Gemeinsam gegen Krisen: Kooperativen weltweit | Globale Zusammenarbeit | DW | 11.09.2013
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Globale Zusammenarbeit

Gemeinsam gegen Krisen: Kooperativen weltweit

Sie sind demokratisch, offen und solidarisch. Genossenschaften haben sich zudem in der Finanzkrise als stabiler erwiesen als Privatunternehmen. Das zeigen Studien der Internationalen Arbeitsorganisation.

"Die 300 größten Genossenschaften weltweit erzielen insgesamt eine Rendite von mehr als 1,6 Billionen US-Dollar im Jahr. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt Kanadas", betont Simel Esim, Leiterin der Abteilung für Genossenschaften der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Eine Studie der ILO hat gezeigt, dass Genossenschaften generell die Finanz- und Wirtschaftskrise besser überstanden haben als viele kommerzielle Unternehmen. Sie seien langlebiger, sagt Simel Esim und hebt hervor, dass Genossenschaftsbanken kaum von den Rettungspaketen für internationale Geldinstitute Gebrauch machen mussten.

Starke Banken

Andreas Martin, Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, kann das bestätigen. Im Verlauf der Krise seien immer neue Kunden hinzugekommen. Und die sogenannte Kreditklemme, wegen der insbesondere der Mittelstand kaum noch Investitionskredite bekommen konnte, habe es bei den Genossenschaftsbanken nicht gegeben, erklärt Martin. "Die Kredite, die wir geben, stammen aus eigenen Einlagen. Wir sind deshalb nicht auf die Interbankenfinanzierung angewiesen."

Der Einlagenüberschuss der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken belaufe sich in diesem Jahr auf 100 Milliarden Euro und stamme von den Mitgliedern der Bankgenossenschaften, so Martin.

Mehr Solidarität

Firmenschild der spanischen Genossenschaft Mondragon (Foto: Mondragon)

Mondragon zählt zu den größten Unternehmen der Welt

Doch nicht nur Banken haben sich als Genossenschaften organisiert. Produktions-, Bau-, Konsum- und Landwirtschaftsgenossenschaften sind weltweit starke Wirtschaftspartner. Die weltgrößte Genossenschaft Mondragon ist das siebtgrößte Unternehmen Spaniens. In der Schweiz kontrollieren die beiden großen Konsumgenossenschaften Migros und Coop etwa 80 Prozent des Marktes. Auch der global agierende Molkereikonzern Arla Foods ist eine Genossenschaft. Die Eigentümer sind dänische, schwedische und deutsche Erzeuger von Molkereiprodukten, die sich zu einer transnationalen Genossenschaft zusammengeschlossen haben.

In Deutschland hat die genossenschaftliche Handelsgruppe Rewe mehr als 200.000 Angestellte und ist der zweitgrößte Lebensmittelhändler der Bundesrepublik. Im Zuge des Atomausstiegs entstehen hierzulande außerdem immer mehr Energiegenossenschaften.

Wir-Gefühl statt Ich-AG

Weltweit gelten sieben Prinzipien für Genossenschaften. Der Internationale Genossenschaftsverband ICA (International Cooperative Alliance) listet sie auf seiner Homepage auf: Freiwillige und offene Mitgliedschaft, demokratische Mitgliederkontrolle, finanzielle Partizipation in Form eines Anteils, Autonomie und Unabhängigkeit der Genossenschaft, Information und Ausbildung der Mitglieder, Kooperation mit anderen Genossenschaften und lokales Engagement.

Weltweit sind 800 Millionen Menschen Mitglied einer Kooperative, mehr als 100 Millionen Jobs sind durch Genossenschaften entstanden. Immer geht es um Hilfe zur Selbsthilfe - und solidarische Ziele jenseits der Gewinnmaximierung.

Ethische Werte

Gebäude der Spar- und Kreditgenossenschaft Agaru in Uganda, vor dem mehrere Leute warten (Foto: Helle Jeppesen / DW)

Lokale Genossenschaft: Die Spar- und Kreditgenossenschaft Agaru in Uganda

Machen diese Grundsätze Kooperativen zu besseren Arbeitgebern? "Sie sollten es", sagt Simel Esim von der ILO. "Gerade weil sie sich auf ethische Prinzipien stützen." Studien in den USA und den OECD-Ländern zählten Genossenschaften zu den besten Arbeitgebern, hebt die Leiterin der Abteilung für Kooperativen bei der ILO hervor. "Und sie haben starke Wurzeln in ihren lokalen Gemeinschaften. Deshalb ist es unwahrscheinlicher, dass sie aus Kostengründen ihre Produktion an einen anderen Ort verlagern."

Denn nicht nur der finanzielle Verdienst, sondern der Nutzen für die Mitglieder steht im Mittelpunkt. Und zu diesem Nutzen können Arbeitsplätze ebenso gehören wie Investitionen für die Gemeinschaft, zum Beispiel in die Wasserversorgung, einen besseren Gesundheitsdienst oder Schulen.

Stark auf dem Land

Vor allem in ländlichen Gegenden sind gemeinsame Investitionen oft die beste Lösung, wenn eine schwache Infrastruktur und fehlende Spar- und Kreditmöglichkeiten die Entwicklung hemmen. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hilft dabei, Genossenschaften aufzubauen und die gesetzlichen Voraussetzungen für deren erfolgreiches Funktionieren zu stärken. Diese Basisarbeit sei notwendig, betont Ulrich Sabel-Koschella von der GIZ: "Es kommt darauf an, dass die Genossenschaft stabil ist, dass sie von ihren Mitgliedern getragen wird und dass das Management einer Genossenschaft gut ausgebildet und vertrauenswürdig ist, dass es die Aufgabe ernst nimmt."

Stabiler als private Unternehmen

Ulrich Sabel-Koschella von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (Foto: DW/Helle Jeppesen)

Ulrich Sabel-Koschella: Entscheidungsfindung ist bei Kooperativen schwerfälliger

Sabel-Koschella koordiniert bei der GIZ die Zusammenarbeit mit internationalen Stiftungen. Zwar arbeite man gerne mit Kooperativen zusammen, doch ein Allheilmittel für ländliche Entwicklung könnten sie nicht sein: "Es hat viele Länder und viele Beispiele gegeben, wo das schiefgegangen ist und wo man mehr Schwierigkeiten zu überwinden hatte, um so eine Genossenschaft dann neu aufzusetzen, wenn das Management, das damals gewählt wurde, nicht vertrauenswürdig war."

Bildung ist das Wichtigste für Genossenschaften - und die demokratische Beteilung aller Mitglieder. Das mache die Entscheidungsfindung in Kooperativen auch schwerfälliger, gibt Sabel-Koschella zu bedenken. Auch sei das Wachstum dadurch langsamer. Umgekehrt gelte aber auch: Ein wirtschaftlicher Abschwung vollzieht sich bei Kooperativen weniger schnell als bei privaten Unternehmen. Dadurch seien Genossenschaften langfristig stabiler als die Firmen.

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