Gastkommentar: Die Türkei zwischen Vernunft und Irrsinn | Kommentare | DW | 20.06.2018
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Vor den Wahlen in der Türkei

Gastkommentar: Die Türkei zwischen Vernunft und Irrsinn

Auch nach 16 Jahren unter Erdogan bewahren die Türken ihre hoffnungsvolle Haltung. Damit sind sie Vorbild für jene, die erst jetzt die zermürbende Absurdität des Rechtspopulismus spüren, meint die Autorin Ece Temelkuran.

Wenige Tage vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, die Präsident Erdogan der Türkei aufgezwungen hat, um seine Macht zu festigen, dreht sich die schärfste Debatte in türkischen sozialen Netzwerken um das Foto eines schwarzen Welpen. Eines verstümmelten Welpen, dem die Pfoten abgeschnitten wurden, bevor das Tier weggeworfen wurde.

Die meisten Leute sind schockiert angesichts dieser extremen Grausamkeit. Aber wie bei allen Dingen heutzutage hat sogar diese Diskussion eine politische Dimension angenommen. Regierungsanhänger verunglimpfen die Reaktionen als "Hysterie", während die Opposition meint, Grausamkeiten seien nach 16 Jahren mit Erdogans "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) an der Macht einfach etwas Alltägliches geworden.

Menschen aller politischen Couleur, von ganz links bis ganz rechts, distanzieren sich vom gegenwärtigen politischen System. Seit Jahren wissen sie schon, dass sich ein autoritäres Regime nicht damit zufrieden gibt, allein die Staatsmacht an sich zu reißen und das politische System zu zerstören. Solch ein Regime greift immer weiter an, versucht die menschliche Seele zu bezwingen und infiltriert jeden Lebensbereich mit seinen vergifteten, betrügerischen Werten. Es errichtet ein System des Unrechts und der Rücksichtslosigkeit, verlangt absoluten Gehorsam und religiöse Hingabe an seinen Führer.

Hoffen entgegen allen Erwartungen

In den sozialen Medien, dem einzigen Ort, an dem sich die türkischen Menschen in der Öffentlichkeit noch Gehör verschaffen können, dreht sich die eigentliche Diskussion nicht um einen schwarzen Welpen. Es geht um die Entschlossenheit, den Verstand zu behalten und die humanitären Werte des Landes zu wahren - und sich nicht allein zum gehorsamen Untertanen machen zu lassen.

"Es ist die Hoffnung, die ermüdend ist, nicht der Schmerz", schrieb ich einmal in einem Artikel. Dieser Satz hat sich in den sozialen Medien erneut verbreitet. Denn Vertreter des gesamten politischen Spektrums in der Türkei blicken hoffnungsvoll auf den Ausgang der Wahlen am 24. Juni. Dass sie ihre Hoffnungen überhaupt noch am Leben halten können - obwohl sie wissen, dass auch diese Wahlen wieder manipuliert werden -, verdanken sie der enthusiastischen und leidenschaftlichen Opposition, die härter als jemals zuvor mit der Faust auf den Tisch gehauen hat.

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Kaum Chancengleichheit im türkischen Wahlkampf

Der Kandidat der Sozialdemokraten, Muharrem Ince, ist bei seinen Wahlkampfauftritten Feuer und Flamme für seine Sache, die Führerin der Nationalisten, Meral Aksener, fordert Erdogan mit ihren entschiedenen Reden heraus, der Kandidat der kurdischen HDP, Selahattin Demirtas, betreibt den Wahlkampf aus seiner Gefängniszelle heraus, wo er seit 20 Monaten als politische Geisel festgehalten wird. Und sogar die konservative islamistische Partei spricht die Sprache der Solidarität gegen Ungerechtigkeit.

Seit sie alle ihre Kräfte gegen Erdogan gebündelt haben, kämpfen diese Parteien, als gäbe es kein morgen. Ihre Botschaft ist: Es gibt keine Zukunft mehr, wenn diese Wahl an das Ein-Mann-Regime verloren geht.

Wahlmanipulation mit Ansage

Um ihre Hoffnung aufrechtzuerhalten, ertragen die Türken den ganzen politischen Dreck, der aufgewirbelt wird, je näher der Wahltag rückt: Das durchgesickerte Video von Erdogans Rede bei einem nicht-öffentlichen Parteitreffen, in der er offen für Wahlmanipulationen wirbt. Die Berichte über Regierungsanhänger, die automatische Gewehre tragen, wenn sie Wähler in kurdischen Gebieten aufsuchen und für die Unterstützung der Regierung werben. Die Einschüchterung der Wähler und Wahlfälschung, das Verbreiten von Falschnachrichten in den Mainstream-Medien, Angriffe auf kurdische Politiker - all das tut die Regierung ab. 

Trotz alledem ist die Opposition entschlossen, weiter nach dem eigenen Takt zu tanzen - selbst wenn das Orchester von Erdogan dirigiert wird. Aber gerade fühlt es sich nach fast zwei Jahrzehnten zum ersten Mal so an, als würde das Orchester dem Tanz folgen und nicht andersherum. Erdogan hat angefangen, sich durch seine Reden zu stammeln. Er wirkt unsicher wie nie, seit er bei seinen Wahlkampfauftritten auf die Angriffe der Opposition reagiert.

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Türkei: "Generation Erdogan" vor der Wahl

Im meinem Land ist "unsicher hoffnungsvoll" die beste seelische Verfassung, die man angesichts der politischen Zustände erwarten kann. Die Entschlossenheit, Verstand, Freude und Normalität sowohl auf persönlicher als auch gesellschaftlicher Ebene zu bewahren, ist herausragend.

Bitten nehmen Sie sich heute also einen Moment Zeit, und zollen sie den Menschen in der Türkei Respekt für ihren Widerstand gegen diesen erzwungenen Irrsinn. Ihr Durchhaltevermögen und ihre Unnachgiebigkeit, die Demokratie zu bewahren, sollten alle westlichen Nationen inspirieren, die erst seit Kurzem die Absurdität des Rechtspopulismus erleben und dabei schon jetzt verwirrt und erschöpft wirken.

Ein Gedankenexperiment

Wenn Sie es sich nicht vorstellen können, was es heute bedeutet, türkischer Bürger zu sein, dann stellen Sie sich vor, 16 Jahre lang unter Donald Trump, Boris Johnson oder der Alternative für Deutschland (AfD) zu leben, die im Besitz aller drei Gewalten sind. Und fügen Sie Tausende, über die Jahre herangewachsene ergebene Klone jener Anführer zu dieser Vorstellung hinzu. Dann können Sie verstehen, was es bedeutet, weiter zu hoffen und mit fester Entschlossenheit menschlich zu bleiben.

Ece Temelkuran ist türkische Journalistin und Autorin. Nachdem sie die Politik von Präsident Erdogan kritisiert hatte, verlor sie ihre Stelle und hat die Türkei verlassen. Temelkuran hat mehrere Bücher geschrieben, darunter "Euphorie und Wehmut: Die Türkei auf der Suche nach sich selbst".

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