Gefahren beim Sex - Infektion mit Chlamydien | Wissen & Umwelt | DW | 27.08.2018
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Geschlechtskrankheiten

Gefahren beim Sex - Infektion mit Chlamydien

Chlamydien? Eine Geschlechtskrankheit? Ich? Nein, nie im Leben! Aber offiziellen Schätzungen zufolge infizieren sich allein in Deutschland 250.000 bis 300.000 Menschen damit jedes Jahr. Viele merken es gar nicht.

Sind wir wirklich so aufgeklärt und frei wie wir glauben? Beim Thema Geschlechtskrankheiten ist das offenbar nicht der Fall, so auch bei Chlamydien. Darüber spricht frau nicht und man schon gar nicht. Erwischen kann es beide Geschlechter. Weltweit ist eine Chlamydien-Infektion die häufigste sexuell übertragbare Krankheit. Verursacht wird sie durch Bakterien, die in erster Linie die Schleimhäute der Geschlechtsorgane befallen – also Vagina, Penis, Anus, Harnröhre. 

Chlamydien sind wohl kaum ein Thema für einen romantischen Abend oder beim ersten Kennenlernen. Aber schon für das erste Mal gilt: Ein guter Schutz ist wichtig, um sich selbst und andere zu schützen. Die beste Möglichkeit sind Kondome, denn eine Ansteckung ist schnell passiert. Von der Infektion bis zum Ausbruch der Erkrankung liegen eine bis drei Wochen. 

Ängste und Schamgefühl sind kein guter Ratgeber - ein Arzt hingegen schon. Wird die Chlamydien-Infektion rechtzeitig behandelt, bleiben keine Gesundheitsschäden zurück. Aber es ist gar nicht so einfach, eine Chlamydien-Infektion zu erkennen. Hier die wichtigsten Symptome: Ausfluss aus Penis, Scheide oder Po; Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen; Schmerzen beim Vaginalsex oder beim Analsex. Bei Frauen können auch Zwischenblutungen Zeichen für eine Infektion sein. 

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Sind Chlamydien schuld?

Chlamydia Bakterien (Imago/Science Photo Library)

Chlamydien sind Bakterien. Sie pflanzen sich in einer Wirtszelle fort.

Oft entdecken Ärzte die Erkrankung erst, wenn ein Paar in die Praxis kommt, weil ein unerfüllter Kinderwunsch besteht. Im schlimmsten Fall hat sich die Infektion ausgebreitet; und das kann Jahre zurückliegen und beim Mann und bei der Frau zu Unfruchtbarkeit führen.

"Achtzig Prozent der Frauen haben keine Symptome", erklärt Norbert Brockmeyer. Er ist Leiter des Zentrums für sexuelle Medizin und Gesundheit in Bochum - WIR. "50 bis 60 Prozent aller Paare, die sich wegen ungewollter Kinderlosigkeit in Kliniken vorstellen, hatten einmal eine Chlamydien-Infektion. Sie ist vermutlich maßgeblich an der Unfruchtbarkeit beteiligt." In Deutschland gibt es zur Zeit schätzungsweise 100.000 Frauen, bei denen Chlamydien der Grund dafür sind, dass sie nicht schwanger werden.

Bei Frauen ist die Chlamydien-Infektion im Vaginalbereich angesiedelt. Von dort können die Bakterien in den Unterleib gelangen. "In der Vagina oder am Gebärmutterhals sind die Bakterien nicht mehr nachzuweisen, aber die Eileiter können verkleben, die Eierstöcke entzünden sich. Eine Infektion kann sogar zu Tumoren führen", sagt Brockmeyer. 

Bei Männern können die Chlamydien durch die Harnröhre in den Hodensack, das Skrotum, gelangen und den Vorhoden oder den Hoden infizieren. Die Samenleiter verkleben im schlimmsten Fall, es kommt zu anderen Entzündungen oder eben auch zu Unfruchtbarkeit.

Auch die Prostata kann betroffen sein. "Es gibt sogar Hinweise darauf, dass die Chlamydien-Erreger das Fortschreiten von Prostata-Karzinomen beschleunigen können", sagt Brockmeyer. Vieles auf diesem Gebiet sei noch nicht bis ins letzte Detail untersucht.

Bei einer unbehandelten Chlamydien-Infektion steigt auch das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, denn die Schleimhäute sind durch die Entzündung empfindlicher und durchlässiger.

Wer kann helfen?

Gibt es Symptome, die auf eine Chlamydien-Infektion hinweisen, ist es wichtig, mit einer Ärztin oder einem Arzt zu reden und mit dem Partner beziehungsweise mit den Partnern. "Beide sollten sich untersuchen lassen, sonst kann es immer wieder zu einer erneuten Ansteckung kommen", empfiehlt Brockmeyer. Das sei dann eine Art Ping-Pong-Effekt.

Grafik Vagina Gebärmutterhals (Colourbox)

Ein Abstrich des Gebärmutterhalses zeigt, ob eine Infektion vorliegt.

Mädchen beziehungsweise Frauen sollten sich an ihre Gynäkologin oder ihren Gynäkologen wenden. Sie kennen sich mit sexuell übertragbaren Infektionen - abgekürzt STI - aus. Für Männer oder Jungen ist der Urologe oder der Dermatologe der beste Ansprechpartner. "Der Partner oder die Partnerin sollten immer in die Behandlung einbezogen werden", betont Brockmeyer.

"In unserem Zentrum haben wir ein Angebot, bei dem wir Partner anonym benachrichtigt werden können." Behandelt wird mit einem Antibiotikum. Es muss über einen Zeitraum von sieben Tagen eingenommen werden. In den allermeisten Fällen sei diese Behandlung erfolgreich, sagt Brockmeyer. Danach gibt es keine Ansteckungsgefahr mehr.

Der Patient sollte sich nach vier bis sechs Wochen nochmals beim Arzt vorstellen. Der wird dann kontrollieren, ob die Sache wirklich ausgestanden ist. Ansonsten muss eine weitere Therapie durchgeführt werden. "Eine solche Untersuchung auf Heilung ist ganz wichtig", sagt Brockmeyer. "Diese wird in Deutschland leider immer noch viel zu selten durchgeführt. In England ist das anders. Dort führen die Ärzte bei etwa 90 Prozent ihrer Patienten diesen sogenannten 'test of cure' durch und erreichen so eine hohe Heilungsrate." 

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Liebesszene Kupferstich (picture-alliance/akg-images)

Chlamydien werden vor allem beim Sex übertragen und können auch die Atemwege und selbst Augen infizieren.

Das ist überhaupt nicht peinlich!

Die Dunkelziffer ist bei vielen Geschlechtskrankheiten sehr hoch, auch bei Chlamydien. Das liegt unter anderem an der Scheu zum Arzt zu gehen. Schließlich muss der Patient Fragen zu seinen Sexualpraktiken beantworten, denn es gibt verschiedene Infektionswege. "Man kann sich im Mund infizieren, im Rachen. Man kann sich genital infizieren, man kann sich anal infizieren. Man kann sich auch selber von genital nach anal infizieren, von anal zum Mund oder umgekehrt", erklärt Brockmeyer. "Wir müssen immer an verschiedenen Stellen Abstriche machen und das Material auf Erreger untersuchen, nicht nur an den Genitalien. In den anderen Lokalisationen ist die Infektionsrate mindestens genauso hoch."

Durch eine Urinprobe oder einen Abstrich aus der Scheide oder beim Mann aus der Harnröhre kann der Arzt schnell feststellen, ob eine Infektion vorliegt. Mädchen und junge Frauen unter 25 können sich umsonst beim sogenannten Chlamydien-Screening testen lassen. In Deutschland zahlen die Krankenkassen einmal im Jahr eine solche Untersuchung - ein Angebot, das frau nutzen sollte. "Wenn bei positivem Test der Frau nicht auch der Partner untersucht wird, ist eine solche Vorsorge unnütz", so Brockmeyer.

Chlamydien können chronisch werden. "Sie schwelen wie ein Brand im Unterholz vor sich hin", sagt Brockmeyer "und irgendwann kann daraus wieder ein großes Feuer werden." 

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