Fatale Kombination: Armut und Naturkatastrophe | Afrika | DW | 05.09.2013
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Afrika

Fatale Kombination: Armut und Naturkatastrophe

Unter den Folgen von Naturkatastrophen haben besonders die Menschen in Subsahara-Afrika zu leiden - so das Ergebnis des Weltrisikoberichts 2013. Ein Grund liegt in der schlechten Gesundheitsversorgung.

In Senegal geht gerade die Regenzeit zu Ende, in den Straßen der Hauptstadt Dakar steht das Wasser kniehoch, längst ist es in die Wohnhäuser eingedrungen. Eltern haben Angst, dass ihre Kinder an Durchfall, Malaria oder Cholera erkranken. Einen Arzt oder Medikamente können sie sich nicht leisten. Und so ist das Katastrophenrisiko hier relativ hoch - obwohl es in Senegal weder Wirbelstürme noch Erdbeben gibt. Das Land hat aber schlichtweg kein Geld, um seine Einwohner mit Abwasserkanälen und einem guten Gesundheitssystem vor den Folgen starker Regenfälle zu schützen.

Überschwemmungen in Überschwemmungen in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou (Foto: dpa- Bildfunk)

Überschwemmungen in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou

Ein Naturereignis wird demnach erst dann zur Katastrophe, wenn Menschen dabei zu Schaden kommen, sterben oder ihre Lebensgrundlage zerstört wird. Ob aus einem relativ harmlosen Naturereignis eine Katastrophe wird, hängt erheblich davon ab, wie gut ein Staat seine Bürger schützt. Das klingt einfach - aber es entscheidet über Leben und Tod, vor allem in Afrika südlich der Sahara. Das macht der Weltrisikobericht deutlich, den das Bündnis "Entwicklung hilft" am Mittwoch (4.9. 2013) in Bonn vorgestellt hat. Zu der Gruppe haben sich fünf deutsche Hilfsorganisationen zusammengeschlossen. Aus vielen verschiedenen Faktoren errechnen die Autoren jedes Jahr, welchem Katastrophen-Risiko die Bevölkerung in 173 Staaten ausgesetzt ist.

Afrikanische Länder können ihre Bewohner nicht schützen

Der Weltrisikoindex führt die anfälligsten Staaten auf den vorderen Positionen. Senegal belegt Platz 30 und liegt damit im oberen Drittel. Es steht exemplarisch für die meisten Staaten im subsaharischen Afrika. Am schlechtesten schneidet in der Region das westafrikanische Guinea-Bissau ab, es belegt Platz 17. Nur unwesentlich besser werden Gambia, Niger und Benin eingeschätzt - sie liegen direkt hinter den Erdbeben- und Orkanregionen Asiens und Lateinamerikas.

Operationssaal im Fistula Center in Mekele, Äthiopien (Foto: Fistula e.V.)

Operationssaal im Fistula Center in Mekele, Äthiopien

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. "Äthiopien hat sich verbessert von der Klasse mit hohem Risiko auf die Klasse mit mittlerem Risiko", sagt Torsten Welle von den Vereinten Nationen in Bonn. Der Geograf und Klimaforscher hat die Studie im Auftrag der Hilfsorganisationen durchgeführt. "Äthiopien hat eine erhöhte Alphabetisierungsrate, sprich: Mehr Leute können lesen und schreiben." Das heißt: Wer sich informieren kann, kann sich auch besser schützen. Außerdem habe sich die medizinische Vorsorge verbessert, weil es mehr Krankenhausbetten in Äthiopien gebe. Und wer gesünder ist, ist robuster. Das ostafrikanische Äthiopien nimmt nun Platz 70 ein und hat sich damit um zwei Positionen verbessert. Im Gegensatz dazu schneidet das zentralafrikanische Land Kongo (Brazzaville) schlechter ab. Die Unterernährung habe zugenommen, ebenso die Korruption, so Wissenschaftler Welle.

Vorsorge billiger als Katastrophenhilfe

Um die Widerstandsfähigkeit der Menschen in den armen Ländern nicht unnötig zu belasten, müsste schon im Vorfeld mehr getan werden - wichtig seien etwa funktionierende Abwassersysteme, um das Risiko von Epidemien nach Katastrophen zu reduzieren. Das sei relativ preisgünstig, sagen die Autoren des Berichts. "Beispielsweise kostet eine Schultoilette in Kenia umgerechnet 475 Euro", sagt Peter Mucke, der Geschäftsführer vom Bündnis Entwicklung hilft. "Ein Brunnen für 80 Familien kostet in Äthiopien 1900 Euro." Das sei für die helfenden Industrieländer wesentlich preiswerter als die Folgekosten nach Katastrophen in Milliarden-Höhe.

Dürre an der kenianisch-somalischen Grenze (Foto: ddp images/AP Photo/Jerome Delay)

Dürre an der kenianisch-somalischen Grenze

Insgesamt seien Bewohner armer Länder am stärksten durch Krisen verwundbar - doch es gibt auch Ausnahmen. Namibia könne sich angemessen vor möglichen Katastrophen schützen, weil es über eine relativ gute Gesundheitsversorgung verfüge und der Regierung gute Führung bescheinigt werde, sagt Mucke. Namibia steht auf Platz 104 der 173 Länder und befindet sich damit in derselben Risikogruppe wie etwa Ungarn oder Italien.

In einem Fall kommen die Autoren zu einem überraschenden Ergebnis: So steht eines der reichsten Länder der Welt, Japan, auf Platz 15 - und damit noch vor allen afrikanischen Staaten. Der Grund: Das Industrieland liege nicht nur in einer Erdbebenregion, es versage außerdem bei der Bewältigung der Folgen durch die Reaktor-Katastrophe von Fukushima.

Finanzausgleich von Nord nach Süd gefordert

Thomas Gebauer (Foto: DW)

Fordert einen globalen Nord-Süd-Finanzausgleich: Thomas Gebauer

Um das Katastrophenrisiko für Menschen in afrikanischen Ländern südlich der Sahara zu reduzieren, fordert der Präsident des Bündnisses "Entwicklung hilft", Thomas Gebauer, internationale Solidar-Gesetze. Dann müssten die reichen Staaten Mittel für ein solides Gesundheitssystem in arme Länder transferieren. "Als ich erstmals so etwas gefordert habe, hat man mich zu einem Phantasten erklärt", lächelt Gebauer. "Aber heute sagt sogar der Direktor für Gesundheitsfragen bei der Weltbank, dass es in diese Richtung geht und dass es das vernünftigste System wäre." Dennoch müsse immer klar sein, dass zunächst die Staaten selbst in der Pflicht seien - das westafrikanische Nigeria etwa mit seinen hohen Ölexporten müsse ganz klar mehr Geld in die Gesundheitsversorgung seiner Bewohner investieren. Nigeria steht in dem Weltrisikoindex auf Platz 52 - also im oberen Drittel.

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