Frankreichs junge Arbeitslose - von der EU vergessen? | Wirtschaft | DW | 24.05.2019
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Europawahlen

Frankreichs junge Arbeitslose - von der EU vergessen?

Fast jeder vierte junge Franzose ist arbeitslos. Doch im Europa-Wahlkampf ist das kaum ein Thema. Dieses Manko könnte so manchen von ihnen von den Urnen fernhalten.

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Frankreichs junge Arbeitslose - von der EU vergessen?

Eine Reihe junger Menschen schwärmt in Zweiergruppen in verschiedene Richtungen aus, von Les Halles im Zentrum der französischen Hauptstadt Paris. Sie haben grüne Flyer und große schwarze Pappschilder in der Hand. "Ich lasse nicht die anderen meinen EU-Abgeordneten aussuchen", steht auf den Flyern. Auf die Pappschilder sind kontroverse Zitate europäischer Abgeordneter gedruckt, um Passanten zur Diskussion zu animieren - wie zum Beispiel zur Flüchtlingspolitik. Doch was für die Aktivisten und Aktivistinnen offensichtlich scheint - dass Europa wichtig für die Jugend ist - leuchtet nicht allen jungen Französinnen und Franzosen ein. Denn fast jede(r) Vierte von ihnen ist arbeitslos. So manch eine(r) fühlt sich von der Europäischen Union (EU) alleine gelassen und hat auch keinen Sinn für die anstehenden Wahlen.

"Die EU verschafft uns einen Jobvorteil"

"Europa gehört für mich einfach zur Normalität," sagt Léo Allaire, der sich bei den sogenannten Jungen Europäern um Aktionen wie der an diesem Freitag kümmert. Der Verein setzt sich seit über 30 Jahren für ein demokratisches und föderales Europa ein. Der 21-Jährige studiert angewandte Sprachen an einer Pariser Universität und lernt schon seit Schulzeiten deutsch. Für ihn ist es natürlich, Freunde in Deutschland, Italien und Spanien zu haben. Aber die EU verschaffe jungen Leuten auch einen ganz klaren Jobvorteil: "Ein Freund von mir macht zum Beispiel gerade ein Praktikum in Deutschland, unterstützt vom Austauschprogramm Erasmus. Und es gibt viele andere Initiativen für uns junge Leute, die sich durch EU-Gelder finanzieren. Deswegen ist es ja gerade so wichtig, bei der Wahl mitzuentscheiden", meint er.

Frankreich | Hagar Akhrouf und Marie Pouliquen | Europawahlen (P. Sentenac)

Hagar Akhrouf (links) und Marie Pouliquen von dem Verein der Jungen Europäer. Sie machen Kampagne dafür, dass die Leute in den EU-Wahlen abstimmen.

Ein paar Meter weiter steht die 23-jährige Marie Pouliquen, die Politikwissenschaften mit Schwerpunkt auf Erneuerbaren Energien an der Pariser Universität Sciences Po studiert. Das Motto der Flugblätter steht auch auf ihrem grünen T-Shirt. "Eine Welt ohne die europäische Union kann ich mir nicht mehr vorstellen - das würde ja heißen, jedes Land wäre wieder auf sich allein gestellt", sagt sie mit Nachdruck. Doch Pouliquen hat Schwierigkeiten, ihre Flyer unter die jungen Leute zu bringen, die oft abwinken und weitergehen. Für sie liegt das auch am aktuellen Wahlkampf. "Der ist eine absolute Katastrophe", sagt sie. "Es dreht sich praktisch nur um Nationalismus, und die Politiker vergessen die wichtigsten Themen wie die Jugendarbeitslosigkeit. Dabei sind wir doch Europas Zukunft."

Jugendarbeitslosigkeit kommt im Wahlkampf kaum zur Sprache

Der französische Europa-Wahlkampf ist zum Duell zwischen Europabefürwortern wie dem aktuellen Präsidenten Emmanuel Macron und Europagegnern wie der rechtsradikalen Partei Rassemblement National (kurz RN, ehemals Front National) von Marine Le Pen geworden. Das ist auch eine Konsequenz der monatelangen Demonstrationen der sogenannten Gelbwesten, die das Land noch weiter gespalten haben. Das Thema Jugendarbeitslosigkeit kommt praktisch nicht zur Sprache – weder bei den zwei Favoriten, dem RN und Macrons Partei LREM, noch bei den 32 weiteren Parteien in Frankreich.

Für manch eine(n) junge(n) Arbeitslose(n) trägt das noch mehr dazu bei, dass die EU abstrakt erscheint. Wie zum Beispiel für die Gruppe junger Leute, die an diesem Freitag Nachmittag an einem Seminar im Jugendjobzentrum Mission Locale im Departement Seine-et-Marne bei Paris teilnehmen. Zwar liegt die Arbeitslosigkeit in dieser Gegend etwas unter dem nationalen Durchschnitt, der für Leute bis 25 Jahre gerade 19,2 Prozent beträgt. Aber einfach ist die Jobsuche dennoch nicht, sagt Inès Hadbi, die seit Monaten nach einer Stelle im Verwaltungsbereich sucht. Anders als die Studierenden des Vereins der Jungen Europäer hat sie noch nie von Austauschprogrammen wie Erasmus gehört - genauso wie die anderen Teilnehmer des Seminars, von denen einige die Schule nicht fertig gemacht haben.

Frankreich | Inès Habdi (P. Sentenac)

Inès Habdi, die im Seine-et-Marne-Department bei Paris einen Job sucht.

Von der EU "alleine gelassen"

"Ich fühle mich von der EU alleine gelassen", meint die 19-Jährige. "Wir können uns nur selbst helfen. Wenn wir einen Job finden, ist das aus eigener Kraft und nicht etwa, weil die EU etwas für uns tut. Europäische Politiker sehen uns doch gar nicht. Wir sind ihnen egal."

Neben ihr sitzt der 19-jährige Roméo Oaw, der Polizist werden will. Für ihn ist die EU alles andere als präsent. "Ich komme aus einem Dorf mit 300 Einwohnern" , sagt er. "Bei uns ist zwar das europäische Logo an allen öffentlichen Gebäuden, aber das bedeutet gar nichts. Was zählt, sind - wenn überhaupt - lokale Initiativen."

Europas begrenzter Handlungsspielraum?

Weder Hadbi noch Oaw haben vor, bei den europäischen Wahlen ihre Stimme abzugeben. Christopher Dembik, Ökonom bei der Saxo Bank in Paris, kann verstehen, dass die EU den jungen Leuten weit weg erscheint. Aber er meint, das liege auch daran, dass deren Handlungsspielraum beschränkt sei.

"Die EU kann lediglich über Strukturfonds Gelder zur Verfügung stellen. Aber ihre Programme sind doch nicht auf einzelne Länder, Bevölkerungsgruppen oder gar Klassen gemünzt", sagt er. "Europa gibt eine Richtung vor, aber es ist an den nationalen Regierungen, konkret zu handeln." Frankreich habe es dabei besonders schwer, weil seine Geburtenrate so hoch sei. Deswegen müsse das Land umso mehr Stellen schaffen, um seine Jugendarbeitslosigkeit zu senken.

Frankreich | Christopher Dembik, Ökonom der Saxo Bank in Paris (P. Sentenac)

Christopher Dembik, Ökonom der Saxo Bank in Paris

Hagar Akhrouf, Vizepräsidentin der Jungen Europäer, findet dennoch, dass EU-Programme viel zu ihrer Qualifikation beitragen können. Aber sie gibt zu, dass diese noch ausgeweitet werden müssten, um mehr Jugendliche zu erreichen und zu überzeugen.

"Hier gibt es so viel Kreativität", sagt die 24-Jährige, die Europawissenschaften an der Pariser Sorbonne-Universität studiert. "Wir könnten locker mit dem Start-up-Paradies Silicon Valley mithalten. Wir sind jung, dynamisch und haben Potenzial. Aber damit wir das voll nutzen können, muss die EU uns mehr unterstützen."

Doch ob solche Programme auch vielen Jugendlichen ohne Universitätsabschluss in den Job helfen werden, ist fraglich. Unter Nicht-Diplomierten ist die Arbeitslosigkeit in Frankreich bis zu viermal so hoch wie unter Diplomierten.

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