Gaddafis Lieblingssohn | Afrika | DW | 20.11.2011
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Afrika

Gaddafis Lieblingssohn

Früher galt er als möglicher Nachfolger von Muammar al-Gaddafi. Seit dem Umsturz in Libyen befand sich Saif al-Islam, der Lieblingssohn des langjährigen Machthabers, auf der Flucht. Nun wurde er gefasst. Ein Porträt.

Saif al-Islam (Archivfoto: dapd)

Saif al-Islam (Archivfoto)

Unternehmer, Künstler, Politiker, Lebemann – Saif al-Islam al-Gaddafi mochte den großen Auftritt. Der älteste Sohn aus Muammar al-Gaddafis zweiter Ehe hatte neben seinem älteren Halbbruder Mohammed Muammar noch sechs jüngere Geschwister. Aber der 39-Jährige stand am stärksten in der Öffentlichkeit – und er war der Lieblingssohn des libyschen Revolutionsführers. Von westlichen Beobachtern wurde er oft als Reformer wahrgenommen. Doch im Gegensatz zu einigen Brüdern blieb er seinem Vater gegenüber treu bis zum bitteren Ende.

Luxuriöses Studentenleben

Saif al-Islam wuchs in Tripolis auf und studierte Architektur an der Universität Al-Fatih. Nach seinem Bachelor-Abschluss und einem Jahr Militärdienst ging er nach Wien, um dort Wirtschaft zu studieren. Sein Studium an der privaten Hochschule IMADEC schloss er mit einem Master of Business Administration (MBA) ab. Zwei Jahre später entschied sich Saif al-Islam, an der renommierten London School of Economics (LSE) zu promovieren. Seine Dissertation wurde 2008 unter dem Titel "Die Rolle der Zivilgesellschaft für die Demokratisierung globaler Regierungsinstitutionen" veröffentlicht. Doch obwohl Libyen sich unter Saifs Vater Muammar al-Gaddafi offiziell "Republik" nannte, war in den vergangenen 40 Jahren von Demokratisierung nichts zu spüren.

Saif al-Islam (links) in Begleitung eines Milizionärs an Bord eines Flugzeuges (Foto: dapd)

Nach der Festnahme: Saif al-Islam (links) in Begleitung von Milizionären an Bord eines Flugzeuges

Aber Saif al-Islam war auch kein typischer Akademiker. Berichten der britischen Tageszeitung Guardian zufolge genoss er in London ein luxuriöses Leben. Im Jahr 2009 soll Gaddafi seinem Sohn sogar eine Villa im Wert von zehn Millionen Pfund gekauft haben – mit acht Schlafräumen, Sauna, Swimming Pool und Kino. Bereits 2004 hatten libysche Studenten im Exil Saif al-Islam in einem offenen Brief an die LSE vorgeworfen, seine Studien nicht ernsthaft zu betreiben und das Image der Hochschule zu beschädigen. Die Verfasser baten die Hochschulverwaltung, ihn nicht weiter zum Studium zuzulassen. Doch die Universität distanzierte sich erst im Februar 2011 von ihrem Studenten.

Im Westen galt Saif al-Islam vielen Politikern als ernstzunehmender Partner – und auch als Schlüssel zu den gewaltigen Ölressourcen Libyens. Im Gegensatz zu seinem Vater spricht Saif al-Islam sehr gut Englisch; seine elegante, westliche Erscheinung trug ebenfalls zur Vertrauensbildung bei. Dass er sich während seiner Studienzeit in Wien mit dem rechtspopulistischen Politiker Jörg Haider anfreundete, schien einflussreiche britische Persönlichkeiten wie den Politiker Lord Mandelson und den Investor Nathaniel Rothschild nicht zu schrecken. Berichten des Guardian zufolge sollen auch sie den Kontakt mit Saif al-Islam gepflegt haben.

Libyens Unterhändler im Westen

Libyer jubeln über den Tod von Muammar al-Gaddafi (Foto: dpa)

Libyer jubeln über den Tod von Muammar al-Gaddafi im Oktober 2011

Bereits als 25-Jähriger hatte Saif al-Islam die "Gaddafi International Foundation for Charity Associations" gegründet. Er bezeichnete die Stiftung als Nichtregierungsorganisation und stand ihr als Präsident vor. Die Organisation unterstützte entwicklungs- und missionspolitische Aktivitäten im In- und Ausland, wurde aber zunehmend zu einem Instrument der libyschen Außenpolitik.

So trat Saif al-Islam als Präsident der Stiftung immer wieder als Vermittler auf, damit der libysche Staat keine direkte Verantwortung für seine terroristischen Verstrickungen übernehmen musste. 2004 willigte die Stiftung ein, 35 Millionen Dollar Entschädigung für den Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle zu zahlen. 1986 waren dabei drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. Saif al-Islam handelte auch die Entschädigungen für die Angehörigen der Lockerbie-Opfer aus. Libysche Geheimagenten waren für den Anschlag auf ein Flugzeug über Schottland verantwortlich gewesen, bei dem 1988 270 Menschen ums Leben kamen.

Als 2008 fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung aus libyscher Haft freigelassen wurden, gab Saif al-Islam öffentlich zu, dass sie gefoltert worden seien, um ihnen ein Geständnis abzuringen. Acht Jahre lang hatten sie in Haft gesessen, weil ihnen vorgeworfen wurde, absichtlich Hunderte von Patienten mit AIDS infiziert zu haben. In westlichen Medien wurde Saif al-Islam wegen seiner Offenheit gelobt. Westliche Regierungen schätzten ihn - im Unterschied zu seinem unberechenbaren Vater - als rationalen und berechenbaren Gesprächspartner.

Vom "freundlichen Gesicht" zum Hardliner

Der Sohn des Revolutionsführers galt lange als das freundliche Gesicht Libyens. Er sprach sich für eine politische und wirtschaftliche Öffnung des Landes aus und stieß 2007 ein Projekt für eine Verfassungsreform an. Außerdem gründete er einen privaten Fernsehsender und die ersten beiden privaten Zeitungen des Landes. In dieser Zeit sammelte er auch eine Reihe von reformorientierten Technokraten um sich und bemühte sich um einen Ausgleich mit den radikalen libyschen Islamisten, die in den 1990er Jahren erfolglos einen Guerilla-Krieg gegen das Regime seines Vaters geführt hatten. Deshalb galt Saif al-Islam auch für viele Libyer zeitweise als Reformer.

Mutassim al-Gaddafi (Foto: dpa)

Saifs getöteter Bruder Mutassim al-Gaddafi

Gleichzeitig machte der politisch ambitionierte Saif al-Islam keinen Hehl daraus, dass die Macht seines Vaters nicht angetastet werden sollte. Ähnlich wie in Ägypten, Syrien und im Jemen wurde Saif al-Islam als Sohn des Staatschefs auf eine mögliche Nachfolge vorbereitet. Dabei galt sein jüngerer Bruder Mutassim, der 2007 zum Chef des nationalen Sicherheitsrates berufen wurde und wie sein Vater im Oktober ums Leben kam, als stärkster Konkurrent.

Als im Februar 2011 die Proteste gegen das libysche Regime begonnen, ergriff Saif al-Islam medienwirksam die Partei der Hardliner innerhalb des Regimes. Er stellte sich ausdrücklich hinter seinen Vater, der seit 42 Jahren an der Macht war, und drohte im Staatsfernsehen mit einem Bürgerkrieg "mit tausenden Toten". "Wir werden Libyen nicht aufgeben, und wir werden bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau und bis zur letzten Kugel kämpfen", sagte Saif al-Islam. Seit Ende Juni 2011 wurde er vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit per Haftbefehl gesucht. IStGH-Chefankläger Luis Moreno-Ocampo schreibt ihm eine Schlüsselrolle bei der Unterdrückung des Volksaufstandes "mit allen Mitteln" zu.

Autorin: Anne Allmeling
Redaktion: Thomas Latschan / Christian Walz

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