Frikadelle | Sprachbar | DW | 01.01.1970
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Sprachbar

Frikadelle

"Bulette" hieß bezeichnenderweise die Nilpferddame, die über ein halbes Jahrhundert im Berliner Zoo lebte. Leider ist sie mittlerweile gestorben und für die Frikadelle sieht es auch gar nicht gut aus...

Sieht nicht immer gut aus. Wie es da so in der Glasvitrine ’rumliegt, spärlich dekoriert, ungünstig beleuchtet, dieses gebratene erkaltete Etwas aus Brötchen, Hackfleisch, Ei und Zwiebeln – nein, das sieht nicht immer gut aus. Und auch um die Zukunft sieht es nicht gut aus, des in solch schlechtem Licht liegenden. Die Frikadelle fristet ihre Gnadenbrotzeit.

Noch gehört sie dazu. Jedenfalls in Metzgereien oder Imbissstuben, auch wenn sie da nicht mehr im Vordergrund steht. Aber aus den Kneipen - und die sind ja am nächsten dran am Menschen -, aus den Kneipen ist die Frikadelle fast völlig verschwunden. Die Vitrine verwaist.

Bedeutende Kleinigkeiten

Nichts gegen Kleinigkeiten, sagen die 'Vitrinäre', die Wirte. Knabberzeugs sei jedoch einfacher im 'Handling'. Und Sushi-Häppchen, die seien moderner. Vielerorts stehen 'Tapas ante portas', bereit, der Frikadelle den Garaus zu machen. Die Frikadelle - ein Relikt. Ungehobelt, grobporig, jede ein Einzelstück.

Nicht von ungefähr gemahnt die Frikadelle vom Wortlaut her an ein anderes Stück aus alter Zeit. An die Zitadelle. Auch sie eine wuchtige Unterbrechung der Ebene. Ein Fixpunkt. Die Zitadelle hatte den Nimbus der Uneinnehmbarkeit. Und die Frikadelle? In Lessings 'Nathan der Weise' heißt es: "Jede Kleinigkeit, zu sehr verschmäht, die rächt sich, Bruder.“

Eine große Vergangenheit

Vor dem Frikadellenverschmähen gab es eine Zeit, in der man noch nicht glaubte, dass es im Joghurt Kulturen gibt, die sich mal links und mal rechts drehen, das war die Zeit der fröhlichen Fleischfachverkäuferinnen, die hatten schöne rote Hände, heute tragen sie Einweghandschuhe, und sagen: "Darf es sonst noch was sein?“ Früher gaben sie "Hier, e Sticksche Flaaschworscht“. Zurück zur Frikadelle. Als wenig ging, versuchte man sie zu modernisieren, am Markt zu positionieren. Man reicherte sie an, mit Kräutern, mit Knoblauch, mit Jean Jacques Rousseau, wissend: 'Der Geschmack ist die Kunst, sich auf Kleinigkeiten zu verstehen’.

Allein: die gewaltige Kneipentrias aus dicken Wirten, vollen Aschenbechern und leckeren Frikadellen, sie gehört bald der Vergangenheit an. Und war doch so heimelig. In die Kneipe, da gehörte sie hin, das kleine Nachtmahl, serviert auf pappenen Tellerchen mit Besteck aus feinstem Plastik, alles in unschuldigem Weiß gehalten, bis auf den braunen Klecks Senf, den man manchmal aus einem Tütchen gewissermaßen brrrudelnd herausbriiizzzelte, garniert mit einem irgendwie aufgeschnittenen Gürkchen, manchmal ein Zwiebelring, verirrte Petersiliensträußchen wie ein Grabesgruß.

Ein Bällchen – viele Namen

Schlicht und ergreifend, die so genannte Frikadelle. Ein Ding mit tausend Namen. Mal grob: "Die da, gib mal eine“. Mal federleicht: "Fleeschkischelsche“. So klingt es in der Pfalz, also dort, wo Zärtlichkeit nicht gerade ein Heimspiel hat. Und der Bayer, so als wolle er Vegetarier bekehren, spricht vom 'Fleischpflanzerl'. Der Franke neigt dagegen zum 'Fleischküchla', der Schwabe zum 'Floischküchle'. Das ist süß. Und in Köln hörte man schon einen Kneipengast fragen (Aussprache ohne Gewähr): "Hässe noch en Bremsklotz do?“

Last but not least: die Bulette. Die kommt aus Berlin und als Wort aus dem Französischen, eigentlich aus dem Lateinischen. Wie’s scheint: Die Herkunft des Wortes ist genauso durcheinander gemengt wie der Wortgegenstand. Und wie das klingt! Bulette Das hat so eine schmiegsame Weichheit. Ende der 'Schrippvisite'.

Die Zukunft der Frikadelle

Ja, Bulette. So sagt man in Berlin.... sagt man? Bald muss es heißen: so sagte man. Denn demnächst ersetzt womöglich ein hochdeutscher Rollklops à la sushi das 'Fleeschkischelsche’, und statt 'Bulette’ gibt’s Tofu halb und halb. Noch liegen sie da, die letzten ihrer Art, in der Durchreiche im fahlen Neon, in der Glasvitrine. Aber wie lang noch? Ja, für die Frikadelle geht es gewissermaßen um die Wurst. Die übrigens ist nicht bedroht. Die Wurst hat ja zwei Enden. Die Frikadelle hat ein Ende. Ein baldiges? Fragezeichen.

Fragen zum Text

Eine Frikadelle kann man...

1. …essen.

2. …besichtigen.

3. …lesen.

Wie nennt man die Frikadelle in Berlin?

1. Schrippe

2. Berliner

3. Bulette

Warum ist die Frikadelle vom Aussterben bedroht?

1. Weil die Menschen weniger Fleisch essen.

2. Weil es inzwischen viele modernere und praktischere Snacks gibt.

3. Weil nur noch wenige Menschen wissen, wie man sie zubereitet.

Arbeitsauftrag

Schauen Sie sich Speisekarten in Restaurants oder im Internet an und suchen Sie Gerichte mit den traditionellen Fleischbällchen. Wie werden sie dort genannt? Mit welchen Beilagen werden sie serviert? Welche regionalen Unterschiede gibt es?

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