Fernost in Deutschland: Japantag in Düsseldorf | Kultur | DW | 26.05.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Fernost in Deutschland: Japantag in Düsseldorf

Sushi, Origami und Manga - das alles mag nach einem ganz normalen Nachmittag in Tokyo oder Osaka klingen. Aber einmal im Jahr können Japan-Fans die Kultur des Landes der aufgehenden Sonne auch im Rheinland genießen.

Düsseldorf hat den Ruf, die größte Exilkommune von Japanern in Europa zu haben. Einst war dem auch so, doch mittlerweile wird geschätzt, dass in Paris mit etwa 15.000 Japanern fast doppelt so viele wie in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens leben. Davon lässt sich Düsseldorf aber nicht abhalten und würdigt seine multikulturelle Community aus Asien bis tief in die Nacht. Schließlich kennt man in ganz Nordrhein-Westfalen mittlerweile das japanische Feuerwerk, das den Japantag in Düsseldorf in der Nacht abrundet. Doch der ganze Tag hat es in sich.

Beengte Verhältnisse

Wer viel in den sozialen Medien unterwegs ist, kennt virale Videos von U-Bahnen in Tokyo. Die Menschen in den Zügen erinnern an Sardinen in der Dose - bis zum Rande voll gestopft. Beim Japantag ist das nicht viel anders. Die Züge aus ganz NRW sind brechend voll. Ihr Ziel: das Düsseldorfer Rheinufer, wo die meisten Bühnen, Stände und Events zum Japantag zu finden sind.

Erste Station direkt nach dem Hauptbahnhof ist die Immermannstraße hinter dem Bahnhofsvorplatz. Hier ist im Prinzip jeden Tag Japantag. Das japanische Viertel mit all seinen Sushi-Restaurants, Karaoke-Bars, japanischen Supermärkten, Buchläden und sogar einem Hotel, zeigt die ganze Gastfreundschaft Japans. "Little Tokyo" wird das Viertel in Touristenbüchern gerne genannt.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Die Immermannstraße in Düsseldorf wird auch "Little Tokyo" genannt

Die alleenhafte Straße ist nach dem deutschen Dramatiker Karl Leberecht Immermann benannt, und am Japantag wird aus diesem Straßennamen eine lebendige Metapher. Hunderte Manga-Fans wandern diesen Kilometer hoch und runter in sogenannten "Cosplay" Outfits - das sind aufwendige Kostüme, die direkten Bezug auf japanische Anime-Filme und die dazu gehörigen Computerspiele nehmen.

Die Accessoires und Requisiten sind so ausgefeilt, dass man sie sich durchaus auch auf den bekannten Theaterbühnen der Stadt vorstellen könnte. Cosplay ist nämlich keineswegs eine halbherzige Karnevalskostümierung sondern ein ernsthaftes Hobby.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Zum Cosplay gehören viel Hingabe und Liebe am Detail

Manga-Stars umarmen

Unter den tausenden von Cosplayern ist auch Sara, die sich als Prinzessin Serenity aus der Manga-Serie "Sailor Moon" verkleidet hat. Seit drei Jahren kommt sie jedes Jahr zum Japantag. Genauso lang macht sie auch Cosplay. Dabei wirkt sie schon wie ein Profi, zeigt Posen wie ein erfahrenes Catwalk-Model.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Saras Sailor-Moon Kostüm begeistert das Publikum

"Ich liebe es, jemand anderes zu sein und in eine andere Welt zu steigen", erklärt sie. Trotz der professionellen Austattung wirkt Sara keineswegs unnahbar. Die Manga-Fans sehen sich nicht als Subkultur, sie wollen stolz ihre Interessen mit der Welt an einem Tag wie diesem teilen, teilweise auch recht körperlich: Sara und auch viele andere Cosplay-Fans tragen selbstgemachte Schilder und Masken, auf denen "Free Hugs" - also "Umarmung umsonst" - steht.

"Sowas sieht man bei Anime und Manga-Convention immer," schwärmt Besucher und Fan Kai. "Wir umarmen uns viel. Warum? Warum nicht? Weil wir es halt können. Und heute ist erst die Aufwärmphase. In zwei Wochen findet hier in Düsseldorf die größte Anime-Convention in Deutschland statt", erzählt er mit Begeisterung und kündigt an, dass er auch mit dabei sein wird. Eine Umarmung bietet er am Ende des Gesprächs jedoch nicht an.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Entlang des Rheinufers reihen sich die Bühnen, Stände und Märkte des Japantags dicht aneinander

Kreative Sportarten

Die Cosplay Gemeinde muss sich die Aufmerksamkeit der Besucher jedoch mit den traditionelleren, kulturellen Angeboten Japans teilen. Man kann an der Rheinpromenade japanische Touristenziele kennenlernen, sich mit Ikebana, der japanischen Kunst, Blumen zu binden, vertraut machen, oder auch Origami lernen. Herr Osuga arbeitet heute ehrenamtlich an einem der Stände, an denen Besucher die penible, japanische Papierfaltkunst erlernen können. Ihm liege das Origami im Blut, sagt er: "Wir lernen das schon in der frühen Kindheit in der Schule. Das Ganze hat viel mit Mathematik zu tun. Beim Origami berechnet man einfach die einzelnen Schritte im Voraus und faltet das Papier dementsprechend."

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Origami sieht nicht nur hübsch sondern wird auch von Japanern sehr ernst genommen - fast so wie ein Denksport

Wie lange er schon Origami mache, könne er nicht sagen. Das gehöre einfach zur Kultur dazu. "Manche machen das bei uns jeden Tag. Ich bin faul. Ich mach das einmal im Jahr am Japantag", spaßt er. Herr Osuga nimmt jetzt zum vierten Mal am Japantag teil. 

Andere waren bei jedem der 18 Japantage mit von der Partie. Von Anfang mit dabei ist zum Bespiel die Düsseldorfer Taiko-Truppe "Wadokyo". Bei Taiko handelt es sich um japanisches Trommeln, das nicht nur imposant klingt sondern auch gut aussieht. Dafür braucht man nämlich richtig gute Muskeln, da weit ausgeholt und feste auf die Trommeln geschlagen wird. Das Ganze sieht eher nach einem athletischen Sport aus als nach einer reinen, alten Musikform aus dem fernen Osten.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Robert (l.) und Andreas (r.) machen schon seit Jahren in der Taiko-Formation Wadokyo mit

Robert, der seit 15 Jahren bei Wadokyo mitmacht, grinst nach dem Auftritt verschwitzt: "Wir haben natürlich alle eine große Affinität zu solchen Sachen aus Asien und machen deshalb auch mit Begeisterung mit." Der Bandname Wadokyo bedeute "schöner Klang, der in den Himmel steigt", fügt er hinzu. Ja, die japanische Sprache schafft so viel Poesie mit nur drei Silben. 

Optimismus und Humor

Wer möchte kann am Japantag in Düsseldorf auch selbst ein paar japanische Vokabeln erlernen und sich ausgiebig über die drei verschiedenen Alphabete der Sprache - Kanji, Hiragana und Katakana - aufklären lassen. Es ist anstrengend, doch die Lehrer sind bester Dinge.

"Japanisch ist ganz leicht", scherzt Herr Ikeda, nach einem ausgebuchten und auch recht ausgelassenen Crashkurs in japanisch auf der Rheinpromenade. "Kaffee ist bei uns 'ko-hi', Wein ist bei uns 'Wa-in' und Eiskrem ist 'A-isu-ku-rimu', und jeder kennt Toyota. Klingt alles ganz normal, ganz Englisch", behauptet er und gluckst freudig. Man merkt, dass er diesen Witz nicht zum ersten Mal gerissen hat, und dennoch lacht er aus vollem Herzen.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (DW/S. Sanderson)

Unschöne Aspekte wie hier das Delphinmorden oder die Zukunft Fukushimas werden nur am Rande thematisiert

Überhaupt ist es beeindruckend, wie viel Schalk und Optimiusmus den Besuchern hier entgegen schlägt: haben doch die Menschen und die Kultur Japans viel Krieg, Zerstörung und Leiden überstehen müssen. Aber der Japaner ist Optimist; an einem Stand entlang der Düsseldorfer Rheinpromenade wird sogar die Zukunft Fukushimas beworben. In dem Brachland sollen ein Jahrzehnt nach dem Super-GAU Windparks und weitere Zukunftsprojekte entstehen. Man will aus der Katastrophe irgendwie doch noch etwas Positives gewinnen und Hoffnung schöpfen, wieder lachen können. Schließlich ist es Japan das Land des Lächelns.

Deutschland Japantag in Düsseldorf (picture-alliance/dpa/D. Young)

Ein krönender Abschluss zum Japantag: über den Dächern Düsseldorfs "regnet" das japanische Feuerwerk

Die Kunst und Kultur des Landes, die Tradition und die Moderne, der Erfindungsreichtum und der herzliche Umgang mit anderen Kulturen bilden eine Basis, zu der viele Europäer sich hingezogen fühlen - zumindest legt das die Besucherzahl von über über 600.000 am Japantag nahe. Einen Tag nur Lächeln und lieber an Morgen statt an Gestern denken. Davon könnten sich die Europäer durchaus eine Scheibe abschneiden.

Wie die meisten Besucher lässt auch Herr Ikeda den Tag bei einem Glas "Wa-in" oder einem Becher "A-isu-ku-rimu" ausklingen, mit Blick auf das japanische Feuerwerk am Nachthimmel. Ich bin mir sicher, es steht ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema