Flüchtlinge im ″Feindesland″: Exil-Türken in Thessaloniki | Europa | DW | 18.06.2018
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Europa

Flüchtlinge im "Feindesland": Exil-Türken in Thessaloniki

In der Schule haben sie gelernt, die Griechen seien "Feinde". Jetzt haben viele Exil-Türken in Thessaloniki Zuflucht gefunden. Florian Schmitz hat einige von ihnen getroffen.

Der Fastenmonat Ramadan ist vorbei. Auf dem Tisch einer kleinen Einzimmerwohnung in Thessaloniki stehen Baklawa und Nüsse. Draußen ist es schwül. Drei türkische Freunde trinken schwarzen Tee und unterhalten sich über die Zukunft. Es ist der erste Tag, an dem sie wieder vor Sonnenuntergang essen - nach dem Fasten. Eigentlich sei es wie zu Hause, sagt ein 29-jähriger Steuerberater aus Izmir. "Die Kulturen ähneln sich sehr", meint auch ein 42-jähriger Englischlehrer aus dem ostanatolischen Diyarbakir, der ihm gegenübersitzt. "Wir haben dasselbe Essen und ähnliche Umgangsweisen. Und wenn mir auf Griechisch ein Wort nicht einfällt, dann nehme ich einfach das türkische Wort und hänge ein 'i' an. Das funktioniert meistens." 

Er ist vor zwei Jahren nach Thessaloniki gekommen. Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei am 16. Juli 2016 war er einer der ersten, die den Anti-Terror-Maßnahmen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Opfer fielen: "Ich habe an einer staatlichen Universität Englisch unterrichtet und war Mitglied einer Gewerkschaft. Wir haben alle unsere Arbeit verloren." Seitdem stehen er und seine beiden Freunde auf einer Liste. Sie werden mit der Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht und sind für Erdogan somit vor allem eines: Terroristen. Viele von ihren Familienmitgliedern sitzen ohne rechtskräftiges Urteil in türkischer Haft. Auch deswegen wollen die Drei anonym bleiben. 

Griechenland türkisches Leben in Thessaloniki | Seltenheit: zweisprachiges Schild (DW/F. Schmitz)

Eine Seltenheit: Zweisprachige Schilder in Lokalen

Wenige Türken in Griechenland wählen

Wie viele Türken sich derzeit in Griechenland aufhalten, ist schwer zu sagen. Viele sind nicht registriert und halten sich bedeckt. Türkische Staatsbürger, die in Griechenland leben, wurden aufgefordert, am Wochenende ihre Stimme abzugeben für die vorgezogenen Wahlen am 24. Juni. Bei der Volksabstimmung 2017 gaben von den damals 10.556 wahlberechtigten Türken in Griechenland gerade einmal 797 ihre Stimme ab. Und auch diesmal tummelten sich vor allem die üblichen Touristen aus dem Nachbarland um das Konsulat in Thessaloniki, das im Geburtshaus von Mustafa Kemal Atatürk beherbergt ist - vor allem ein Ziel für regierungskritische Türken.

"Wenn ich mich im Konsulat blicken lassen würde, würde man mich sofort verhaften", gibt der Englischlehrer zu bedenken. Wählen könnte er ohnehin nicht, da man seinen Reisepass für ungültig erklärt hat. Viele Türken in Griechenland würden nicht wählen gehen, weil sie sich lieber bedeckt hielten, sagt er: "Sie haben überall Leute vom Geheimdienst, die nach uns suchen. Auch deswegen sprechen wir in der Öffentlichkeit untereinander kein Türkisch." Von den griechischen Behörden fühle er sich aber gut behandelt.

Spannungen zwischen Griechenland und Türkei 

Griechenland und die Türkei sind in einem Dauerstreit. Zwei griechische Soldaten sind immer noch in türkischer Haft, nachdem sie, nach eigenen Angaben, unbeabsichtigt die Grenze passiert hatten. Im Mai hatte ein Gericht einem der acht Soldaten, die nach dem Putschversuch per Helikopter nach Griechenland geflohen waren, das Recht auf Asyl zugesprochen. In der Türkei könnten die Soldaten nicht auf einen fairen Gerichtsprozess hoffen, so die Urteilsbegründung - eine weitere Belastungsprobe für die Beziehungen zwischen Athen und Ankara.

Doch nicht nur deswegen kommen viele Exil-Türken nach Thessaloniki. Der türkische Journalist Ragip Duran lebt seit zwei Jahren in der Stadt. Es liege am generellen Klima und der gemeinsamen Geschichte: "Thessaloniki war im Osmanischen Reich die zweitgrößte Stadt. Es gibt kollektive Erinnerungen. Außerdem ist es geografisch sehr nah." Und vor allem der letzte Aspekt scheint zumindest der Grund zu sein, dass türkische Asylsuchende in Thessaloniki ankommen. So auch ein 35-jähriger Bauingenieur, neben dem Englischlehrer und dem Steuerberater der Dritte im Bunde. Er lebt hier mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Wenn möglich, würde er gern nach Kanada oder nach Südafrika, doch er fühlt sich wohl in Griechenland.

Griechenland türkisches Leben in Thessaloniki | türkisches Konsulat (DW/F. Schmitz)

Exil-Türken meiden das Konsulat in Thessaloniki

Gülen-Bewegung im Zwiespalt   

Der französischen Zeitung Libération erzählte ein türkischer Dolmetscher in Thessaloniki, dass die griechische Asylbehörde seit Januar etwa zwei bis drei Familien pro Tag interviewe -  alles Mitglieder der Gülen-Bewegung, die sich selbst als offen und dialogbereit definiert. Man lege Wert auf Bildung und Austausch, sagt der Englischlehrer. Gülen-nahe Institutionen würden Stipendien vergeben und manchmal sogar Geld schicken, um Gülen-Türken im Exil zu unterstützen. Dass Gülen hinter dem Putschversuch steckt, glaubt er nicht: "Er würde so etwas nicht unterstützen. Er will eine gute Beziehung zur Regierung. Vielleicht gibt es Einzelne innerhalb der Bewegung, die den Putsch unterstützen, aber mehr auch nicht."        

Ragip Duran hingegen sieht die Gülen-Bewegung kritisch: "Gülen zeigt nach außen einen offenen Islam, aber das ist nicht wahr. Es geht hier auch um Nationalismus, eine politische und keine sozial-kulturelle Bewegung. Einige in der Türkei nennen sie die 'Trotzkisten' des Islams, weil sie das System von innen infiltrieren, vor allem die Verwaltung, die Medien und Bildungsinstitute." Wohl auch deswegen sei Erdogan hinter den Gülen-Anhängern her. Seine frühere, enge Bindung zu Fetullah Gülen leugnet der türkische Präsident heute.   

"Brücke zwischen Türken und Griechen"

Trotz der politischen Probleme sei der Kontakt zwischen Türken und Griechen in der Regel freundschaftlich: "Viele hier helfen uns" , berichtet der Englischlehrer über die Menschen in Thessaloniki. In der Schule habe er gelernt, dass die Griechen Feinde seien. "Ich kann wirklich sagen, dass ich von den Griechen Menschlichkeit gelernt habe. Vor allem, wenn ich sehe, wie gut viele hier mit Geflüchteten umgehen. In der Türkei ist das ganz anders."

So hat Erdogans aggressive Politik, die viele Türken ins Exil getrieben hat, einen ungewollten Nebeneffekt, auch für den türkischen Englischlehrer in Thessaloniki: "Es wächst eine Brücke zwischen den Türken und den Griechen. Wir lernen, Vorurteile und historische Missverständnisse zu überwinden."

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