Freundschaft und Verbot - eine deutsch-brasilianische Schicksalsgemeinschaft in den Wirren des Zweiten Weltkriegs | Meine Oma, das Regime und ich | DW | 05.05.2014
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Meine Oma, das Regime und ich

Freundschaft und Verbot - eine deutsch-brasilianische Schicksalsgemeinschaft in den Wirren des Zweiten Weltkriegs

Als Brasiliens autoritär regierender Präsident Getúlio Vargas 1942 Deutschland den Krieg erklärt, wird die deutsche Kultur in Brasilien verboten. Ein schicksalhafter Entschluss für viele Menschen. Auch für Oma Nena.

Welche Ziele verfolgt das Regime von Getúlio Vargas?

Die so genannte "Ära Vargas" beginnt mit der Revolution von 1930. Nach einem Staatsstreich wird Getúlio Vargas Präsident von Brasilien. Seine Regierung verfolgt zunächst demokratische Ziele. Doch unter dem Vorwand, die "kommunistische Gefahr" zu bekämpfen, schließt Vargas 1937 den Nationalkongress, schafft alle politischen Parteien ab und setzt die Verfassung außer Kraft. Vargas ruft den "Estado Novo" aus, den "Neuen Staat". Es sind die autoritärsten Jahre seines Regimes.

Der "Estado Novo" entsteht in Brasilien in einer Zeit, in der in Europa mehrere autoritäre Regime herrschen. Vargas lässt sich von den Regierungssystemen in Italien und Portugal inspirieren. Er gilt aber auch als Populist. "Die Vargas-Diktatur war nie faschistisch", sagt Jens Hentschke, Professor für lateinamerikanische Geschichte und Politik an der Universität von Newcastle. Beim "Estado Novo" habe es sich um eine sogenannte "autoritär-korporatistische Diktatur" gehandelt - also eine Diktatur, die einerseits absolut herrscht, andererseits aber andere gesellschaftliche Gruppen an politischen Entscheidungen beteiligt. Vargas zerschlägt eigenständige politische Organisationen, gründet gleichzeitig aber auch Gewerkschaften.

Vargas führt einen Mindestlohn ein. Er erlässt ein Strafgesetzbuch. Er etabliert ein Lohnsteuerkartensystem. Er setzt ein Recht auf Urlaub durch. Maßnahmen, die bis heute in Kraft sind. In den Augen vieler Brasilianer hat Vargas ein ehrenvolles politisches Erbe hinterlassen. Doch Vargas trifft auch Entscheidungen, die das Schicksal von Menschen dramatisch verändern. So wie das Leben von Oma Nena.

Welche Folgen hat das Verbot der deutschen Kultur in Brasilien?

Porträtaufnahme von Getúlio Vargas aus dem Jahr 1930 (Foto: Creative Commons / Governo do Brasil)

Im "Neuen Staat" von Präsident Getúlio Vargas gab es keinen Platz für kulturelle Vielfalt

Bis 1942 hat Brasilien zu Deutschland freundschaftliche Beziehungen - sowohl wirtschaftliche als auch politische. Auch mit unheilvollen Folgen. "Es gab eine Kooperation, in der kommunistische Juden nach Deutschland ausgewiesen wurden", sagt die Historikerin Ana Maria Dietrich. Private Korrespondenzen zeigen, dass Vargas Hitler als guten und loyalen Freund sah.

Doch Vargas "Neuer Staat" ist ein politisches Projekt, in dem es keinen Platz für kulturelle Vielfalt gibt. "Die Homogenisierung ethnischer und linguistischer Differenzen war das Ziel", sagt Jens Hentschke. Deshalb lässt Vargas 1938 alle ausländischen Parteien verbieten - unter anderem die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die zahlreiche Mitglieder in Brasilien hatte. "Nach Ansicht der NSDAP wurde Brasilien zum Feind Deutschlands", schreibt Ana Maria Dietrich in ihrem Buch "Nazismo Tropical? O Partido Nazista no Brasil" (Tropischer Nationalsozialismus? Die Nazi-Partei in Brasilien). Vargas habe ja die Partei verboten, die sich als Deutschlands Vertretung sah.

Eine wichtige Aufgabe sieht Vargas in der Nationalisierung der Schulen. Alle ausländischen Schulen werden gezwungen, ihren Namen zu ändern und auf Portugiesisch zu unterrichten. Alle Direktoren müssen Brasilianer sein. Die Deutsche Schule in São Paulo, die Oma Nena besuchte, nimmt diverse Anpassungen an das brasilianische Schulgesetz vor, kann aber den deutschen Unterricht vorerst beibehalten.

Als Brasilien 1942 den Krieg gegen die Achsenmächte Deutschland-Italien-Japan erklärt, verschärft sich der Druck auf die fremdsprachigen Gemeinden. Der ehemalige Direktor der Deutschen Schule, Dr. Gustaf Adolf Hoch, und elf deutsche Lehrer werden verhaftet. Der Deutschunterricht wird komplett gestrichen und die Schule umbenannt in "Instituto Visconde de Porto Seguro". Für Oma Nena und viele ihrer Schulkameraden ist es unmöglich, die Schule auf Portugiesisch zu beenden.

Oma Nena mit ihrer Familie (Foto: privat)

Wie Oma Nenas Familie sind im 19. und 20. Jahrhundert viele Deutsche nach Brasilien eingewandert

Vargas nationalistische Beschlüsse richten sich nicht nur gegen die Schulen. Als Brasilien sich an der Seite der Alliierten positioniert, werden Deutsche entlassen, die an strategischen Positionen arbeiten, zum Beispiel bei Fluggesellschaften. Sie brauchen eine Genehmigung, um umzuziehen oder durch das Land zu reisen. Es ist verboten, Radio auf Deutsch zu hören oder Deutsch in der Öffentlichkeit zu sprechen. Alle kulturellen Aktivitäten unterliegen der Zensur. Deutsche protestantische Kirchen werden von einer aufgehetzten Menge niedergebrannt.

Wie geht es nach dem Krieg weiter?

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verliert Vargas' Diktatur in Brasilien an Kraft und politischer Unterstützung. Dasselbe Militär, das Vargas mehrmals in seiner 15-jährigen Amtszeit zur Seite steht, setzt ihn am 29. Oktober 1945 ab.

Als der Zweite Weltkrieg endet, ist es auch mit Vargas Nationalisierungprojekt in Brasilien vorbei. "Der Krieg führte zu einem zerstörten und geteilten Deutschland, dessen internationale Beziehungen erst schrittweise aufgebaut werden konnten", sagt Jens Hentschke. 1951 nehmen Brasilien und Deutschland wieder diplomatische Beziehungen auf.

Oktoberfest in der brasilianischen Stadt Blumenau (Foto: Marcelo Martins)

In der brasilianischen Stadt Blumenau wird heute das zweitgrößte Oktoberfest der Welt gefeiert

Vargas ist zu diesem Zeitpunkt wieder Präsident von Brasilien. Diesmal aber ein vom Volk gewählter Präsident. "Ich war ein Diktator, weil die Gegebenheiten des Landes mich zur Diktatur führten", sagt er. "Aber ich will jetzt ein verfassungsgerechter Präsident sein."

In der deutschen Gemeinde ist esteilweise immer noch tabu, über das zu sprechen, was in den 1930er und 40er Jahren geschehen ist. Deutschland und die deutsche Kultur werden in Brasilien heute eher geschätzt und respektiert. Brasilien ist inzwischen der wichtigste Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika geworden. Viele junge Brasilianer lernen Deutsch, um in Deutschland zu studieren oder zu arbeiten. Das zweitgrößte Oktoberfest der Welt wird in der - 1850 von Deutschen gegründeten - Stadt Blumenau im Süden Brasiliens gefeiert.