Gesichtsblindheit: Fremde Freunde | Wissen & Umwelt | DW | 20.10.2013
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Wissen & Umwelt

Gesichtsblindheit: Fremde Freunde

Kennen wir uns? Ein Blick ins Gesicht unseres Gegenübers und wir wissen Bescheid. Doch manche Menschen haben Schwierigkeiten, Gesichter zu unterscheiden. Ihnen sind manchmal selbst Freunde oder Familie unbekannt.

Merkwürdige Begegnungen macht Sylvia Tippmann nahezu täglich. Denn die 29-jährige Bioinformatikerin aus Chemnitz kann Gesichter nur schwer auseinanderhalten. "Einmal habe ich auf der Straße eine Spanierin getroffen. Sie hat mich total freundlich begrüßt und ich habe überhaupt nicht gewusst, wer das ist", sagt Sylvia. "Es war mein Sprachtandem. Mit ihr hatte ich mich zu dem Zeitpunkt schon drei Mal zum Spanischlernen getroffen. Das war sehr unangenehm."

Psychologen nennen diese Störung Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie. Die Betroffenen haben Mühe, andere Menschen anhand des Gesichts zu erkennen. Die Fähigkeit fehlt, zum Beispiel wenn man Filme oder Theaterstücken schaut. Betroffene können dann nicht folgen, weil sie die Hauptdarsteller in der nächsten Szene schon wieder vergessen haben. Oder eben, wenn man Bekannte und Kollegen trifft und sie nicht mehr erkennt, sagt Sylvia Tippmann: "Manche reagieren sehr verärgert. Es kommt auch vor, dass mich andere als arrogant wahrnehmen, weil ich mir die Leute nicht merken kann."

Zwei Tomaten als Augen, eine Kiwi als dicke Nase und eine Banane als Mund - auf einem Teller ergeben Obst und Gemüse ein lustiges Gesicht. (Foto: dpa/Patrick Pleul)

Im Extremfall können Menschen mit Prosopagnosie nicht sagen, dass es ein Gesicht ist, was sie sehen

Angeborene Störung

Solche Reaktionen seien typisch, sagt Janek Lobmaier, der als Professor für Biologische und Kognitive Psychologie an der Uni Bern zum Thema Prosopagnosie forscht. Dabei sei das Problem ausschließlich, dass die betroffene Person die Leute nicht am Gesicht erkennen kann. Meistens sei die Störung angeboren, doch auch Verletzungen und Schlaganfälle in bestimmten Gehirnregionen könnten zu Prosopagnosie führen. Im Extremfall können die Betroffenen nicht mal erkennen, dass sie ein Gesicht vor sich haben.

Der Grund für die Störung ist eine andere Reizverarbeitung im Gehirn. Wenn gesunde Menschen ein Gesicht sehen, wird zuerst die Struktur verarbeitet. Dann wird der Reiz an bestimmte Gehirnregionen an der Schläfe weitergeleitet: Ein Gehirnareal verarbeitet Mimik und Blickbewegungen, ein anderes die festen Merkmale eines Gesichtes. Und ein drittes überprüft, ob es bereits Erlebnisse mit der Person gab. "Alle Bereiche müssen gut zusammenspielen, um das Erkennen zu ermöglichen - wie in einem Orchester", sagt Lobmaier. Sobald hier ein Part nicht richtig mitmacht, kommt es zu Problemen.

Viele wissen nicht, dass sie gesichtsblind sind

Mindestens drei von hundert Menschen haben bei der Gesichtserkennung Schwierigkeiten, schätzt der Psychologe. Dazu komme eine hohe Dunkelziffer. Denn viele Menschen wissen gar nicht, dass sie betroffen sind. Sie denken, dass sie Konzentrationsschwierigkeiten oder einfach ein schlechtes Namensgedächtnis haben. "Meistens ist es eine große Erleichterung, wenn sie wissen, dass es Prosopagnosie ist", so Lobmaier. "Dann haben sie eine Erklärung."

Trotzdem ist die Prosopagnosie für viele Betroffene im Alltag unproblematisch. Sie erkennen die Menschen einfach anhand anderer Merkmale, wie der Art zu laufen, dem Kleidungsstil oder der Stimme. Auch Sylvia Tippmann greift auf diesen Trick zurück: "Im Studium habe ich mir meine Kommilitonen anhand ihrer Schuhe gemerkt." Im Berufsleben funktioniere das aber nicht so gut, weil sich die Leute jetzt mehr Schuhe leisten könnten. Deshalb merkt sich Sylvia nun andere Merkmale. Und wenn ihr trotz allem einmal ein Gesicht nicht einfällt, hilft meistens ein einfaches Lächeln.

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