Festnahmen an Istanbuler Uni: ″Einen Krieg kann man doch nicht feiern″ | Welt | DW | 27.03.2018
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Türkei

Festnahmen an Istanbuler Uni: "Einen Krieg kann man doch nicht feiern"

Die türkische Regierung lässt Studenten der renommierten Istanbuler Bosporus-Uni festnehmen. Sie hatten gegen den Kriegseinsatz in Syrien protestiert. Präsident Erdogan nennt sie "Terroristen". Von Julia Hahn, Istanbul.

Türkei Bosporus Universität (Getty Images/AFP/O. Kose)

Die Istanbuler Bosporus-Universität

"Sie haben uns beschimpft und uns wie Verbrecher in den Polizeiwagen gezerrt", sagt Tilbe Akan. Sie spricht schnell und wirkt dabei, als könnte sie selbst noch nicht fassen, was sich derzeit auf dem Campus ihrer Hochschule abspielt. Akan ist 23 Jahre alt, trägt Jeans, Khaki-Bluse und eine weinrote Strickjacke. Sie ist eine von etwa 20 Studierenden der Istanbuler Bosporus-Universität, die in den vergangenen Tagen festgenommen wurden - wegen Kritik am türkischen Militäreinsatz in Nordsyrien. Tilbe Akan kam nach gut acht Stunden Polizeigewahrsam wieder frei. Doch mehrere ihrer Kommilitonen sind nach wie vor in Haft.

Bei zwei Razzien in den vergangenen Tagen stürmten Sicherheitskräfte nach Angaben von Anwalt Inayet Aksu mehrere Schlafsäle auf dem Universitätsgelände und eine Wohnung. "Sie kamen gegen 6 Uhr morgens und waren schwer bewaffnet. So etwas hat es an dieser Uni seit mehr als 15 Jahren nicht gegeben", so Aksu. Die staatliche "Boğaziçi Üniversitesi" oder Bosporus-Universität gehört zu den renommiertesten Hochschulen des Landes. Hier haben Politiker, Manager, Künstler studiert. Auch bei Austausch-Studenten aus der ganzen Welt ist die Uni beliebt.

Unter den jetzt Festgenommenen: mehrere Mitglieder der marxistischen Studierendenvereinigung "Marksist Fikir Topluluğu". Auch Tilbe Akan, die Sprachen, Literatur und Film studiert, ist dort seit Jahren Mitglied. Sie wurde festgenommen, als sie gegen die Razzien demonstrieren wollte und erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. "Sie haben uns geschlagen, auch auf den Kopf. Einer hat jetzt eine angebrochene Nase. Wir alle haben uns ein ärztliches Attest besorgt", sagt sie und zeigt auf die hellroten Schrammen an ihrem Handgelenk.

Studenten sagen "Nein" zum Krieg

Grund für die Festnahmen waren offenbar Auseinandersetzungen auf dem Uni-Campus am 19. März - einen Tag, nach der Einnahme der nordsyrischen Stadt Afrin durch die türkische Armee und verbündete FSA-Milizen. Eine Gruppe von Studenten hatte an einem Stand Süßigkeiten verteilt, die sie zum Gedenken an die gefallenen türkischen Soldaten "Afrin delight" genannt hatten. Eine andere Gruppe vor allem linker Studenten konfrontierte sie mit Anti-Kriegsbannern. "Nichts Süßes für Besatzung und Massaker", stand darauf.

 "Wir wollen keine Terroristen an unserer Universität", schreiben Studierende auf Twitter.

"Einen Krieg kann man doch nicht feiern", sagt Akan entschlossen. So richtig habe der Ärger aber erst begonnen, als die Bilder ihres Protest-Banners in die sozialen Medien gelangten. "Plötzlich wurden wir als Terroristen und PKK-Unterstützer beschimpft. Uns wurde vorgeworfen, wir hätten die türkische Nation und die gefallenen Soldaten beleidigt".

"Gute" Jugend - "schlechte" Jugend?

Tilbe Akan (DW/J. Hahn)

Vorübergehend festgenommen: Studentin Tilbe Akan

Ähnlich argumentiert die Universitätsleitung. In einer Erklärung verurteilt der Rektor die Proteste der Kriegsgegner. "Wir tolerieren keinen Terrorismus", heißt es in dem Schreiben. "Diese paar Leute repräsentieren nicht die gesamte Universität". Parallel zu den polizeilichen Ermittlungen habe man ein Disziplinarverfahren gegen die Studierenden eingeleitet. Der neue Rektor der einst als besonders liberal bekannten Bosporus-Universität ist seit 2016 im Amt - persönlich ernannt von Präsident Erdoğan.

Auch der hat sich inzwischen in die Debatte eingemischt. Die Antikriegs-Aktivisten seien "kommunistische Verräter", die versucht hätten, eine Aktion der "religiösen, nationalistischen Jugend" zu stören, sagte Erdogan am Wochenende in einer Rede vor Anhängern seiner islamisch-konservativen AKP in Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste. "Wir werden dieser terroristischen Jugend nicht das Recht geben, an unseren Universitäten zu studieren", so Erdogan weiter.

Kontrolle über Schulen und Unis

"Seit Erdogan diese Rede gehalten hat, geraten immer mehr Personen ins Visier", sagt Anwalt Inayet Aksu. Bei einer zweiten Razzia seien weitere Studenten festgenommen worden. "Wie kann er diese jungen Leute öffentlich als Terroristen brandmarken ohne jeglichen Beweis? Damit macht sich der Präsident zum Richter".

Tilbe Akan glaubt, die Festnahmen seien kein Zufall. "Erdoğan nutzt diesen Krieg, um die gesamte Opposition zum Schweigen zu bringen. Er nutzt ihn, um uns die Meinungsfreiheit zu nehmen und unseren Unis ihre Autonomie", so Akan. "Er will eine engstirnige Generation heranziehen, die nur eine Meinung kennt: seine. Und deshalb will er die Schulen und Unis kontrollieren".