Gastkommentar: Erdoğans Angst vor der Generation Z | Kommentare | DW | 06.02.2021
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Türkei

Gastkommentar: Erdoğans Angst vor der Generation Z

Die Proteste gegen den neuen Rektor der Bosporus-Universität wecken beim türkischen Präsidenten Erdoğan Angst vor einem Gezi-ähnlichen Aufstand, meint Banu Güven. Denn die Generation Z kann ihn tatsächlich entmachten.

Stundeten der Uni Boğaziçi (Bosporus) Proteste gegen den neuen Rektor

Demonstration vor dem Eingangstor der Bosporus-Universität in Istanbul gegen den neuen Rektor

Präsident Recep Tayyip Erdoğan fürchtet um seine Macht, deswegen wird er immer brutaler. Der Widerstand an der Bosporus-Universität (Boğaziçi Üniversitesi), dem Brennpunkt der jüngsten Proteste gegen sein totalitäres Vorgehen, macht ihn deswegen so unruhig.

In den 1990er-Jahren habe ich selbst an dieser englischsprachigen Universität im europäischen Teil Istanbuls studiert und durfte als Assistentin des damaligen Rektors Prof. Dr. Üstün Ergüder arbeiten.

Eine Bastion der liberalen Türkei

Die Hochschule ist eine der letzten Bastionen der demokratischen und liberalen Tradition der Türkei. Sie verkörpert alle Elemente, die Erdoğan in seiner neuen Türkei vernichten will: ein widerstandsfähiger akademischer Lehrkörper und kritisch denkende Studierende, die sich nichts gefallen lassen. Liberale, Anarchisten, Feministinnen, LGBT+-Aktivisten, Kurden, Linke, Atheisten und - am allerschlimmsten für Erdoğan - auch religiöse Studentinnen und Studenten, die sich vor niemandem außer Allah fürchten.

Porträt Banu Güven. Junge Frau mit dunklen Haaren, ohne Brille, die lächelt.

Journalistin und Kolumnistin Banu Güven

Nahe des Bosporus, auf dem schönsten Campus des Landes lehren und lernen sie alle friedlich nebeneinander und widerstehen der Willkür des Präsidenten: Sie lehnen den neuen, von Erdoğan ernannten Rektor Melih Bulu ab. Der sei ein Plagiator und deshalb völlig ungeeignet, eine der besten Universitäten der Türkei zu leiten. Außerdem wurde inzwischen bekannt, dass er einst ein engagiertes Mitglied der Erdoğan-Partei AKP war und 2009 sogar als Bürgermeisterkandidat antreten wollte. Mit seiner Ernennung möchte Erdoğan Einfluss auf die Elite-Universität gewinnen. Aber so einfach geht das nicht.

Studierende und Lehrende protestieren seit Wochen jeden Mittag auf dem Unigelände, stellen sich mit dem Rücken zum Rektoratsgebäude, wo der derzeit einsamste Rektor der ganzen Welt sitzt.

Hunderte Festnahmen

Was Erdoğan stört, ist vor allem der Widerstand der Studierenden. Durch ihre kreativen Kundgebungen, den Videos, die sie in sozialen Medien posten, schaffen sie eine breite Aufmerksamkeit in der Gesellschaft. Studenten anderer Universitäten solidarisieren sich mit ihnen. Um diese wachsende Solidarität zu verhindern, setzt der Präsident auf Polizeigewalt: Hunderte Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen, vier Studenten sitzen schon längere Zeit in Untersuchungshaft.

Erdoğan und sein Koalitionspartner, der Vorsitzende der nationalistischen MHP, Devlet Bahçeli, diffamieren die Studenten jeden Tag, nennen sie "Terroristen". Um sie in den Augen der Gesellschaft weiter zu delegimitieren, spielen sie auch die Homophobie-Karte. Erdoğan behauptet, alles, was sich hinter dem Kürzel LGBT+ verberge, existiere gar nicht. Und sein Innenminister Süleyman Soylu nennt die LGBT+-Bewegung schlicht "abartig".

Angst vor den Jungwählern

Erdoğan setzt Gewalt ein, weil er sich vor einem neuen Gezi-Aufstand fürchtet. Er versucht die Studenten zu delegitimieren, weil er perspektivisch Angst davor hat, dass sie ihn bei den nächsten Wahlen entmachten können. Und das zu recht: Bei nächsten Wahlen 2023 werden mehr als fünf Millionen Menschen erstmals wahlberechtigt sein. Das sind knapp zwölf Prozent der Wähler. Ein wesentlicher Teil dieser Jungwähler werden nicht für ihn stimmen. Das haben ihm jungen Leute in seiner YouTube -Live-Sendung im vergangenen Jahr mit zehntausenden Dislikes und Kommentaren klar gemacht.

Der türkische Präsident Erdogan sitzt in Anzug und weißem Hemd, aber ohne Krawatte lächelnd vor einer Bücherwand. Neben ihm steht ein Glas Wasser

So präsentierte sich Präsident Erdogan am 26. Juni 2020 in den Sozialen Medien der jungen Generation

Verschiedene Umfragen bestätigen die Abneigung der Generation Z gegenüber Erdoğan und seinen Idealen. Laut einer Umfrage des Instituts "Gezici Araştırma Merkezi" 2020, betrachten 76,4 Prozent der Befragten Rechtsstaatlichkeit und Demokratie als absolute Priorität. Und eine schlechte Nachricht für Erdoğan, der ein fromme Volk als Ziel anstrebt: Nur 15,7 Prozent der Generation Z beten regelmäßig. Ebenfalls nicht in Erdoğans Sinne: Laut der jüngsten Umfrage von MetroPoll befürworten sogar 55 Prozent der AKP-Wähler einen demokratischen Wahlprozess an den Universitäten anstatt der Ernennung der Rektoren durch den Staatspräsidenten.

Wie brutal wird Erdoğans Herrschaft noch?

Rektor Bulu sagt, er werde nicht zurücktreten. Aber das kann er ja sowieso nicht, solange ihm sein Herr Erdoğans das nicht erlaubt. Bulu hofft, dass die Proteste langsam nachlassen.

Erdoğan wird mithilfe seines gewalttätigen Polizeiapparats einen zweiten Gezi-Aufstand verhindern. Was er aber durch Polizeigewalt nicht ändern kann, sind der Wille und die Meinungen der jungen Generation. Je mehr Gewalt er einsetzt, desto schneller wird das Ende seiner Macht kommen. Die entscheidende Frage ist, wieviel brutaler sein Vorgehen in nächsten Jahren noch werden kann.

 

Die türkische Journalistin und Fernsehmoderatorin Banu Güven schreibt für verschiedene deutsche und türkische Medien. Seit 2018 lebt und arbeitet sie in Deutschland.

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