Gastkommentar: Warum wir uns an den 4. Juni erinnern | Kommentare | DW | 03.06.2019
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30. Jahrestag Tiananmen-Massaker

Gastkommentar: Warum wir uns an den 4. Juni erinnern

Muss man heute noch des Studentenaufstands in China von 1989 gedenken? Das ist doch 30 Jahre her, das ist Geschichte - schaut besser nach vorne, meinen heute viele. Nein, die Erinnerung ist notwendig, meint Perry Link.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil Jiang Jielian damals 17 Jahre alt war. Er ist immer noch 17 Jahre alt. Er wird immer 17 Jahre alt sein. Denn Menschen, die tot sind, altern nicht.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil die verlorenen Seelen, die Liu Xiaobo heimsuchten, bis er starb, auch uns heimsuchen werden, bis wir sterben.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil der Widerschein des Feuers auf den Bajonetten etwas ist, das niemand vergessen kann. Selbst wenn er es nicht selbst gesehen hat.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil er uns das wahre Wesen der Kommunistischen Partei Chinas offenbart hat. Kein Buch, kein Film, kein Museum hätte das anschaulicher machen können.

Wir erinnern uns an den 4. Juni wegen der einfachen Arbeiter, die gestorben sind. An die Namen der meisten erinnern wir uns nicht, denn die Namen der meisten haben wir nie gekannt. Aber wir erinnern uns an sie als Menschen. Und wir erinnern uns daran, dass wir ihre Namen nie kannten.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil darin die schlimmsten Seiten Chinas stecken - aber auch die besten Seiten Chinas.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil es ein Massaker gab - nicht einfach eine "Razzia", einen "Vorfall", ein "Ereignis", ein shijian, ein fengbo. Keinen konterrevolutionären Aufstand. Es ist keine verschwommene Erinnerung. Oder, wie ein Kind in China heute vielleicht denken könnte, dass dieses Ereignis gar nicht stattgefunden hat. Es war ein Massaker.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, denn es war, wie der chinesische Professor Fang Lizhi mit der ihm eigenen Weisheit hervorhob, der einzige ihm bekannte Fall, in dem eine Nation sich selbst überfallen hat.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, denn wir wollen wissen, woran sich die tötenden Soldaten erinnern. An den Rändern der Stadt bekamen sie eine Gehirnwäsche, bevor sie die tödlichen Befehle ausführten. Auch sie waren also Opfer. Wir wissen nicht, welche Gedanken sie damals hatten. Aber wir erinnern uns daran, weil wir es wissen wollen.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil Ding Zilin noch am Leben ist. Sie ist 82 Jahre alt. Wenn sie ihr Haus verlässt, folgen ihr zur Sicherheit Polizisten in Zivilkleidung. Sicherheit für sie? Nein, Sicherheit für den Staat. Ja, es ist wahr: Ein Regime mit einem Bruttoinlandsprodukt von 100 Billionen Yuan und zwei Millionen Soldaten muss sich vor einer 82-jährigen Frau, vor ihren Ideen, schützen. Daran sollte man sich erinnern.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, um andere zu unterstützen, die daran erinnern. Wir erinnern uns allein. Aber wir gedenken auch gemeinsam.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil das Erinnern uns zu besseren Menschen macht. Das Gedenken ist in unserem eigenen Interesse. Wenn Politiker über "Interessen" sprechen, meinen sie materielle Interessen. Aber moralische Interessen sind genauso wichtig - nein, sie sind wichtiger. Wichtiger, als eine Yacht zu besitzen.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil er ein historischer Wendepunkt für ein Fünftel der Welt war. Ein Wendepunkt in eine beängstigende Richtung. Wir hoffen, dass es kein Wendepunkt war, der der ganzen Welt zum Verhängnis wird. Aber wir wissen es nicht. Wir werden es sehen.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, denn wenn wir uns nicht daran erinnern würden, hätten wir keinerlei Vorstellung davon. Hätten wir uns das ausmalen können? Nein.

China Hongkong Jahrestag Gedenken Tiananmen (picture-alliance/AP Photo/K. Cheung)

Tausende Chinesen gedenken jedes Jahr in Hongkong des Tiananmen-Massakers vom 4. Juni 1989. In der Volksrepublik China herrscht dagegen staatlich verordnetes Schweigen.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil es Menschen gibt, die wollen, dass wir uns daran erinnern. Es tröstet sie, zu wissen, dass wir daran denken.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil es auch Menschen gibt, die wollen, dass wir uns nicht daran erinnern. Sie wollen, dass wir vergessen. Denn das Vergessen erhält ihre politische Macht. Was für ein mieses Spiel! Wir müssen uns dieser Macht entgegenstellen, selbst wenn die Erinnerung an das Massaker der einzige Weg wäre, das zu tun.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, damit wir nicht vergessen, wie die chinesische Regierung sich selbst und andere belügt. Sie sagt, das chinesische Volk habe schon längst das "richtige Urteil über den konterrevolutionären Aufstand auf dem Tiananmen-Platz 1989" gefällt. Aber jedes Jahr am 4. Juni hindern Polizisten in Zivil Menschen daran, den Platz zu betreten. Warum? Wenn die Chinesen, wie die Regierung behauptet, an all das glauben: Warum lässt man dann die Menschen nicht auf den Platz, um die Konterrevolutionäre zu verurteilen? Die Präsenz der Polizei zeigt, dass das Regime seine eigenen Lügen nicht glaubt.

Wir erinnern uns an den 4. Juni, weil solche Ereignisse das menschliche Gehirn für lange Zeit erschüttern. Selbst wenn wir es versuchen würden - wir können es nicht vergessen!

Perry Link ist Professor für Vergleichende Literatur und Fremdsprachen an der University of California. Zuvor war er als Professor für Ostasien-Studien an der Princeton University tätig. Seine Spezialgebiete sind die chinesische Sprache und Literatur. Link war beteiligt an der Übersetzung der "Tienanmen-Akte", einer Sammlung von geheimen Dokumenten, die nach dem Massaker von 1989 von der chinesischen Regierung verfasst worden sein sollen.

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