″Generation What″: So tickt die Jugend in Europa | Europa | DW | 05.04.2017
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Die Zukunft Europas

"Generation What": So tickt die Jugend in Europa

Politverdrossen ja, desinteressiert nein: Europas Jugend hat nur wenig Vertrauen in die Politik, stellt eine aktuelle Studie fest. Unterkriegen lassen sich die Jungen trotzdem nicht.

Es fällt schwer, "die Jugend heutzutage" in Schubladen zu stecken: Sie haben keine Angst vor Putin, aber auch keinen Respekt vorm Holocaust. Manche von ihnen finden Merkel cool und für manche ist "Mutti" das Feindbild Nummer Eins. Sie gehen nicht gern zur Wahl, aber für Europa auf die Straße.

Eine Generation, die schwer zu fassen scheint, aber deren Interessen, Sorgen und Hoffnungen jetzt in einer umfangreichen Studie erfasst wurden. Es sei die größte europäische Jugendstudie, titeln die Verfasser der "Generation What"-Erhebung, mit der die Europäische Rundfunkunion (EBU) das Sinus-Institut beauftragte. Eine knappe Million junger Menschen zwischen 18 und 34 Jahren aus insgesamt 35 Ländern Europas beteiligten sich freiwillig an der Onlineumfrage.

Mit der Jugend sprechen, statt nur über sie

"Daran lässt sich ablesen, dass es ein Bedürfnis der jungen Generation gibt, zu sagen, wie sie sind und nicht nur Forscher anhand einer Stichprobe sagen, wie sie denn vermeintlich sind", erklärt Tobias Bönte vom Bayrischen Rundfunk (BR), der gemeinsam mit dem ZDF und dem SWR das Projekt von deutscher Seite begleitete.

Das Resultat zeichnet das Bild eines jungen Europas, das sich über soziale Ungerechtigkeiten sorgt, aber der Politik nicht zutraut, diese Probleme zu lösen. So haben 82 Prozent der Befragten kein Vertrauen in die Politik - 45 Prozent davon sogar "überhaupt keines".

Politikverdrossenheit ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit

Ein erschreckendes Ergebnis, das die deutsche Jugend vergleichsweise richtig zuversichtlich wirken lässt: In Deutschland haben lediglich 23 Prozent der jungen Menschen überhaupt kein Vertrauen in politische Institutionen - der im europäischen Vergleich niedrigste Wert. Kein Wunder, ist Jugendarbeitslosigkeit hierzulande noch lange kein so gravierendes Problem wie in Griechenland, Frankreich und Italien. Dort sind jeweils mindestens zwei Drittel der Jugendlichen über die politische Führung ihres Landes frustriert.

Politikverdrossenheit ist jedoch kein Zeichen von Gleichgültigkeit bei der europäischen Jugend. Im Gegenteil: Neun von zehn Befragten nehmen eine wachsende Ungleichheit in ihrem jeweiligen Land wahr. Eine Einschätzung, die sich durch alle Teilnehmerländer zieht. In Deutschland zählt die Sorge vor sozialen Unruhen sogar zur am meisten verbreiteten Zukunftsangst.

Doch wer denkt, die Jugend Europas sei nur eine neue Generation an Wutbürgern, die mit dem politischen Establishment brechen will, der liegt falsch, bescheinigen die Forscher. Die jungen Europäer wollen sich einbringen und etwas verändern. Gerne auch dort, wo es ihrer Meinung nach am meisten krankt, zum Beispiel in einer politischen Institution. In Deutschland ist die Bereitschaft in politischen Organisationen aktiv zu werden mit 44 Prozent am stärksten, in Griechenland mit 13 Prozent am geringsten.

Projekt "Europa" ist ein Mittel zum Zweck

Die Jugend Europas ist gewillt, für ihre Zukunft auf die Straße zu gehen, dass haben die jüngsten Solidaritätsbekundungen gezeigt. Wer mit der EU groß geworden ist, für den ist die Staatengemeinschaft allerdings mehr Mittel zum Zweck als eine historische Friedensgemeinschaft mit Nobelpreis-Auszeichnung: "Man nimmt die wirtschaftlichen Vorteile gerne mit, es ist aber kein Herzensprojekt der jungen Menschen in Europa", analysiert Bönte.

Die Jugend hat - auch aus der Politikverdrossenheit heraus - wenig Vertrauen in das europäische Projekt und identifiziert sich weitaus stärker mit seiner eigenen Herkunft als der supranationalen Gemeinde. Aber für einen Frexit, Dexit oder sonstigen EU-Austritt votiert trotzdem nicht mal jeder Sechste. An dem aufstrebenden Populismus sind die Jugendlichen auch nicht interessiert: "Was auf jeden Fall ablesbar ist, dass der Nationalismus insgesamt sehr skeptisch gesehen wird", sagt Bönte.

Die Soziologen des Sinus-Instituts bewerten diese Ergebnisse folgendermaßen: "Trotz ihrer Fehler wird die Europäische Union von dem Großteil der jungen Europäer als nützlich für das eigene Land wahrgenommen. Man verbindet mit der EU aber nicht die Hoffnung, dass sie Lösungen zu den drängenden Problemen unserer Zeit findet." So sind es vor allem die mit wirtschaftlichen Problemen konfrontierten jungen Griechen, die sich am ehesten einen Austritt des eigenen Landes aus der EU vorstellen könnten.

Wer mit Krisen groß wird, denkt pragmatisch

Wer mit offenen Grenzen groß wird, der lernt offen gegenüber anderen zu sein, könnte man aus der Studie schließen. Auf die Frage, ob in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Jobs nicht ausschließlich den eigenen Landsleuten vorbehalten sein sollten, stimmen zwei Drittel der Jugend für die Arbeitsmarktintegration.

Denn im Großen und Ganzen ist die Jugend Europas optimistisch. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten blickt positiv in die Zukunft. Die Studienleiter des Sinus-Instituts erklären das mit einem Bewältigungsoptimismus der Jugend: "Das junge Europa ist mit zahlreichen Krisenerfahrungen aufgewachsen: Dem 11. September 2001, dem Platzen der Internetblase, dem Crash der Finanzmärkte, der Klimaproblematik und zuletzt der Flüchtlingssituation", schreiben die Forscher. Wenn die Jugend Europas also eines könne, dann mit Ungewissheiten und Krisen umgehen.

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