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Günter Grass fühlt sich mit Gedicht missverstanden

5. April 2012

Der wegen seines Angriffs auf Israel in die Kritik geratene Literatur-Nobelpreisträger Grass fühlt sich missverstanden und sieht sich als Opfer einer Kampagne. Die Empörung über das Gedicht des 84-Jährigen hält an.

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Der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (Foto: dapd)
Günter Grass / Schriftsteller / LiteraturnobelpreisträgerBild: dapd

In einem Interview mit dem "Norddeutschen Rundfunk" sagte Günter Grass, seine Kritiker ließen sich nicht auf den Inhalt des Textes ein, sondern führten eine Kampagne gegen ihn. Es sei ihm aufgefallen, so Grass, "dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen". Auf seine Kritik an Israel sei sofort, "was ja auch zu vermuten war", der Vorwurf des Antisemitismus laut geworden.

Der Ausdruck "Gleichschaltung" entstammt der Terminologie der Nationalsozialisten. Sie bezeichneten damit die Beseitigung der pluralistischen Gesellschaft durch die Auflösung oder Unterstellung ehemals freier Medien, Vereine, Gewerkschaften oder Organisationen unter die NS-Herrschaft.

Grass weist Kritik zurück

Warnung vor "Erstschlag" Israels

In dem am Mittwoch als Gedicht veröffentlichten Text mit dem Titel "Was gesagt werden muss" warnt Grass im Konflikt um das iranische Atomprogramm vor einem Angriff Israels auf den Iran. Die Atommacht Israel gefährde den ohnehin brüchigen Weltfrieden, indem sie das Recht auf einen Erstschlag behaupte, so der Literatur-Nobelpreisträger.

Iranische Zentrifugen zur Urananreicherung vor einem Poster mit dem verstorbenen Ajatollah Khomeini (l.) und seines Nachfolgers Khamenei (Foto: Reuters)
Zentrifugen zur Urananreicherung im IranBild: Reuters

Ein solcher Erstschlag könne das Volk des Iran auslöschen, nur weil dort der Bau einer Atombombe vermutet werde. Zudem kritisiert Grass die Lieferung eines deutschen U-Bootes an Israel. Deutsche könnten so "Zulieferer eines Verbrechens" werden. Israelische und iranische Atomanlagen müssten durch eine internationale Instanz kontrolliert werden.

Netanjahu äußert massive Kritik

Der Kritik an Grass schloss sich mit scharfen Worten auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an. "60 Jahre lang hat Herr Grass seine Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS verschwiegen", erklärte Netanjahu in Jerusalem. "Daher überrascht es nicht, dass er den einzigen jüdischen Staat auf der Welt als größte Bedrohung für den Weltfrieden ansieht und ihm sein Recht auf Selbstverteidigung abspricht."

Der Regierungschef wies daraufhin, dass der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugne und zur Vernichtung Israels aufrufe. "Der Iran, nicht Israel, stellt eine Bedrohung für den Weltfrieden und die Sicherheit in der Welt dar", betonte Netanjahu.

Herta Müller sieht "Größenwahn"

Auch die Literatur-Nobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller, übte Kritik an Grass. Am Rande einer Lesereise nach Tschechien sagte sie, Grass solle sich lieber zurückhalten: "Er ist ja nicht ganz neutral. Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen." Dass Grass sein "sogenanntes Gedicht" an drei verschiedene Zeitungen in mehreren Ländern geschickt habe, halte sie für "größenwahnsinnig", erklärte Müller.

wl/kle (dpa,afp,epd,kna,rtr)