Gastkommentar: Welcher Krieg? Welches Ende? Der 11. November 1918 | Kommentare | DW | 11.11.2018
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Erster Weltkrieg

Gastkommentar: Welcher Krieg? Welches Ende? Der 11. November 1918

Das Besondere des Ersten Weltkriegs war für seine Opfer vor allem die neuartige Erfahrung von Gewalt in dieser bisher unbekannten Dimension. Doch genau diese endete eben nicht am 11. November 1918, meint Jörn Leonhard.

Welcher Krieg endete am 11. November 1918? Anfang August 1914 hatte der Beginn des Weltkrieges noch einen gemeinsamen Bezugspunkt für Millionen von Menschen über enorme geografische Distanzen hinweg dargestellt - für den Prager Schriftsteller Franz Kafka genauso wie für den Lastwagenfahrer Kande Kamara aus dem westafrikanischen Kindia in Französisch-Guinea. Das Ende des Krieges war ungleichzeitiger.

Der 11. November 1918 beendete zwar den Krieg zwischen Staaten im Westen, aber der Waffenstillstand bedeutete nicht das Ende der Gewalt an vielen anderen Orten: nicht in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa, nicht in der Zerfallszone der multiethnischen Großreiche - des russischen Zarenreichs, der Habsburgermonarchie und des Osmanischen Reichs. Hier hatte der Staatenkrieg zum Staatszerfall geführt, hier ging der Weltkrieg in Bürgerkriege und ethnische Konflikte über, die Front in einen Gewaltraum, in dem jeder - Soldat oder Zivilist - Feind sein konnte. Wer sich in diesen Tagen auf die so oft zitierte elfte Stunde am elften Tag des elften Monats konzentriert, der wird mit dem Symboldatum des 11. November 1918 allenfalls das Ende des Staatenkrieges in Westeuropa erfassen - obwohl schon zu diesem Zeitpunkt wichtige Akteure des Sommers 1914 wie das Russische Zarenreich oder die Habsburgermonarchie gar nicht mehr existierten.

Eine neue Qualität von Gewalterfahrung

Die Bedeutung dieses Krieges für das 20. Jahrhundert ergibt sich nicht allein aus der Masse von Kriegsopfern. Sie war nicht nur messbar anhand der Millionen von toten Soldaten und Zivilisten. Hinter der schieren Quantität der Opfer verbarg sich eine grundsätzlich neue Qualität von Gewalterfahrungen. Obwohl die Opfer, anders als im Zweiten Weltkrieg, zumeist noch Soldaten waren, entstand eine neue Dimension der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung - so in Belgien und Nordfrankreich, in Serbien, Armenien und vielen Gebieten Osteuropas, Afrikas und Asiens.

Zu den Opfern zählten außerdem viele Tote bisher nichtselbstständiger Bevölkerungen im Verband der Kolonialreiche - das verband bei allen Unterschieden die polnischen mit den indischen und den aus Afrika und Ostasien rekrutierten Soldaten. Und zur fortdauernden Wirkung des Krieges gehörten auch das Heer der zurückbleibenden Verwundeten und die damit verbundenen langfristigen staatlichen Versorgungsleistungen für Kriegsinvaliden. Gerade sie gaben dem Krieg im Frieden ein Gesicht.

Der Sieger des Weltkrieges war keine Nation, kein Staat, kein Empire, und sein Ergebnis war keine Welt ohne Krieg. Der eigentliche Sieger war der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt als Möglichkeit. Das wog langfristig umso schwerer, weil es im fundamentalen Gegensatz zu jenem Leitmotiv stand, das sich während des Krieges entwickelt hatte und das für viele ein entscheidender Grund gewesen war, den Krieg mit allen Mitteln bis zum Schluss fortzusetzen: Die Hoffnung, am Ende müsse ein letzter grausamer Krieg gegen das Prinzip des Krieges überhaupt geführt werden. Doch das Vertrauen darauf, dass der Weltkrieg ein "war that will end war" (ein Krieg, der den Krieg beenden wird) sei, sollte bitter enttäuscht werden.

Neue Formen der Gewalt ab 1917

Schon die unmittelbare Phase nach dem 11. November 1918 dokumentierte, dass kriegerische Gewalt weiterhin ein Mittel der Wahl blieb: um wie in Irland und Polen neue Nationalstaaten zu etablieren oder territorial zu arrondieren, um wie in Russland in einem blutigen Bürgerkrieg einer Ideologie zum Sieg zu verhelfen oder wie in der Türkei die Bedingungen eines Friedensvertrags gewaltsam zu revidieren. Was im Sommer 1914 im Kern als Staatenkrieg begonnen hatte, mündete seit 1917 in eine Vielzahl neuer Gewaltformen, die weit über das formale Ende des Krieges im Westen hinausreichten. Und für Ost- und Südosteuropa war es eher die Phase zwischen der Bosnischen Annexionskrise 1908, den Balkankriegen 1912/13 und dem Frieden von Lausanne 1923, aus der sich eine relative Einheit ergab.

Der enthemmten Gewaltgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Katastrophen- und Zerfallsphase folgte nach 1945 eine mindestens für Europa friedliche Phase im Zeichen des stabilen Kalten Krieges und der Durchsetzung der demokratischen Massengesellschaft - zunächst in Westeuropa, dann nach 1989/91 auch in den osteuropäischen Gesellschaften. Es schien, als habe man die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gebraucht, um die seit August 1914 geschlagenen Wunden allmählich zu heilen. Aber sichtbar bleiben sie bis heute.

Der Krieg im kulturellen Gedächtnis

Als vor einigen Jahren die letzten überlebenden Soldaten des Ersten Weltkriegs starben, als sich der Übergang von den kommunizierten Erinnerungen zu den kulturellen Gedächtnissen abzeichnete, da spiegelte sich in der großen Aufmerksamkeit für diese besondere Verzeitlichung auch eine tiefere Erfahrungsschicht wider. Dass dies in Großbritannien und Frankreich, aber auch in Australien oder Indien intensiv verfolgt wurde, viel weniger aber in Deutschland, hat selbst historische Gründe: Es verweist auf die in Deutschland bis heute vom Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust überlagerte Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Hier, in Deutschland, ist der Krieg nicht "La Grande Guerre", "The Great War", "De Grote Orlog", sondern der erste von zwei Weltkriegen. Er wirkt wie eine Vorvergangenheit zur katastrophischen Vergangenheit der Jahre 1933 bis 1945.

Im Tod des letzten französische "poilu" und des letzten britischen "Tommy" wurden für einen kurzen Moment noch einmal jene Zeitschichten spürbar, bei denen das Frühere im Späteren aufscheint. Das Wissen um die im Kern grausame und zerstörerische Geschichte von Gewalt, von dem, was Menschen in einem modernen Krieg einander antun konnten, ist aber keine einfach abgelegte Geschichte und erst recht keine Vorvergangenheit. Es gehört vielmehr zu unserem Bewusstsein, wie wir in die komplizierte Gegenwart gelangt sind.

Jörn Leonhard ist Professor für Neue und Neueste Geschichte Westeuropas an der Universität Freiburg. Zum Ersten Weltkrieg veröffentlichte er zwei grundlegende Bücher: "Die Büchse der Pandora - Geschichte des Ersten Weltkriegs" (2014) und "Der überforderte Frieden - Versailles und die Welt 1918-1923" (Oktober 2018).

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