplatte mit nach Nordkorea zu nehmen, gibt Bae an. "Es war ein Versehen, ich hatte sie im Gepäck, ohne es zu merken." Diese Festplatte wurde ihm zum Verhängnis. Sie sei der ursprüngliche Grund dafür gewesen, dass er in der Sonderwirtschaftszone Rason im Nordosten des Landes festgenommen wurde. "Dann haben die Nordkoreaner auch herausgefunden, dass ich Missionar bin. Sie haben mir vorgeworfen, ich hätte vorgehabt, nordkoreanische Bürger zu missionieren und die Regierung zu stürzen."

Kim Jong-Un mit Soldatgen auf einer Militärparade am 8. Februar 2018 (Getty Images/AFP/KNS/KCNA)

Großer Bahnhof für die Kims: Immer wieder hat Nordkorea US-Bürger verhaftet, um sie als Faustpfand für Verhandlungen mit den USA einzusetzen - alle kamen später wieder frei, meist nach einem hochrangigen Abhol-Besuch wie durch Clinton, Clapper oder auch Ex-Präsident Jimmy Carter

Ein halbes Jahr Verhöre

Denn Bae ist evangelikaler Christ. Christen stellen in Nordkorea eine kleine Minderheit dar, nirgendwo auf der Welt würden sie so stark verfolgt wie in dem abgeschotteten, kommunistischen Land, schreibt das christliche Hilfswerk Open Doors. Auf dem jährlich veröffentlichten Verfolgungsindex belegt Nordkorea auch 2018 - wieder - den ersten Platz.

Nach seiner Festnahme wird Bae erst einmal einen Monat lang beim Nationalen Sicherheitsbüro verhört, jeden Tag. Dann wird er nach Pjöngjang verlegt. Dort trifft er zum ersten Mal seinen Ankläger. Es folgen weitere vier Monate Befragungen, bevor es schließlich zum Prozess kommt. Ende April 2013 wird Bae schließlich wegen angeblicher Umsturzpläne zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, kommt in eine Einrichtung etwas außerhalb der Hauptstadt.

Gefangener "erster Klasse"?

Sein Alltag dort: strenge Routine. Jeder Tag verläuft gleich. "Um sechs Uhr morgens musste ich aufstehen, Frühstück gab es um sieben. Dann musste ich von acht bis 18 Uhr arbeiten, sechs Tage pro Woche."

Kenneth Bae (Reuters)

Während der Gefangenschaft verlor Bae fast 30 Kilo Körpergewicht und musste aufgrund gesundheitlicher Probleme mehrere Monate im Krankenhaus liegen

Bae musste auf dem Feld schuften, Kohle schaufeln oder Steine schleppen. Es sei harte körperliche Arbeit gewesen, erzählt er. Um 19 Uhr gab es Abendessen. "Und danach musste ich weiter regungslos auf meinem Stuhl sitzen, bis 22. Uhr. Erst dann durfte ich mich hinlegen."

Trotz allem, sagt er, hatte er noch Glück. Als Ausländer sei er vergleichsweise gut behandelt worden. Körperlich misshandelt worden sei er nie. Und auch sonst habe er Privilegien genießen dürfen, beispielsweise beim Essen. "Ich habe meist Suppe, Reis und zusätzlich noch Gemüse zu essen bekommen. In den ersten Monaten gab es sogar zwischendurch hin und wieder Snacks: Brot oder auch mal einen Apfel." Gereicht habe es trotzdem nicht. Meist habe er schon nach kurzer Zeit wieder Hunger verspürt. Allein in den ersten drei Monaten nahm er 27 Kilo ab.

Allein mit dem Personal

Bae war der einzige Gefangene im ganzen Lager. Außer ihm gab es nur die Belegschaft: vom Wärter bis zum Arbeiter. "Während der ganzen Zeit habe ich keinen einzigen anderen Häftling kennengelernt."

US-Bürger Kenneth Bae bei einem Fernsehinterview während der Haft (AP)

Im September 2014 tauchen Bae, Miller und Fowle im Fernsehen auf - gegenüber AP geben sie ein inszeniertes Interview

Stattdessen baute er nach und nach Kontakt zu einigen seiner Wächter auf. Weil er koreanisch spricht, gab es zumindest sprachlich keine Verständigungsprobleme. "Aber während der ersten Monate war es etwas unbehaglich. Sie wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Offiziell galt ich ja als Feind, der ihre Regierung stürzen wollte."

Über den Smalltalk habe sich mit der Zeit eine regelrechte Beziehung entwickelt. "Mit einigen habe ich auch mal über Politik und politische Differenzen gesprochen. Manchmal haben sie zugehört, dann wieder wollten sie nichts davon wissen. Aber von Angesicht zu Angesicht war es schon möglich, zu erzählen, wie die Welt außerhalb von Nordkorea aussieht." Genau das habe die Wachen besonders interessiert. Sie seien sehr neugierig gewesen, sagt Bae. "Sie wollten beispielsweise wissen, wieviel der Lebensunterhalt in den USA kostet. Oder wie die Menschen dort leben und ob sie alle ein eigenes Auto haben." 

Jeffrey Fowle (picture-alliance/AP Photo/Wong Maye-E)

Zwei Wochen vor Bae und Miller kam Jeffrey Fowle frei, er hatte fünf Monate im Gefängnis gesessen, weil er eine Bibel auf der Toilette eines Klubs in Pjöngjang liegengelassen haben soll

Ob er auch Menschlichkeit erfahren habe im Lager? Ja, sagt Bae. "Einige haben richtig mitgefühlt mit mir. Nicht alle, aber schon ein paar. Unterm Strich sind es genauso Menschen wie du und ich. Nur sind sie halt in einem anderen System aufgewachsen und dadurch geprägt."

Mit Gottvertrauen

Insgesamt 735 Tage vergingen, bevor Kenneth Bae Ende 2014 frei kam. Kein anderer Amerikaner vor ihm war seit dem Krieg so lange in Nordkorea inhaftiert. Sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zwischenzeitlich so sehr, dass er vom Arbeitslager in ein Krankenhaus verlegt werden musste, mehrere Monate verbrachte er dort. Trotz allem, so sagt er, zweifelte er nicht daran, dass er eines Tages nach Hause würde zurückkehren können. "Ich bin Missionar und ein gläubiger Mensch. Am dritten Tag meiner Haft hatte ich eine Art übernatürliches Erlebnis. Ich stand in der Mitte eines kalten Raumes, und plötzlich wurde meine eine Hand ganz warm. Die Wärme breitete sich dann in meinem ganzen Arm aus." Für den evangelikalen Christen ein Zeichen. "Ich wusste, das ist die Wärme Gottes. Er ist bei mir und wird mich retten."

Bill Clinton und Kim Jong Il sitzend nebeneinander (dapd)

Im Sommer 2009 reiste Bill Clinton nach Nordkorea, um zwei inhaftierte US- Journalistinnen nach Hause zu holen - dabei traf er auch mit dem damaligen Führer Kim Jong Il zusammen

Außerdem sprach er sich selbst mit der bisherigen Statistik Mut zu: Jeder vor ihm in Nordkorea gefangen gehaltene Amerikaner habe irgendwann gehen dürfen, meist nach hochrangiger diplomatischer Vermittlung von Seiten Washingtons. Bae war überzeugt, dass es bei ihm genauso sein würde. "Das Schwerste für mich war das Warten. Und dieses Nichtwissen, wann es endlich so weit sein würde." Kraft gaben ihm auch die mehreren hundert Briefe, die ihn mit Hilfe der schwedischen Botschaft im Arbeitslager erreichten: Unterstützer aus aller Welt riefen ihn darin zum Durchhalten auf, schrieben, dass sie ihn nicht vergessen hätten.

Blick nach vorn

Mehr als drei Jahre liegt seine Entlassung mittlerweile zurück. Kenneth Bae lebt mittlerweile überwiegend in Südkorea. Er hat eine NGO gegründet, die Nehemiah Global Initiative. "Wir haben es uns zum Ziel gemacht, nordkoreanischen Flüchtlingen zu helfen, unterstützen beispielsweise Menschen, die es über die Grenze nach China geschafft haben und weiter nach Südkorea möchten."

US-Student Otto Warmbier, flankiert von zwei Sicherheitskräften auf dem Weg zu seinem Prozess (picture alliance/dpa/MAXPPP)

Der letzte spektakuläre Fall eines in Nordkorea inhaftierten US-Bürgers war der des Studenten Otto Warmbier - auch er wurde von einem Gericht zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt

Die Zeit in Gefangenschaft wirkt weiter nach, sagt er. Er spürt eine starke Verbindung zu den Menschen im Land. Die Art und Weise, wie sie im Alltag unter ihrem politischen System leiden müssen, berührt ihn persönlich. "Ich weiß, dass ganz normale durchschnittliche Leute ständig in Angst und unfrei leben müssen. Es macht mir Sorgen, wie der Staat mit seinen Bürgern umgeht. Ich wünsche mir, dass ihre Rechte verbessert werden und dass in Nordkorea eines Tages Meinungs- und Religionsfreiheit herrschen."

"Gereift als Mensch"

Kenneth Bae reist viel, spricht überall auf der Welt über seine Erlebnisse in Nordkorea. An diesem Dienstag (20.02.) trat er beispielsweise beim diesjährigen Menschenrechtsgipfel in Genf auf. Und er hat ein Buch geschrieben. "Not forgotten" heißt es, nicht vergessen.

Freigelassener US-Student Warmbier wird nach seiner Landung in Ohio in ein Auto getragen (picture alliance/The Cincinnati Enquirer/AP/S. Greene)

Anderthalb Jahre später wurde Warmbier schwerstkrank und ohne Bewusstsein in die USA ausgeflogen, wo er wenige Tage darauf starb - die genaue Todesursache ist bis heute unklar

Selbst noch einmal nach Nordkorea zu reisen, das kann er sich aber nicht vorstellen, zumindest nicht unter den derzeitigen Voraussetzungen. "Selbst wenn ich wollte, ich glaube nicht, dass man mich überhaupt einreisen lassen würde. Das steht für mich aber auch wirklich nicht zur Debatte."

Hadern mit seinem Schicksal, das tut er nicht. Er empfindet auch keinen Groll. Tatsächlich habe ihn die Gefangenschaft stärker gemacht, erzählt er. Er habe gelernt, durchzuhalten und noch mehr auf Gott zu vertrauen. "Natürlich möchte ich das, was ich durchmachen musste, nicht noch einmal erleben." Aber trotzdem sei er durch die ganze Sache als Mensch gereift. Und deshalb, so sagt er, empfindet er die zwei Jahre in nordkoreanischer Haft rückblickend gewissermaßen auch als eine Art "Geschenk".

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