″Fast jede Familie hat mit Migration zu tun″ | Afrika | DW | 15.07.2018
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Westafrika

"Fast jede Familie hat mit Migration zu tun"

Aus Guinea kommen tausende Menschen nach Europa, darunter zahllose Minderjährige. Im Rahmen der Reihe "77 Prozent" hat die DW bei einer Podiumsdiskussion über Alternativen zur Emigration diskutiert.

Plötzlich bricht der große, kräftige Mann in Tränen aus. Er muss an die fünf Jungen denken, die mit seinem Sohn nach Europa aufgebrochen waren. Ohne Papiere. Durch die Wüste und über das Mittelmeer. Mit zitternder Stimme erzählt Aboubacar Doukouré, dass alle fünf tot sind: im Mittelmeer ertrunken. Sein Sohn hatte Glück: Doukouré hat ihn zurückgeholt, noch bevor er die Sahara erreichte. "Er hatte mir all mein Bargeld gestohlen und wollte nach Europa, um Fußballer zu werden", erinnert sich Doukouré. "Als er mich von Mali aus anrief, weil er kein Geld mehr hatte, habe ich mich sofort aufs Motorrad gesetzt, um ihn zu holen." Nicht einmal 15 Jahre alt war sein Sohn damals.

DW diskutiert Migrationsgründe vor Ort

Aboubacar Doukouré ist Direktor des "Maison des Jeunes" (Haus der Jugend) in Mamou, einer Kleinstadt im Zentrum des westafrikanischen Guinea. Hier veranstaltete die DW am Samstag (14.07.2018) mit ihrem lokalen Partner Radio Bolivar FM eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der guineischen Jugend. Die Debatte ist Teil des multimedialen Projektes "77 Prozent", das die DW mit finanzieller Unterstützung durch das Auswärtige Amt in den sechs Afrika-Sprachen der DW (Amharisch, Englisch, Französisch, Haussa, Portugiesisch und Suaheli) umsetzt: 77 Prozent - das ist der Anteil der Menschen in Afrika, die laut Weltbank jünger sind als 35 Jahre.

DW Debatte - Zukunft für Jugend in Guinea - Aboubacar Doukouré (DW/D. Koepp)

Hat seinen 15-jährigen Sohn aus Mali zurückgeholt: Jugendhausleiter Aboubacar Doukouré

Das DW-Projekt bildet in Radio-Magazinen, Videos und Diskussionen in den sozialen Medien Themen ab, die junge Leute in Afrika beschäftigen: Arbeitslosigkeit, mangelnder politischer Einfluss, Zwangsehen, Bildung - und Migration. Und es zeigt anhand von Positivbeispielen, dass es Alternativen zur irregulären Migration gibt. Bei Debatten in Gambia, Guinea, Mali und Nigeria diskutiert die DW mit jungen Leuten über deren Zukunft, um einen Dialog in den jeweiligen Gesellschaften anzustoßen.

Hotspot für Auswanderer

In Mamou in Guinea saßen auf dem Podium eine Bloggerin, ein Vertreter der Internationalen Organisation für Migration (IOM), ein Entwicklungsexperte und der Leiter einer lokalen Organisation, die sich gegen illegale Migration engagiert, sowie ein junger Rückkehrer.

Mamou ist ein Verkehrsknoten: Alle Straßen in die Nachbarländer Mali, Senegal oder Elfenbeinküste führen durch die Kleinstadt, rund 250 Kilometer von der Hauptstadt Conakry entfernt. Viele derer, die sich von Guinea aus irregulär auf den Weg nach Europa machen, kommen aus Mamou. "Hier hat fast jede Familie mit irregulärer Migration zu tun", sagt Mohamed Dougouno, Büroleiter der IOM in Mamou. In den ersten drei Monaten 2018 wurden in Italien rund 14.000 Guineer registriert. Mehr Migranten kamen nur aus Syrien und Nigeria in Italien an. "Dabei ist Guinea ein kleines Land, und es gibt hier keinen Krieg wie in Syrien oder Terror durch Boko Haram wie in Nigeria", so Dougouno. Stattdessen gebe es einen enormen sozialen Druck, nach Europa zu gehen und dort Erfolg zu haben. Oft seien es die Eltern, die ihre Kinder in die Migration trieben.

DW Debatte - Zukunft für Jugend in Guinea - Mohamed Dougouno IOM Mamou (DW/D. Koepp)

Mohamed Dougouno, Büroleiter der IOM in Mamou: Der soziale Druck zur Emigration ist hoch

Tatsächlich hat in Mamou fast jeder eine Geschichte parat von jemandem, der losgezogen ist. Mal ist es der kleine Bruder, mal ein Cousin oder eine Freundin. Oft sind es Geschichten von Tod und Folter. "Es gibt sogar Elfjährige, die sich auf den Weg machen", sagt Mohamed Dougouno von der IOM. "Sie wissen oft nicht mal, warum sie weg wollen. 'Ein Freund hat es mir vorgeschlagen', erzählen sie uns. Oder sie haben Fotos auf Facebook gesehen von Migranten in Europa, die vor Autos oder auf den Champs-Elysées posieren", sagt Dougouno. "Die sozialen Netzwerke haben großen Einfluss."

Wer Glück hat, wird aufgehalten

Die Kinder bestehlen ihre Eltern oder Verwandte und machen sich heimlich auf. Wenn sie Glück haben, werden sie von guineischen Grenzbeamten oder der IOM rechtzeitig aufgehalten und zurückgebracht. Wie der 15-jährige Mamadou, der nun auf dem Podium der DW sitzt. Er schaffte es bis Libyen, wo ihn Milizen aufgriffen, ins Gefängnis warfen und folterten. Die IOM befreite ihn und brachte ihn zurück nach Mamou. Nun ist er in psychologischer Behandlung und drückt wieder die Schulbank. "Er war dieses Jahr der Klassenbeste", erzählt Dougouno.

DW Debatte - Zukunft für Jugend in Guinea - Mekon Sidibé von Bolivar FM und Bob Barry (DW/D. Koepp)

Mekon Sidibé von Bolivar FM (r.) und Bob Barry von DW Französisch haben die Podiumsdiskussion in Mamou moderiert

"Wir müssen dahin kommen, dass die Jugend versteht, dass sie auch in Guinea Erfolg haben können", unterstreicht Mouctar Diallo, Jugendminister des Landes, im Gespräch mit der DW. Bei der Debatte in Mamou hält er einen flammenden Appel an die Eltern: "Lasst eure Kinder nicht weggehen! Unterstützt sie nicht, auch nicht mit Geld! Das ist eine schlechte Investition!" Der Minister betont, wie wichtig die Debatte der DW ist, um einen Dialog in der Gesellschaft anzustoßen. "Ich habe in Europa Guineer gesehen, denen es schlechter geht als euch hier", ruft er in den Saal. "Und ich kenne hier Menschen, denen viel mehr gelungen ist, als denen, die weggegangen sind."

Auch Aboubacar Doukouré, Direktor des Maison des Jeunes in Mamou, ist überzeugt: "Die Familien müssen endlich verstehen, dass das Glück auch vor der eigenen Haustür liegen kann." Sein Sohn indes ist in einem Fußball-Internat in Hamburg aufgenommen worden. "Ganz legal", betont sein Vater. Stolz zeigt er Fotos des mittlerweile 17-Jährigen beim Training: vor dem Hamburger Rathaus, mit Freunden im Café. Doch dann hält er nachdenklich inne und sagt: "Aber eigentlich hätte er auch hierbleiben können."

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