„Gekaufte Freunde “ - Unfromme Gedanken zu Lukas 16,1-9 | Spurensuche | DW | 18.09.2019
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„Gekaufte Freunde “ - Unfromme Gedanken zu Lukas 16,1-9

Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht. (Lk 16,9)

Symbolbild Geldgeschenk (picture-alliance/dpa)

„Wie kauft man Freunde? Am bestem, indem man vom Ende her denkt.“

Gieren, spekulieren, zocken… und dann Verlust machen und andere um ihr Geld bringen. Finanzskandale sind ein Dauerthema in den Medien. Immer wieder einmal trifft es auch die Kirchen, wie ein konkreter Fall der jüngsten Vergangenheit zeigt.

Finanzskandale beschäftigten allerdings auch schon in der Antike die Leute. Wirtschaftlicher Erfolg und Absturz waren Alltagsthemen in einer Welt, in der Handel und Händel ums liebe Geld mit allen Mitteln ausgetragen wurden und das Gesetz des Stärkeren und Mächtigeren galt.

An diese Erfahrungen knüpft eine Parabel an, die der Evangelist Lukas Jesus in den Mund legt; vielleicht geht sie auf den Rabbi selbst zurück, der mit extravaganten Stories seine Zuhörerschaft in Bann zu schlagen wusste; sicher wurde sie aber schon länger herumerzählt (vgl. Lk 19,1-9): 

Ein Geschäftsführer wird bei seinem Chef wegen Geldverschwendung angezeigt und von diesem fristlos entlassen. In dieser kritischen Lage, in die er ganz plötzlich und unerwartet hineingeraten ist, überlegt er, wie er seine eigenen Ressourcen einsetzen kann, um dem sozialen Aus zu entgehen. Nüchtern nimmt er zur Kenntnis, dass seine Fähigkeiten begrenzt sind: Für praktische Arbeit taugt er nicht, zu betteln schämt er sich - es wäre der Beweis seines Abstiegs. Da besinnt er sich auf seine Geschäftsbeziehungen und bereinigt noch schnell die Kredite zugunsten der Schuldner. Er ruft sie zu sich und animiert sie zur Fälschung der Dokumente: Dem einen lässt er fünfzig Prozent der Schulden nach, einem anderen zwanzig Prozent. Hat er vorher an ihren Schulden verdient, so macht er sich jetzt verdient um ihren Schuldendienst. Wie er bisher die Interessen des Gläubigers vertreten hat, so wird er jetzt zu einem Schuldenberater mit krimineller Energie. Skrupel hat er nicht: Was soll’s. Seinen angestammten Job ist er eh los, und - eine Hand wäscht die andere – mit seinem unmoralischen Angebot schafft er eine Abhängigkeit, aus der die Geschäftspartner auch nicht so leicht wieder herauskommen: Er wird bei ihnen den Fuß in der Tür haben... Sie werden ihn schon aushalten müssen, seine neuen Freunde.

Das ist doch mal eine Lösung! Mit geschmierten Freunden wird das Leben weiterlaufen, wenn nicht wie geschmiert so doch einigermaßen erträglich.

Ein lebenstüchtiger Kerl, dieser Geschäftsführer! Der weiß, wie er die Dinge zu seinen Gunsten drehen kann. Dass er damit gegen Treu und Glauben handelt, wird hingenommen.

Die Freunde? Werden wissen, mit was für einem sie es zu tun haben: Die Freundschaft wurde mit schmutzigem Geld erkauft. Aber sie wissen auch, dass er mit seiner kriminellen Energie ihre eigene Lage verbessert hat. Das werden sie nicht vergessen.

Und die Moral aus der Geschichte? Rettet eure Haut, egal wie? Bestecht und betrügt, wenn es zu eurem Vorteil ist? Schert euch nicht um Rechte und Pflichten, wenn es um euren eigenen Kopf geht?

Das ist wohl die Moral der Welt schon immer, und Lukas und seine Gemeinde kennen sie so gut wie wir Heutigen. Und in der Perspektive dieser Welt liest sich auch Jesu Moral aus der Geschichte wie ein Aufruf zur Korruption: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.

Aber aus der Perspektive des Ewigen, aus der heraus die Erzählung verstanden sein will, fällt die Moral anders aus. Denn wenn es zu Ende geht, rücken die eigene Endlichkeit und die Endlichkeit dieser Welt und ihrer Ressourcen in den Blick. Geld und Häuser sind dann keine sicheren Anlagen mehr. Nur die Investition in ewige Wohnungen erscheint noch gewinnträchtig.

Was für Lukas und seine Zeitgenossen galt, mag in unseren Zeiten nicht mehr so ganz einleuchten: Auf Himmel und Ewigkeit als Anlageziel wird wenig spekuliert. Aber es bleibt damals wie heute eine menschliche Erfahrung, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, und die Frage nach dem Saldo dann nicht mehr auf das gewonnene Guthaben zielt.

Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon. - Die Moral aus der vom Ende her gelesenen Geschichte könnte lauten: Schafft tragfähige Beziehungen mit dem Geld, das ihr aus den ungerechten Verhältnissen dieser Welt zieht. Schafft freundschaftliche Beziehungen mit eurem Kapital. Lasst es arbeiten, investiert es zukunftsorientiert und nachhaltig: Nämlich in Menschen, in Beziehungen, in Bindung und Bildung, in Freundschaften. Das ist zwar auch eine Risikoanlage mit offenem Ausgang. Aber der Gewinn an Lebensqualität und Welterfahrung ist eine einigermaßen sichere Rendite.

 

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz (Hildegard König)

zur Autorin:

Dr. theol. Hildegard König, apl. Professorin für Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden. Lebt in Chemnitz.

 

 

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Senderbeauftragter