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Gemischtes Weihnachten

Kerstin Hilt / arn17. Dezember 2004

Deutschland ist im Weihnachtsstress, aber vielen Menschen hier ist das Fest völlig fremd: Von den sieben Millionen Migranten sind knapp ein Drittel keine Christen. Wie feiert zum Beispiel eine deutsch-türkische Familie?

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Weihnachtsbäume stehen nicht nur in deutschen HaushaltenBild: dpa


Damals in der Türkei hat Gülay Öz am liebsten getrocknete Feigen genascht - in Erinnerung an den langen Sonnensommer. Mit sechs Jahren kam Gülay nach Deutschland: in ein dunkles Land mit viel Regen, einer unverständlichen Sprache und ohne Feigen. Bis das erste Weihnachtsfest vor der Tür stand und auf einmal auch die geliebten Feigen in den Supermarktregalen auftauchen. Da fühlte sie sich zum ersten Mal ein bisschen heimisch in ihrem neuen Land.

Der Vater von Gülay Öz kam 1965 als Gastarbeiter nach Deutschland. Für ihn bedeutete Weihnachten vor allem eins: ein paar freie Arbeitstage. Das änderte sich, als er wenig später seine Familie nachholte. Gülay und ihre Schwester kannten bis dahin zwar nur das Neujahrsfest, aber "da wir über die Weihnachtsfeiertage schulfrei hatten, haben wir einfach Neujahr vorgefeiert", erzählt sie. "Die Geschenke, die wir eigentlich zu Neujahr bekommen, gab es dann eben schon zu Weihnachten."

Praktischer Kulturaustausch

Dem Weihnachtsrummel konnten und können sich auch muslimische Familien nicht entziehen, beobachtet Bernd Neuser. Er ist evangelische Pfarrer an der Beratungsstelle für christlich-islamische Begegnung der rheinischen und westfälischen Kirche. Vor allem die Kinder fordern häufig ihr "Recht" ein. Nach dem mehr oder weniger dezenten Hinweis auf Papas Weihnachtsgeld gäben sich muslimische Eltern oftmals geschlagen und kauften Geschenke, schildert Neuser.

Beliebt seien Kleidung und Süßigkeiten wie zu muslimischen Festtagen. "Etwa 80 Prozent der hier lebenden Muslime sind nicht streng gläubig, Tendenz steigend", schätzt Neuser. Und die deuten dann, wie viele Christen auch, das Fest um: Weihnachten sei nicht Religion, heiße es dann, sondern Kultur, und das sei schließlich erlaubt. Sogar für den Weihnachtsbaum gibt es beiderseitige Verwendung: In der Türkei, erzählt der Pfarrer, gäbe es Christen, die ihre Bäume an ihre muslimischen Nachbarn weiterreichten - die sie dann mit leicht verändertem Schmuck zum Neujahrsfest aufstellten.

Weihnachten = Geschenke

Auch Gülay Öz feiert zusammen mit ihrem Mann Burkhard Fritsche und ihrem siebenjährigen Sohn Can Heilig Abend. Die Eltern schmücken im Wohnzimmer den Weihnachtsbaum mit Christbaumkugeln und Kerzen, und erst, wenn ein feines Glöckchen klingelt, darf Can ins Zimmer kommen. Dann ist nämlich ist der Weihnachtsmann mit den vielen Geschenken dagewesen. Nach der Bescherung fahren die drei zu Burkhard Fritsches Eltern ins nahegelegene Mönchengladbach. Burkhard Fritsche selbst hat als Kind die Weihnachtszeit sehr intensiv erlebt, denn er ist streng katholisch erzogen worden. An Adventssonntagen hat seine Familie gemeinsam musiziert und Weihnachtslieder gesungen, und Heiligabend ging man in die Kirche zur Weihnachtsmesse.

Von beiden das Beste

Mittlerweile glaubt Burkhard Fritsche nicht mehr an Gott. Mit seiner Frau hat er sich allerdings darauf geeinigt, dass der kleine Can trotzdem religiös erzogen wird - und zwar christlich und muslimisch. "Es ist mehr das allgemein Ethische, das ich vermittle", sagt die Mutter. "Wenn er aus dem Kindergarten kam und erzählte, Gott ist so-und-so, dann erzähle ich, dass Allah das in ähnlicher Weise ist." Mit dem Unterschied, dass man auf Türkisch "Allah" sagt und im Deutschen "Gott".

Für Can hat das durchaus Vorteile. Er feiert nicht nur das christliche Weihnachten, sondern auch das muslimische Ramadan-Fest, das jeweils zum Ende des Fastenmonats Ramadan begangen wird. Genau wie Weihnachten, ist auch dieses Fest vor allem ein Familienfest: Gemeinsam mit seinen Eltern besucht Can dann die Familie seiner Mutter. Und da man das Ramadan-Fest auch Zuckerfest nennt, bekommt Can dort, wie alle Kinder, viele Süßigkeiten geschenkt. "Can ist halb deutsch, halb türkisch", sagt Vater Fritsche, "so kriegt er die netten Seiten von beiden Kulturen mit."