Fremdschämen für Bolsonaro und Brasilien | Deutschland | DW | 14.06.2020
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Krise in Brasilien

Fremdschämen für Bolsonaro und Brasilien

"Brasilien über alles"? 18 Monate nach dem Amtsantritt von Präsident Bolsonaro verkehrt sich dessen Wahlspruch ins Gegenteil. Das einst positive Image ist zerstört, viele Liebhaber des Landes sind verstört.

Brasilien Jair Bolsonaro beim Hot Dog essen (Reuters/A. Machado)

Guten Appetit: Jair Bolsonaro zieht seine Maske runter, um einen Hotdog zu essen

Wenn sie sich mit ihren deutschen Freunden trifft, senkt sie mittlerweile das Haupt. "In gewissen Kreisen schäme ich mich, wenn ich sage, ich komme aus Brasilien," sagt Bianca Donatangelo. "Das war früher nie so."

Die Brasilianerin ist Chefredakteurin von "Tópicos", Vereinszeitschrift der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft (DBG). Genau wie viele andere Landsleute bringt Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sie zur Verzweiflung.

"Er zerstört unser Land, es ist unfassbar traurig", sagt sie im Gespräch mit der Deutschen Welle. Und sie ist sich sicher: "Diesen schlechten Ruf wird Brasilien so schnell nicht mehr los, auch wenn eine neue Regierung kommt."

Deutschland Brasilien Bianca Donatangelo (Stephan Pramme)

Bianca Donatangelo: "Eine unbeschreibliche Traurigkeit"

Vom WM-Gastgeber zum Außenseiter

Der Absturz Brasiliens verläuft atemberaubend. Noch vor zehn Jahren stand das Land kurz davor, Frankreich als fünftgrößte Ökonomie weltweit zu überholen. Mittlerweile ist es auf den zwölften Platz abgerutscht. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt in Brasilien zurzeit ein Drittel unter dem der Chinesen.

"Has Brazil blown it?" (Hat Brasilien es vermasselt?). Bereits im September 2013 thematisierte der britische "Economist" die Krise im größten Land Lateinamerikas. Dabei war der Absturz des Landes zu diesem Zeitpunkt in seinem wahren Ausmaß noch gar nicht absehbar.

Im Gegenteil: Brasilien präsentierte sich als Gastgeber der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016. Und es zeigte sich auch zunehmend selbstbewusst.

Denn durch die Regierungen der Präsidenten Fernando Henrique Cardoso (1995-2003), Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2011) und dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff (2011-2016) hatte Brasilien an internationalem Ansehen gewonnen. 

Cover The Economist Has Brazil Blown it? (The Economist)

Prophetisch: Das Cover der Zeitschrift "Economist" vom 28. September 2013

"Der grüne Riese erwacht"

Das Land beteiligte sich an internationalen UN-Missionen in Haiti, im Kongo und auf den Golanhöhen. Und es war diplomatisch federführend in der Gruppe der aufstrebenden Schwellenländer, den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika).

International am stärksten beachtet wurde die erfolgreiche Armutsbekämpfung mit unterschiedlichen Sozialprogrammen, die rund 30 Millionen Brasilianern zum Aufstieg in die Mittelschicht verhalf. Brasilien-Korrespondent Alexander Busch fasste die euphorische Stimmung im Titel seines 2009 erschienenen Buches zusammen: "Wirtschaftsmacht Brasilien. Der grüne Riese erwacht".

Brasiliens dunkle Seite

Mittlerweile ist die Euphorie verflogen. "Das positive Image ist weg", sagt Friedrich Prot von Kunow, Präsident der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft, der von 2004 bis 2009 Botschafter in Brasilien war.

Der Diplomat sieht zurzeit "keine gesellschaftlichen Fortschritte, sondern eher eine wirtschaftliche Katastrophe". Sein Fazit: "Aus deutscher Sicht ist eine Persönlichkeit wie Bolsonaro überhaupt nicht vorstellbar. Ich tue mich auch persönlich damit sehr schwer."

Für die Brasilianerin Bianca Donatangelo offenbart sich unter der Regierung Bolsonaro die dunkle Seite ihrer Heimat. "In Brasilien werden jeden Tag vier Frauen ermordet und die Diskriminierung von Schwarzen und Indigenen ist tief in der Gesellschaft verwurzelt", erklärt sie. "Doch diese Themen werden gerne verdrängt."

Brasilien Massengräber und Krankenhäuser| Friedhof Vila Formosa in Sao Paulo (picture-alliance/ZUMAPRESS.com/P. Lopes)

Für Brasiliens Präsident nur eine "kleine Grippe": In Sao Paulo werden Massengräber für die COVID-19-Toten ausgehoben

Internationale Isolation

Bolsonaro treibt die internationale Isolierung Brasiliens weiter voran. Wie sein politisches Vorbild US-Präsident Trump droht er damit, das Pariser Klimaabkommen zu verlassen, aus der Weltgesundheitsorganisation auszutreten und die brasilianische Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen.

"Bolsonaro zeigt sich in der Corona-Krise noch radikaler als Trump", meint der Brasilien-Experte Oliver Stuenkel, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität "Fundação Getulio Vargas" (FGV) in São Paulo. "Die Unterzeichnung des Freihandelsabommens zwischen dem südamerikanischen Markt Mercosur und der EU wird dadurch immer unwahrscheinlicher," twitterte er kürzlich.

USA Donald Trump, Jair Bolsonaro und Fabio Wajngarten im Hintergrund (AFP/A. Santos)

Trump und Bolsonaro scheinen mehr Gemeinsamkeiten zu haben als nur ein einnehmendes Lächeln

Deutschland und Norwegen gehen ebenfalls auf Distanz. Sie froren aufgrund des dramatischen Anstiegs der Rodungen im brasilianischen Amazonasgebiet bereits im August 2019 die Gelder für Waldschutz vorübergehend ein. Das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) schaut sich nach neuen Kooperationspartnern im Land um und lässt bestehende Projekte auslaufen.

"Nicht die kalte Schulter zeigen"

Die deutsche Industrie in Brasilien, die Bolsonaro wegen seiner liberalen Wirtschaftsagenda unterstützte, leidet nun selbst unter dem Imageverlust des Landes. "Es ist keine Frage, dass Brasilien und Lateinamerika deutlich unattraktiver geworden sind", erklärte Philipp Schiemer, Chef von Mercedes-Benz do Brasil, in einem Interview mit der deutschen Wirtschaftszeitung "Handelsblatt".

Schiemer sieht jedoch nicht alles negativ: "Die Regierung hat die Arbeitsgesetze flexibilisiert, so dass es bisher nicht zu Massenentlassungen gekommen ist wie in den USA", sagt er. "Und sie hat schnell und effizient finanzielle Nothilfe für die Armen organisiert."

Auch wenn die Brasilianerin Bianca Donatangelo an der Regierung von Bolsonaro nichts Positives finden kann: Sie ist davon überzeugt, dass es falsch wäre, gerade jetzt Brasilien die kalte Schulter zu zeigen. "Man kann wegen der Krise nicht einfach die ganze Geschichte und Kultur des Landes auf den Müllhaufen schmeißen," sagt sie. "Bolsonaro ist nicht Brasilien."

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