Geburtskliniken auf dem Rückzug | Aktuell Deutschland | DW | 09.10.2018
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Gesundheitspolitik

Geburtskliniken auf dem Rückzug

Seit Jahren steigt die Geburtenrate in Deutschland. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Geburtskliniken ab. Es geht nicht nur ums Geld - die Fachkräfte fehlen. Hebammen sind in allen Bundesländern Mangelware.

Was haben Gladbeck, Solingen, Weilheim und Nauen gemeinsam? In allen Orten wurden Geburtsstationen geschlossen oder vorübergehend stillgelegt. Betroffen davon sind alle Regionen in Deutschland.

Gab es 1991 noch 1186 Kliniken, in denen der Nachwuchs auf die Welt kam, waren es 2014 noch 725 und 2017 nur noch 672. Das bedeutet, dass in den vergangenen 26 Jahren die Zahl der Geburtskliniken um fast 44 Prozent abgenommenen hat. Heute werden nur noch in knapp 35 Prozent aller Krankenhäuser Geburten durchgeführt.

Besonders betroffen ist das Saarland. Dort wurden in der Vergangenheit weit über 50 Prozent aller Kreißsäle geschlossen. Es folgen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. In diesen Bundesländern lag die Schließungsquote bei über 40 Prozent. Dabei steigen die Geburtenraten seit 2010 bis 2016 deutlich. Wurden 2010 678.000 Kinder in Deutschland geboren, waren es 2016 schon 792.000. Nur 2017 waren die Geburten mit 785.000 leicht rückläufig im Vergleich zum Vorjahr, aber immer noch deutlich höher als sieben Jahre zuvor.

Reportage Geburtsklinik (DW/C. Grün)

Immer selteneres Bild: Krankenhaus mit Geburtsklinik wie hier an der Sana-Klinik in Duisburg

Häufig waren es in der Vergangenheit finanzielle Gründe, die als Argument für die Schließungen angeführt wurden. So bemängelte die Linken-Politikerin Sabine Zimmermann bereits 2017 im Ärzteblatt, dass Geburtsstationen betriebswirtschaftlich nicht profitabel seien und daher einfach komplett geschlossen würden. Besonders betroffen seien dabei die Flächenländer. Dort im ländlichen Raum bedeute die Schließung einer Geburtsstation eine besondere Unsicherheit und eine potenzielle Gesundheitsgefährdung der werdenden Mütter, so die Bundestagsabgeordnete. Die hohen Kosten für eine Geburtsstation tragen sich erst bei 800 bis 1000 Geburten.

Zusammenlegung von Kreißsälen

Um das noch gewährleisten zu können, setzen Krankenhäuser auf die Zusammenlegung von Geburtskliniken. "Das hat bei der Zusammenlegung kleiner Kliniken durchaus Sinn, um die Qualität zu steigern. Aber es muss so sein, dass Frauen in maximal 45 Minuten eine Geburtsklinik erreichen können", sagt die Sprecherin für Gesundheitsförderung der Grünen-Bundestagsfraktion, Kirsten Kappert-Gonther. Dies wird allerdings in vielen Regionen nicht erreicht.

Reportage Geburtsklinik (privat)

Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther will bessere Zusammenarbeit der Bundesländer in der Gesundheitspolitik

Besonders, dass die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern in diesem Bereich nicht abgestimmt wird, ärgert die Ärztin und Grünen-Politikerin: "Krankenhausplanungen sind Ländersache. Dadurch entstehen solch kuriose Fälle, dass Niedersachsen an den Grenzen zu Bremen Kreißsäle geschlossen hat und die Frauen nach Bremen verweist. Dort nehmen die Geburtenzahlen dann zu. Aber die Kliniken in Bremen sind darauf räumlich und personell nicht eingestellt." Das heißt schlichtweg, es gibt zu wenig Fachpersonal für immer mehr Patienten.

Und das ist wohl auch der Hauptgrund für die drastische Reduzierung des Kreißsaalangebots: Das fehlende Personal. Es gibt einfach keine Hebammen. In einem Land wie Nordrhein-Westfalen bilden zehn Hebammenschulen durchschnittlich 25 Schülerinnen pro Jahrgang aus. Nach dreijähriger Ausbildung gelangen, wenn alle die Prüfung absolvieren sollten, rund 250 Hebammen auf den Arbeitsmarkt. NRW allein hat über 15 Millionen Einwohner.

"Begehrt wie Goldstaub"

Ähnlich verhält es sich in den anderen Bundesländern. Das führt dazu, dass die Hebammen begehrt seien wie Goldstaub, sagt Gabriel Hesse, stellvertretender Pressesprecher von Brandenburgs Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij, kürzlich in einem rbb-Interview.

Eine, die das bestätigen kann, ist Christa Stemmermann aus Oberhausen in NRW. Sie wurde kürzlich von einem Headhunter angerufen. "Man bot mir ein gutes Gehalt außerhalb der Tarifbindung, also ein AT-Gehalt, einen Wagen und die freie Wahl einer Klinik in meinem Umkreis an. Dazu dürfte ich mir die Schichten auswählen, die mir am besten passten", sagte die Hebamme und fügt hinzu. "Ich bin 56!"

"Du brachst immer fünf Hebammen"

Christa Stemmermann kennt die Entwicklungen in der Branche. Seit über 35 Jahren arbeitet sie als Hebamme. Sie war lange am Krankenhaus, kennt alle Widrigkeiten des Jobs: Schichtdienst, Wochenendarbeit, zu wenig neues Personal: "Eine Geburtsstation ist nicht planbar wie andere Stationen. Du brauchst immer fünf Hebammen, um rund um die Uhr einen vernünftigen Ablauf gewährleisten zu können."

Havellandklinik Nauen und Mitarbeiter Babette Dietrich (www.mathiasmarx.com)

Babette Dietrich von den Havelland-Kliniken

Den konnten die Havelland-Kliniken im brandenburgischen Nauen offenbar nicht mehr bieten. "Wir hatten fünf Hebammen, zwei haben gekündigt. So mussten wir die Geburtsklinik in Nauen vorübergehend schließen", erklärt Babette Dietrich, Pressesprecherin der Havelland-Kliniken, eines kommunalen Krankenhausverbunds. Dietrich muss sich derzeit mit Anfeindungen wegen der Schließung herumschlagen. Dabei blieb der Klinikleitung gar keine Wahl. Mit zu wenigen Kräften wäre der Betrieb überhaupt nicht aufrechtzuerhalten. Gegenüber den Patienten wäre das fahrlässig gewesen. Händeringend wird jetzt nach Ersatz für die beiden ausgeschiedenen Hebammen gesucht. Werdende Mütter verweist man jetzt an den anderen Standort der Klinik in Rathenow.

2020 steht die Akademisierung des Berufes an

Wie die Frage nach dem fehlenden Personal gelöst werden soll, steht in den Sternen. Nach einem EU-Gesetz muss Deutschland ab dem Jahr 2020 die Ausbildung der Hebammen akademisieren. Doch ist auf diesem Feld bislang wenig passiert. "Deutschland ist das einzige Land, das das noch nicht umgesetzt hat", sagt Kirsten Kappert-Gonther. Dabei wäre es nach Ansicht der Grünen-Politikerin sinnvoll, hier endlich im Vergleich zu den anderen EU-Ländern nachzuziehen. Hebammen könnten im Job auf Augenhöhe agieren, sie hätten mehr Verantwortung und das Berufsbild würde bei einer besseren Bezahlung attraktiver werden: "Die Politik in Deutschland hängt den Entwicklungen oft hinterher. Dass Hebammen fehlen werden, war abzusehen."

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