Gerhard Richter ist 85: Malerisch immer einen Schritt voraus | Kunst | DW | 09.02.2017
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Kunst

Gerhard Richter ist 85: Malerisch immer einen Schritt voraus

Manch einem gilt er als Retter der Malerei des 21. Jahrhunderts. Dabei ist Stilbruch sein Kunstprinzip. So wurde er zum berühmtesten lebenden deutschen Künstler: Am 9.2. wurde der Maler Gerhard Richter 85 Jahre alt.

Gerhard Richter könnte unerkannt durch die City seiner Wahlheimat Köln spazieren. So unscheinbar und bescheiden wirkt der kleine, vollbärtige, Brillen tragende Mann. Was auffällt, sind einzig die rastlos umherschweifenden Augen und sein stetig prüfender Blick.

Als "Picasso des 21. Jahrhunderts" bezeichnen ihn Kritiker. Einer der erfolgreichsten Maler der Gegenwart ist Richter allemal. Seine Werke hängen in den bedeutendsten Museen der Welt. Arbeiten mit der Signatur des Deutschen erzielen Rekordpreise auf dem Kunstmarkt. Der "Kunstkompass" der Zeitschrift Capital listet Richter auf Platz eins aller lebenden Künstler. Die Welt überschüttet ihn mit Kunstpreisen.

Kein Künster zum Anfassen: Richter scheut die Öffentlichkeit

Ein Besucher betrachtet Gerhard Richters Gemälde einer lesenden jungen Frau. Foto: picture-alliance/dpa

Richters "Lesende" von 1994

Doch mit Picasso, dem Wegbereiter der Modernen Kunst im 20. Jahrhundert, teilt Richter kaum mehr als den Ruhm. Zwar liebt auch Richter die Frauen. Er ist in dritter Ehe verheiratet. Doch anders als der Franzose scheut Richter das Licht der Öffentlichkeit. Er gibt kaum Interviews und macht sich rar auf den Tummelplätzen der glamourösen Kunstwelt. Und im Unterschied zu Picasso macht Richter nicht die eigene Biographie zum Maß seiner Kunst. Ganz im Gegenteil, wie Richter-Biograph Dietmar Elger betont: "Gerhard Richter hat Privatleben, wo er es gemalt hat, immer geleugnet."

Und noch eines hat Richter mit Picasso gemein: Wo andere Künstler hinkommen, ist er stilistisch längst weiter gezogen. Das gilt bereits für seine frühen Pop-Art-Bilder und ersten Gehversuche im abstrakten Expressionismus Anfang der 1960er Jahre, die er zum "Kapitalistischen Realismus" deklariert.

Flucht aus der DDR nach Westdeutschland 

Gemalt und nicht fotografiert: Gerhard Richters Gemälde Kerze. Foto: Gerhard Richter, 2016

Kein Foto: Richters Gemälde einer Kerze.

Es ist Richters ironische - und konsumkritische - Antwort auf die offizielle Kunstdoktrin der damaligen DDR, den "Sozialistischen Realismus". Dem entzieht sich der Dresdner 1961 mit seiner Flucht nach Westdeutschland.

Bald darauf beginnt Richter mit seinem "Atlas", in dem er Zeitungsausschnitte, Fotografien, Entwürfe, Farbstudien, Landschaften, Porträts, Stillleben, historische Stoffe und Collagen versammelt. Eine Art Motivarchiv, das 1997 auf der Kunstschau Documenta in Kassel ausgestellt wird und dessen er sich über Jahrzehnte immer wieder bedient.

Permanenter Stilbruch wird zum Markenzeichen

Eine Frau betrachtet Richters Gemälde mit 48 Porträts bedeutender Männer. Foto: picture-alliance/dpa/J. Stillwell

Richter malte 48 Porträts bedeutender Männer

Er malt Landschaften in der Tradition der Romantik, Wolkenbilder und Seestücke. Stillleben und Porträts entstehen. Richter trägt die gegenständliche Malerei in die Zeit der Fotografie. Und erfindet sich dabei immer wieder neu - mal mit fotorealistischen Naturdarstellungen oder unscharfen Gemälden, mal mit Glas- und Spiegelobjekten, Installationen und Übermalungen oder auch mit späten, wandfüllenden Farborgien, wie sie jetzt in der Geburtstagsschau des Kölner Museums Ludwig ausgestellt sind. Permanenter Stilbruch wird zum Markenzeichen seiner Kunst. "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung", formuliert Richter 1966 sein künstlerisches Konzept, "ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen."

Richter: "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung"

Das zu glauben fällt schwer. Denn kaum jemand hat die Möglichkeiten von Malerei ausgelotet wie Gerhard Richter. Ihm gelingt schließlich, woran die Kunstwelt am Ende nicht mehr geglaubt hat: "Richter rettete die Malerei in das 21. Jahrhundert", sagt im DW-Gespräch Dietmar Elger, Leiter des Gerhard-Richter-Archivs der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.

Aus 11.000 Farbquadraten besteht das von Gerhard Richter gestaltete Fenster im Kölner Dom. Foto: picture-alliance/dpa/O. Berg

Das Richter-Fenster im Kölner Dom

"Ich bin fasziniert vom Zufall", räumte der Künstler kürzlich ein. "Es ist fast alles Zufall: Wie wir beschaffen sind, warum ich nicht in Afrika geboren bin, sondern hier - alles Zufall." Einem Computer überließ er denn auch die Gestaltung seines berühmten und vieldiskutierten Fensters im Kölner Dom: Über 11.000 farbige Quadrate schmücken das sogenannte Richterfenster. Es ist so facettenreich und undurchschaubar wie das Gesamtwerk seines Schöpfers, der am 9. Februar 85 Jahre alt wird.

Der aus Ostdeutschland stammende und in Westdeutschland gereifte Künstler Gerhard Richter ist zum ersten gesamtdeutschen Künstler mit Weltruhm geworden - auch wenn ihn auf der Straße keiner erkennt.

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