Görlitzer Park bleibt Drogenumschlagplatz | Deutschland | DW | 23.08.2015
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Deutschland

Görlitzer Park bleibt Drogenumschlagplatz

In einem Park in Berlin-Kreuzberg wird gedealt. Das ist allgemein bekannt, es steht sogar in Reiseführern. Die sogenannte "Null-Toleranz-Regel" sollte das ändern. Doch der Verkauf geht rege weiter.

In kleinen Gruppen versammeln sich die Männer um die Bänke im Park. Die meisten von ihnen sind Migranten aus dem Norden oder dem Westen Afrikas. Wenn Passanten an ihnen vorbeilaufen, werfen sie ihnen bedeutungsvolle Blicke zu. Mit den Augen stellen sie immer die gleiche Frage: "Wollen Sie etwas?"

Der Görlitzer Park, den Anwohner nur "Görli" nennen, befindet sich mitten im zentralen Berliner Stadtteil Kreuzberg. Bis zum Zweiten Weltkrieg war hier noch ein Bahnhof. Die Gleise wurden dann Stück für Stück abgebaut, zeitweise war das Gelände komplett verwildert. Anfang der 1990er Jahre wurde der "Görli" dann in das verwandelt, was er heute ist: Eine urbane Oase mit Wiesen, Spielplätzen, einem kleinen Streichelzoo und einem Café, das in einem alten Bahngebäude untergebracht ist.

Bank im Görlitzer Park (Foto: DW/Nils Zimmermann)

Sitzgelegenheit - auch für den Drogenverkauf

Damals hatte man wohl nicht damit gerechnet, dass rund um die Bänke einer der größten Drogenumschlagplätze Berlins entstehen würde. Für einen Außenstehenden ist es allerdings bemerkenswert, wie wenig die Menschen sich daran zu stören scheinen: Familien sitzen nur wenige Meter entfernt auf der Wiese und picknicken, Kinder toben auf dem Spielplatz, andere werfen sich Bälle zu.

Einkommen für Papierlose

Viele der Männer, die hier dealen, treffen im Park andere Menschen aus ihrer Heimat: Manche kommen aus Gambia, andere aus Guinea-Bissau oder Marokko. So wie Marwin und seine Gruppe. Er sagt, er komme nicht nur in den Park, um Geld mit dem illegalen Drogenverkauf zu verdienen: "Wir kommen auch, um mit Leuten aus unserer Kultur zusammenzukommen, unsere Sprache zu sprechen und uns unsere Geschichten zu erzählen."

Sie hätten keine andere Wahl, sagt Ayoub, der ebenfalls aus Marokko stammt. Die meisten hier haben keine Aufenthaltserlaubnis und dürfen darum auch nicht arbeiten. Da bleibe lediglich der Handel mit Marihuana oder härteren Drogen, so Ayoub: "Eigentlich können wir hier nur einen legalen Aufenthaltsstatus bekommen, wenn wir eine europäische Frau heiraten. Das ist der einzige Weg." Die Männer um ihn nicken.

Leute im Park (Foto: DW/Nils Zimmermann)

Idyllisches Treiben im Görlitzer Park: Viele Familien kommen zum Entspannen hierher

Ayoub ist bereits seit acht Jahren in Europa, der Älteste in seiner Gruppe sogar schon seit 23 Jahren, ein anderer kam vor 13 Jahren. Keiner von ihnen hat einen Aufenthaltstitel, geschweige denn offizielle Papiere vom deutschen Staat erhalten. Vor Jahrzehnten sind sie nach Deutschland geflüchtet, in Containerschiffen, versteckt in LKW oder in kleinen Booten über das Mittelmeer.

In Marokko fänden sie keine Arbeit, sagen Ayoubs Freunde, deswegen seien sie nach Europa gekommen. Auch Marwin aus Guinea-Bissau erzählt von der Arbeitslosigkeit in seiner Heimat: "Jeder hier im Park hat mindestens zehn Familienmitglieder, die er mit dem Geld, das er hier verdient, zu Hause unterstützt."

Dealer vergraben Drogen

Der Verkauf von Drogen ist illegal in Deutschland. Das gilt auch für Haschisch - und das wird sich in naher Zukunft kaum ändern. Dass im Görlitzer Park gedealt wird, ist allgemein bekannt, hat aber eine Kontroverse in der Berliner Stadtpolitik ausgelöst. So hat sich eine Anwohnerinitiative gegründet, die sich dafür einsetzt, die Drogenhändler aus dem Park zu vertreiben. Auch die Politik will nicht weiter tolerieren, dass täglich Marihuana und andere Drogen im Park ihren Besitzer wechseln. Seit März 2015 gilt deswegen die "Null-Toleranz-Regel": Das bedeutet, dass hier nicht einmal der Besitz einer kleinen Menge Marihuana geduldet wird, der in Deutschland normalerweise unbestraft bleibt.

Polizist hockt im Görlitzer Park (Foto: DW/Nils Zimmermann)

Ein Polizist sucht nach Drogen

Seit Einführung dieser Regelung patrouillieren viel mehr Polizisten in regelmäßigen Abständen durch den Park, oft auch in zivil. Allein im ersten Halbjahr 2015 nahmen die Beamten 1568 Personen im Görlitzer Park fest, wie Jens Berger von der Berliner Polizei sagt. Davon 1159 wegen eines Drogendelikts, 170 wegen eines fehlenden Aufenthaltsstatus.

Marihuana, Crystal Meth, Ecstasy & Co.

Die Substanzen verstecken die Männer meistens im Boden, dann kann niemand für ihren Besitz belangt werden, weil die Ermittler kaum herausfinden, wem sie gehören. Neben Marihuana konfiszieren die Polizisten auch zahlreiche andere Suchtmittel: "Es wird alles mögliche verkauft", sagt eine Polizistin und zeigt auf mehrere Plastiktüten, die auf dem Rücksitz ihres Dienstwagens liegen: "Diese kleinen Kugeln sind Heroin, in den Kanülen ist Crystal Meth, die Pillen sind Ecstasy." Sie hält eine kleine Tüte mit gelben Puder hoch: "Bei dem hier sind wir uns nicht sicher, um was es sich handelt."

Drogen in Tüte (Foto: DW/Nils Zimmermann)

Was die Polizei so findet: Heroin, Crystal Meth, Ecstasy

In nur einer Stunde haben die Polizisten rund ein Dutzend solcher kleinen Plastiktüten im Boden des Parks gefunden. Währenddessen haben die Verkäufer nicht einmal den Park verlassen, sie haben sich einfach ein paar hundert Meter weiter auf eine Bank gesetzt und darauf gewartet, dass die Drogenfahnder wieder verschwinden.

Marwin und Ayoub erzählen, dass sie selten festgenommen werden: "Wenn sie uns mit Stoff erwischen, nehmen sie uns alles weg und sagen, wir sollen verschwinden." Neben den Drogen nehmen die Beamten ihnen auch alles Bargeld ab, da sie vermuten, dass es sich um Einnahmen aus dem illegalen Verkauf handelt.

Was dann passiert, hängt vom Staatsanwalt ab: Er entscheidet, ob er rechtlich gegen die Person vorgeht. Wenn jemand mehrmals hintereinander mit Drogen in der Tasche verhaftet wird, steigt die Wahrscheinlichkeit. Doch selbst, wenn einer der Männer auf frischer Tat beim Dealen ertappt wird, keine Papiere besitzt und dann aufgefordert wird, das Land zu verlassen, heißt das noch nicht, dass er das auch tut. Einer der Marokkaner erzählt, dass er drei Monate im Gefängnis war und Deutschland dann verlassen sollte. Er ist einfach geblieben. "Wir sind jeden Tag hier", sagt Ayoub. "Wir werden immer hier bleiben."

Die Namen der Interviewten wurden geändert.

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