Farbattacken und Droh-Mails - Muslime in Deutschland in Sorge | Deutschland | DW | 02.10.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Farbattacken und Droh-Mails - Muslime in Deutschland in Sorge

Rund tausend Moscheen in Deutschland laden am 3. Oktober zum "Tag der Offenen Moschee". Doch unter Deutschlands Muslimen wächst die Sorge angesichts zahlreicher Übergriffe.

Offene Türen in Zeiten der Verunsicherung. Zum 23. Mal laden muslimische Gotteshäuser in Deutschland am 3. Oktober zum "Tag der offenen Moschee". Unter dem Motto "Menschen machen Heimat/en" laden rund tausend Einrichtungen dazu ein, sich ein eigenes Bild zu machen von den Moscheen in ihrer Nachbarschaft. Aber der Tag ist in diesem Jahr überschattet von Sorgen.

"Die Muslime in Deutschland sind nach den ununterbrochen Anfeindungen und Attacken auf sie und ihren Gebetsstätten sehr verunsichert und beängstigt", sagt der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime (ZMD), Abdassamad El Yazidi, der Deutschen Welle. Gesicherte Zahlen für 2019 gibt es nicht. Im Jahr 2018 gab es laut Bundesinnenministerium bundesweit 813 Übergriffe gegen Muslime und Moscheen. Mal werden irgendwo Koran-Exemplare zerrissen, mal liegt ein Schweinekopf vor der Tür.  

Deutschland Brandanschlag auf Moschee in Ulm (picture-alliance/dpa/R. Zwiebler)

Brandanschlag auf eine Moschee in Ulm im März 2018

"Trittbrettfahrer"

Die Al-Nour-Moschee in Hamburg-Horn, mitten in einem Wohngebiet im Osten der Stadt. Ein ungewöhnliches muslimisches Gotteshaus, eines der schöneren in Deutschland. Bis 2002 war das Gebäude die evangelische Kapernaum-Kirche. Nun beten hier Muslime, nachdem der Bau aufwendig neu gestaltet wurde (das Titelbild zeigt die Moschee beim "Tag der Offenen Moschee" 2016). Anfang September vorigen Jahres beschmierten unbekannte Täter die Moschee mit nationalistischen und anti-muslimischen Parolen.

Daniel Abdin, Vorsitzender des islamischen Zentrums Al-Nour in Hamburg (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Daniel Abdin, Vorsitzender des islamischen Zentrums Al-Nour in Hamburg

Die Tat wurde, wie der Vorsitzende des Islamischen Zentrums Al-Nour, Daniel Abdin, sagt, nie aufgeklärt. Die Polizei - "deren Wache einen Katzensprung von der Moschee entfernt" sei - sei vor Ort gewesen, habe Fotos gemacht, Nachbarn befragt. Abdin vermutet "Trittbrettfahrer". Die Schmierereien seien kurz nach den Auseinandersetzungen im sächsischen Chemnitz erfolgt, die bundesweit für Aufsehen sorgten.

Angst und Wut

"Die Angriffe auf Moscheen und auf Muslime haben eine nie dagewesene Intensität erreicht", sagt der 56-jährige Abdin der Deutschen Welle. Auch auf die Moschee seines Zentrums, "obwohl Hamburg als Hauptstadt des interreligiösen Dialogs" gelte. Die Reaktionen in der Gemeinde? "Viele sind verängstigt, besorgt. Manche sind wütend. Sie sagen: Wir sind Bürger dieses Landes. Die Religionsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Man greift uns nur an, weil wir Muslime sind und der Religion nachgehen."

Abdin ist auch Geschäftsführer der gemeinnützigen Unternehmensgesellschaft "Integrationspunkt Hamburg", er organisiert Integrations- und Präventionsprojekte gegen Radikalismus, Antisemitismus und islamfeindlicher Rassismus sind gut vernetzt. Nach dem Anschlag auf die Moschee kamen Nachbarn und andere Religionsvertreter zum Solidaritätsbesuch. Aber zu seinem Alltag gehört auch dies: "Ich bekomme auch ständig Droh-Mails. Von wegen: Heute gibt es ein Blutbad bei Euch. Natürlich sind dann Staatsschutz und Polizei informiert, die setze ich in Kenntnis."

Sicherheitskonzept

Für den Schutz religiöser Einrichtungen sind in Deutschland die Bundesländer zuständig. Im Anschluss an das Blutbad in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch mit über 50 Toten standen vor nicht wenigen Moscheen zum Freitagsgebet Polizisten.

Deutschland Berlin | Polizei schützt Freitagsgebet (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Nach Christchurch - die Polizei in Berlin schützt ein Freitagsgebet

Aber eine komplette Bewachung gibt es nirgends. In Bremen beschloss die Bürgerschaft vor wenigen Tagen ein Sicherheitskonzept für Moscheen. Aber auch deren Antrag setzt vor allem auf Präventionsarbeit in Bildungseinrichtungen, die Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen solle. Auch Abdin sagt, es gebe fast keinen Tag, an dem nicht eine Schulklasse oder eine andere Gruppe die Al-Nour-Moschee besuche. Dazu passt der "Tag der Offenen Moschee", bei dem sich die Gemeinde stark engagiere.

Deutschland l Zentralrats der Muslime in Deutschland - ZMD Generalsekretär Abdassamad El Yazidi (picture alliance/AA/A. Hosbas)

ZMD-Generalsekretär Abdassamad El Yazidi

Generalsekretär El Yazidi bekräftigt vor dem 3. Oktober die Forderung des Zentralrats an Politik und Sicherheitsbehörden, "unsere Gebetsstätten zu schützen". Es sei doch schockierend, dass "Angriffe auf Muslime auf offener Straße und die Schändung ihrer Moscheen inzwischen zur traurigen Realität Deutschlands im Jahr 2019 gehören und kaum Empörung auslösen".