″Geistermuseen″ in China: Warum stehen gigantische chinesische Museumsbauten leer? | Kultur | DW | 31.07.2019
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Chinesische Kulturpolitik

"Geistermuseen" in China: Warum stehen gigantische chinesische Museumsbauten leer?

Der Museumsboom in China führt dazu, dass Städte sich gegenseitig mit Architekturprojekten übertrumpfen wollen - aber das Geld fehlt. Währenddessen werden mitten in Peking ganze Kunstdistrikte geräumt.

China Ordos Museum (picture alliance/dpa/EPA/H. H. Young)

Ordos Museum in der Inneren Mongolei

Immer mehr neue Museen eröffnen jedes Jahr in China, viele von ihnen gelten als leere Prestigeprojekte, Fehlinvestitionen und "Geistermuseen". Im Jahr 1978 gab es in China nur 349 Museen, inzwischen sind es 5100. In den vergangenen beiden Jahrzehnten boomte der Museumsbau in China, fast jeden Tag eröffnete ein neues. 2012 waren es sogar 451 Neueröffnungen. Und noch ist kein Ende in Sicht: Bis 2020 plant die Regierung ein Museum für jeden 250.000 Einwohner Chinas. Dabei stehen viele der Häuser nach ihrer feierlichen Eröffnung leer.

Die Geisterstadt Ordos in China: Teenager mit Fahrrad auf leerer Straße (picture-alliance/dpa/H. Hwee Young)

In Ordos wurde für eine Millionen Menschen gebaut, gerade mal 30.000 Menschen leben hier

Verwaiste Kulturtempel

Leksa Lee ist Professorin für "Global Chinese Studies" an der New York University in Shanghai, sie ist Expertin für chinesische Kultur, Politik und Geschichte. In den letzten Jahren hat sie besonders den politischen und wirtschaftlichen Hintergrund der neuen Museen erforscht. Im Zuge ihrer Recherche hat sie verschiedene von ihnen besucht, in manchen musste extra für ihren Besuch das Licht in den Räumen eingeschaltet werden. Der Zustand, den Lee dabei vorfand, sei erschreckend. Gegenüber der DW berichtet sie von "undichten Dächern, eingestaubten Bildschirmen und herunterbaumelnden Kabeln in einigen dieser verwaisten Museen".

Lee ist allerdings vorsichtig mit den Informationen, die sie über die heruntergekommenen Museen preisgibt, Namen möchte sie nicht nennen. Mit ihrer Zurückhaltung möchte sie ihre Kooperationspartner schützen. Chinas Museen sind ein heikles Thema. Sie werden entweder direkt vom Staat oder den einzelnen Kommunen auf lokaler Ebene verwaltet. Während weltbekannte Orte wie das Palastmuseum in Peking oder das Terrakotta-Armee-Museum in Xi'an unter dem Schutz des Staates stehen, kümmern sich die Kommunen um die vielen jüngeren Institutionen.

Diese Museen thematisieren meist die örtliche Geschichte und Industrie, aber auch Ökologie und Stadtplanung.

Die Verbotene Stadt in Peking (picture-alliance/dpa/Imaginechina/Qianlong)

Weltbekannt: die Verbotene Stadt in Peking

Untere Verwaltungsebenen werden häufig damit beauftragt, lokale kulturelle Projekte zu entwickeln und zu fördern – Museen sind ein greifbares Resultat dieses Vorhabens. Viele Stadtverwaltungen in China stecken allerdings tief in einer Schuldenkrise, oft müssen sie Immobilien verkaufen, um den Museumsneubau zu finanzieren.

Schlechte Verwaltung und fehlende Gelder

Jeffrey Johnson, der Leiter des Forschungslabors "China Megacities Lab" ist ein Kenner der Strategie, nach der China Museen baut. Er sagte dem Wirtschaftsmagazin "Forbes", Stadtverwaltungen in China böten Investoren erstklassige Grundstücke für Neubauprojekte an, aber nur unter der Bedingung, dass sie parallel dazu ein Kulturzentrum bauen. So kämen Lokalpolitiker an stadtprägende Bauten, ohne dass die Kommunalregierung sie finanzieren muss.

Ganz so problemlos läuft es jedoch nicht immer, erzählt Leksa Lee der DW: "Manchmal werden sehr viele Ressourcen in den Bau eines Museums gesteckt, und es wird viel Wert auf die Perfektionierung der Dauerausstellungen gelegt. Am Ende sind dann keine Ressourcen mehr übrig, um das Haus nach der Eröffnung auch zu erhalten."

Und das ist nicht das einzige Problem. Häufig ist das Geld nach dem Bau zu knapp, um überhaupt ein professionelles Team aus Kuratoren, Managern und Restauratoren zusammenzustellen. Lee hat mit den Menschen gesprochen, die im Hintergrund arbeiten, die Exponate auswählen und die Ausstellungen planen. Teilweise müssen sie jahrelang auf ihre Bezahlung warten, weil die örtlichen Regierungen hoch verschuldet und nicht zahlungsfähig sind.

Wie Lee darlegt, wollen die lokalen Politiker mit den Prachtbauten die höheren Beamten beeindrucken, um ihnen zusätzliche finanzielle Mittel zu entlocken. Das führt jedoch dazu, dass die Städte sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen und Projekte übereilt und zu oberflächlich planen. Oder aber die Organisatoren des Museumsbaus werden befördert oder einem neuen Projekt zugeordnet, bevor der Bau fertiggestellt ist.

Das Künstlerviertel Caochangdi in Peking (picture-alliance/dpa/J. Büttner)

Künstler wurden brutal aus dem Pekinger Kunstdistrikt Caochangdi vertrieben - Anfang Juli kam dann der Abriss

Die schwindende Kunstszene in Peking

Die chinesische Kunstszene hat sich dank Chinas Wirtschaftsboom in den letzten Jahren rasant entwickelt. Jetzt aber werden diverse Kunstbezirke eingestampft oder stehen kurz vor der Zerstörung. Anfang Juli berichtete die Monatszeitschrift "The Art Newspaper", Künstler würden aus ihren Ateliers in Peking vertrieben. Der Grund? Angebliche Machenschaften der Mafia in dem Bezirk. Informiert wurden die Künstler über die Zwangsräumung nicht, oder wenn, dann zu kurzfristig.

Schon in den vergangenen Jahren wurden immer wieder Ateliers chinesischer Künstler zerstört. So wurde 2018 auch Ai Weiweis Werkstatt in einem Künstlerviertel Pekings dem Erdboden gleichgemacht. Die Verantwortlichen rechtfertigen die Zerstörungswut mit Gesetzesübertretungen, aber die Künstler und Galeristen glauben nicht daran. Sie gehen davon aus, dass die Regierung die Kunstdistrikte neu und in ihrem Sinne gestalten möchte.

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