Geht Moskaus Hochhaus-Expansion auf Kosten der Umwelt? | Global Ideas | DW | 02.02.2019
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Global Ideas

Geht Moskaus Hochhaus-Expansion auf Kosten der Umwelt?

Die Fläche Moskaus hat sich 2012 mit einem Federstrich mehr als verdoppelt, als der russischen Metropole ländliche Vororte zugeschlagen wurden. Wälder mussten Baustellen weichen. Wie sieht es dort heute aus?

Aleksej Zakharinsky teilt sein bescheidenes Holzhäuschen mit zehn Katzen. Er lebt in Moskowski, einer Kleinstadt, die als Stadtteil Moskaus eingemeindet wurde. Es ist noch nicht lange her, da lebten der 51-Jährige und seine Nachbarn am Rande eines Waldes. Die Hauptstadt schien weit weg zu sein.

Innerhalb weniger Jahre ist die Großstadt bis an seine Türschwelle vorgerückt. Die umliegenden Wälder verschwinden zusehends. Ein einst dicht bewachsenes Tal wurde als Lagerstätte für Erde genutzt, die beim Bau einer neuen Metrolinie ausgehoben wurde.

Alles begann 2012, als der Kreml beschloss, die Fläche der russischen Hauptstadt zu vergrößern. Südwestlich der Metropole wurde eine ländlich geprägte Gegend, halb so groß wie Luxemburg, in das Stadtgebiet von Moskau eingemeindet. Damit wurde Moskau über Nacht doppelt so groß. 

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"Das neue Moskau" wurde als Wohnraum für eine schnell wachsende Bevölkerung aus dem Boden gestampft. Das sollte den Druck auf die alten Stadtteile vermindern. Doch Dorfbewohner wie Zakharinsky waren geschockt. Keiner hatte sie gefragt.

"Zu Beginn war es wie ein Alptraum, als hätten sie einen Teil von mir herausgeschnitten", sagt Zakharinsky im Gespräch mit der DW. "Ich war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass all das (Land) unser Eigentum sei. Jeder, der hier lebte, konnte ohne um Erlaubnis zu bitten in den Wald gehen - zum Pilze sammeln oder einfach nur, um spazieren zu gehen."

Moskau Russlands Hauptstadt expandiert rasant (DW/Geert Groot Koerkamp)

Außerhalb des Dorfes Rumyantsevo steht eines von vielen neu erbauten Hochhäusern in Neu Moskau

Zakharinsky, der sich als Pilz- und Pflanzenkenner einen Namen gemacht hat, weiß was auf dem Spiel steht. "Hier wachsen viele seltene Pflanzen", erzählt er im DW-Gespräch. "Bärlauch, Buschwindröschen und sogar der Sumpf-Pippau (Anm. der Red.: Crepis Paludosa). Hier wurde zum ersten Mal nachgewiesen, dass der Sumpf-Pippau auch in der Moskauer Region wächst. Das ist ein zusätzliches Argument, um zumindest einen Teil der Moskauer Waldlandschaft zu erhalten."

Die ideale Stadt?

Der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew sah 2012 die Expansionspläne als ideale Gelegenheit, um eine Modellstadt aus dem Boden zu stampfen. Diesem Plan zufolge sollten vor allem niedrige Gebäude die zukünftigen Wohngegenden prägen - eine für Moskau untypische Architektur.

Zusätzlich sollten auf Innovation und Bildung spezialisierte Zentren entstehen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Regierungseinrichtungen sollten an einen neuen Standort außerhalb des großen Autobahnrings ziehen - die Grenze zur alten Stadt.

"Diese Zentren sollten auf keinen Fall so wie die farblosen Pendlerstädte werden, von denen wir bereits zu viele in Moskau und im ganzen Land haben", sagte er bei der Präsentation der Pläne.

Sumpf-Pippau (Crepis paludosa) (Foto: Public Domain)

Seltene Pflanzen wie der Sumpf-Pippau wachsen in den Wäldern von Neu Moskau

Knapp sieben Jahre später haben sich die Träume Medwedews nicht verwirklicht. Die neuen Stadtteile sind voll von den großen, traditionellen Wohnblöcken aus Beton, die er damals kritisiert hatte. 

Und auch die Regierungseinrichtungen sind zum großen Teil da geblieben, wo sie zuvor waren. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin hat die Pläne einer Dezentralisierung der Stadtverwaltung öffentlich kritisiert. Sobjanin sagt, dass es für die meisten Moskauer sinnvoller sei, wenn alle Service-Einrichtungen innerhalb der alten Stadtgrenzen blieben.

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Kritiker verurteilen, dass es keine öffentliche Diskussion über diese Pläne gegeben habe. Stattdessen würden wertvolle Grünflächen rasend schnell durch neue Wohnquartiere ersetzt, während die Entwicklung einer notwendigen Infrastruktur zur Anbindung an die Innenstadt vernachlässigt werde.

Der Stadtforscher Aleksei Novikov sprach 2015 während einer der seltenen öffentlichen Debatten über die Vor- und Nachteile des Projekts von einem "großen Fehler".

Trotzdem sieht es nicht danach aus, als würden die Baustellen weniger werden. Laut Schätzungen der Stadtverwaltung könnten bis zum Jahr 2035 an die 1,5 Millionen zusätzliche Einwohner in die neuen Stadtteile ziehen. Tatsächlich könnten es signifikant mehr werden, denn mehr und mehr Russen zieht es von den weniger wohlhabenden Gegenden des Landes in die Hauptstadt. Und die Preise für Häuser sind in "Neu Moskau" viel attraktiver als in dem überbevölkerten, alten Teil der Stadt.

Die Änderungen haben nicht nur die Umwelt, sondern auch das Zusammenleben verändert.

Stau in Moskau (Foto: YURI KADOBNOV/AFP/Getty Images)

Neu Moskau soll die angespannte Verkehrssituation in den überbevölkerten alten Stadtteilen entspannen, sagt der Kreml

Früher Ziegen, heute Hochhäuser 

In dem Dorf Pykhtino, einige Kilometer nördlich von Moskowski, rumpelt ein Bulldozer die Hauptstraße entlang. Ein tieffliegendes Passagierflugzeug kreuzt den Himmel auf dem Weg zum knapp zwei Kilometer entfernten Flughafen Wnukowo. Kurz übertönt der Flugzeuglärm das Hintergrundrauschen der nahegelegenen Autobahn, auf der der Verkehr stetig zunimmt.

"Es ist gar nicht lange her, da liefen Ziegen und Hühner hier frei herum. Wir hatten genügend Platz, um die Tiere zu halten", so Ilya Sorokin gegenüber der DW. Er zeigt in die Richtung des neuen 20-stöckigen Gebäudes, das kurz hinter der ehemaligen Dorfgrenze steht. "Aber jetzt gibt es kein frei zugängliches Land mehr."

Der 33-jährige Sorokin hat die meiste Zeit seines Lebens hier verbracht. Er erinnert sich, dass Pykthino mal ein kleines Dorf war und dass die Leute hier zusammenhielten.

"Unsere Gemeinschaft bestand aus 14 Dörfern mit 3.000 Einwohnern," so Sorokin. Seit 2012 hat sich die Anwohnerzahl auf knapp 70.000 Menschen erhöht.

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Obwohl Sorokin und die anderen hier wissen, dass ihr Dorf, so wie sie es einst kannten, für immer verschwunden ist, geben sie nicht auf. Sie haben erreicht, dass die Stadtbehörde einen Spielplatz bauen lässt. Außerdem haben sie die Stadt auf die Verschmutzung des nahe gelegenen Likova-Flusses aufmerksam gemacht. Es wird vermutet, dass der Flughafen Wnukowo sowie eine der neuen Wohngegenden für die Verschmutzung verantwortlich ist.

Ein Bild von Ilya Sorokin (Foto: DW/Gert Koerkamp)

Hühner und andere Kleintiere mussten Hochhäusern weichen, sagt Ilya Sorokin

Zakharinsky glaubt, dass er den Kampf für den Naturschutz nicht mehr gewinnen kann. Sein idyllisches Dorfleben bekommt er nicht mehr zurück. Trotzdem: Immer mehr Einwohner äußern Kritik an der Geschwindigkeit des städtischen Expansionskurses. Und sie sorgen dafür, dass ihre Stimmen auch gehört werden. Einige örtliche Aktivisten kandidierten bei den Kommunalwahlen 2018, manche hatten Erfolg. Sie versuchen nun mehr Einfluss auf die Zukunft ihrer Gemeinden zu nehmen.

Zakharinsky hat einen anderen Weg eingeschlagen, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Mit geführten Wanderungen und Fotoausstellungen versucht er, auf die verbleibende Natur Moskowskis aufmerksam zu machen.

"Ich habe aufgehört mich zu sehr zu grämen", sagt er. "Ich weiß ja, dass ich nicht mehr ganz jung bin. Und wenn Du nicht die Mittel hast es aufzuhalten, dann musst Du Dich eben irgendwie den neuen Gegebenheiten anpassen."

Immerhin hat sein Viertel jetzt eine verbesserte Nahversorgung, wie beispielsweise Geschäfte und andere Dienstleistungen. Das sei schon sehr praktisch, sagt er. "Und dennoch," seufzt Zakharinsky, "mit der Ruhe ist es ein für alle mal vorbei."

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