„...for future“ ist Anglizismus des Jahres | Deutschlehrer-Info | DW | 29.01.2020
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Deutschlehrer-Info

„...for future“ ist Anglizismus des Jahres

Der Slogan „Fridays for Future“ ist längst in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen. Jetzt wurde „…for future“ zum Anglizimus des Jahres gekürt.

Die Kernbegriffe der neuen weltweiten Klimaschutzbewegung ziehen ihre Kreise in ganz Europa. In der Schweiz kürten Fachleute aus verschiedenen Disziplinen das Wort „Klimajugend„ zum Wort des Jahres. In Deutschland konnte bei diesem Wettbewerb der Slogan „Fridays for Future„ immerhin Platz 3 verbuchen. Als Unwort des Jahres machte dafür „Klimahysterie“ das Rennen.

Und jetzt wurde von einer unabhängigen Jury das politisch nachhaltige Wortkonstrukt „…for future“ als Anglizismus des Jahres 2019 ausgewählt. Damit wollen sie darauf aufmerksam machen, dass auch neuere Sprachschöpfungen wie „Grandparents for Future“ oder „Scientists for Future“ das Anliegen der Klimaschutzbewegung nachhaltig vorantreiben. Auf Platz 2 kam der Internetkampfbegriff „OK Boomer“, auf Platz 3 „Deepfake“ - ein Wort, das durch künstliche Intelligenz manipulierte Bild- und Tondateien bezeichnet, die Menschen gefälschte Zitate in den Mund legen.

Anglizismen als weltweiter Fokus

Solche politisch relevanten Anglizismen würden sich über die sozialen Medien äußerst rasant und global verbreiten, sagt der Juryvorsitzende Anatol Stefanowitsch. Und damit seien sie auch automatisch Teil der deutschen Sprache geworden. 2016 waren es „Fake News“, damals noch frisch importiert aus der US-amerikanischen Medienwelt. Heute gehören diese beiden Worte fest zur deutschen Sprache und sind sogar im Online-Duden als Begriff für verfälschte, manipulierende Nachrichten verzeichnet.

Das Wort Fake News aus Zeitungsbuchstaben (imago/Christian Ohde)

Längst Bestandteil der deutschen Sprache: Fake News

Anatol Stefanowitsch hat die Initiative für den Anglizismus des Jahres im Jahr 2010 ins Leben gerufen. Als Sprachforscher sieht er in solchen Begriffen nicht nur einen „positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung des deutschen Wortschatzes“. Systematisch würde auch ausgewertet, welche Begriffe nur Modeworte sind und welche sich nachhaltig in den deutschen Sprachschatz einbürgern. „Manchmal gibt es Wörter, die kommen sehr häufig vor, spiegeln aber nur ein einziges Thema, das kurz und heftig diskutiert wird. Die schließen wir dann aus“, sagt er im DW-Interview.

An der Berliner Freien Universität (FU) beschäftigt er sich intensiv mit der gesellschaftlichen Relevanz solcher neu-deutschen Wörter und Begriffe. „Überschriften und Schlagwörter in Zeitungen waren schon lange vor der Zeit des Internets und der sozialen Medien Blickfang“, berichtet er aus seiner Sprachforschung. „Und sie haben eine bestimmte Art der sprachlichen Kreativität, aber auch der Floskelhaftigkeit befördert, weil in der Überschrift sofort das Interesse geweckt werden musste, den Artikel zu lesen. Das ist heute nicht anders.“

Vom Shitstorm zum Gendersternchen

Die ausgewählten Anglizismen spiegeln seit 2010 auch immer gesellschaftliche Veränderungen wieder. Das frisch gekürte „…for future“ ist da eine Ausnahme, eine sogenannte Phraseoschablone, wie die Sprachwissenschaftler das nennen. Das bezeichnet eine griffige, einprägsame Formulierung, die variabel und immer wieder neu mit einem entsprechenden Wort davor eingesetzt werden kann.

 Greta Thunberg, schwedische Klimaaktivistin (Getty Images/R. Patrick)

Klima-Aktivistin: Greta Thunberg hat mit "Fridays for Future" weltweit Debatten zum Klimaschutz ausgelöst (hier 2020 in Lausanne)

Die Stockholmer Schülerin Greta Thunberg hatte das Schlagwort „Fridays for Future“ erstmals 2018 über Twitter in die Welt geschickt. Von da an prägte es weite Teile der globalen Klimaschutzbewegung, vor allem mit dem Hashtag #fridaysforfuture, der auch in Deutschland viele Anhänger und Demonstranten auf die Straße brachte.

Dass es auch umgekehrt als Anti-Begriff zu den politischen Zielen der Klimaaktivisten eingesetzt und damit konterkariert werden kann, zeigt die Gegenbewegung der notorischen Autofahrer in Deutschland „Fridays for Hubraum“, die damit am Freitag ebenso auf die Straße gingen. Dieser Slogan konnte sich allerdings in anderen europäischen Ländern oder international nicht weiter durchsetzen: Deutschland ist offenbar immer noch Autofahrerland.

Sprache als Spiegel der Politik

Buch-Cover LTI von Victor Klemperer

Weltberühmt: „Das "LTI“ des Romanisten Victor Klemperer zur Sprache des Dritten Reiches

In Deutschland hat Sprachforschung als Spiegel der gesellschaftspolitischen Entwicklungen historische Tradition. Der Dresdner Romanist Victor Klemperer, als jüdischer Wissenschaftler von der Gleichschaltung der Nazis betroffen und mit Berufsverbot belegt, veröffentlichte in der Nachkriegszeit eine detaillierte Studie über die Sprache der Nationalsozialisten im sogenannten Dritten Reich unter dem Titel „Lingua Tertii Imperii/LTI“. Er demaskierte 1947 mit seinem international beachteten Werk die nachhaltig perfide Propagandawirkung des NS-Sprachgebrauchs.

In der Tradition Klemperers arbeitet auch die Gesellschaft für deutsche Sprache, die seit 1971 jedes Jahr das „Wort des Jahres“ kürt. Die Liste soll jeweils den Nerv der Gesellschaft treffen und mittels dieses Wortes auf bestimmte Missstände oder politisch wirksame Zusammenhänge aufmerksam machen. 2019 machte das Wort „Respektrente“ das Rennen. Damit bezeichnet Bundesarbeitsminister Hubertus Heil eine Grundrente für Personen, die 35 Jahre erwerbstätig waren und trotzdem nur eine Rente unterhalb des Existenzminimums beziehen.

Andere politisch brisante Reizwörter, die in den letzten Jahren auf Platz 1 landeten, waren: „GroKo“, „Wutbürger“, „Rettungsroutine“, „Abwrackprämie“. In den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts spiegeln Worte des Jahres wie: „Reisefreiheit“ (1989), „Besserwessi“, „Sparpaket“, „Politikverdrossenheit“ und „Reformstau“ die politische Realität im wiedervereinigten Deutschland wieder.

 

Sprache der Globalisierung: Englisch

Die Jury, die in diesem Jahr den Begriff „...for future“ auf das Siegertreppchen gehoben hat, arbeitet eng mit der Duden-Redaktion zusammen. Sprachforscher Anatol Stefanowitsch ist stolz darauf, dass die meisten Anglizismen ihrer Wahl längst integrierter Bestandteil im Online-Lexikon „Die deutsche Rechtschreibung" sind. "Wir haben eine relativ hohe Trefferquote“, merkt er an. "Aber die Duden-Redaktion ist inzwischen auch sehr nah am Puls der Zeit.“

Inzwischen wählt die Jury auch Wörter aus, die eigentlich gar keine spezifisch deutsche Anglizismen sind, sondern sich vom Englischen aus gleich in den weltweiten Sprachgebrauch verbreitet haben.

„Das hat damit zu tun, dass das Englische sowieso die Sprache der Globalisierung ist", erklärt Stefanowitsch im DW-Interview. „'Influencer' ist auch so ein Wort, was global entlehnt worden ist. Wir sind als Sprachgemeinschaft, sobald wir online sind, eben keine abgeschlossene mehr, sondern haben immer mehr Durchlässigkeit zu allen anderen Sprachen."

Sein Lieblingsverlierer bei den vergangenen Wahlen zum Anglizismus des Jahres ist übrigens „Hipster“, im Deutschen mittlerweile fast schon ein Spottbegriff - für extravagante Szenetypen mit modischem Vollbart.

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