Für Angeklagte im Fall Kim Jong Nam wird es eng | Asien | DW | 15.08.2018
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Mordprozess im Fall von Kim Jong Uns Halbbruder

Für Angeklagte im Fall Kim Jong Nam wird es eng

Anderthalb Jahre nach dem tödlichen Giftanschlag auf den Halbbruder von Kim Jong Un in Malaysia hat der Richter die Schuld der beiden angeklagten Frauen festgestellt. Sie sollen sich nun verteidigen.

Rückblick: Zwei junge Frauen näherten sich am 13. Februar 2017 in der Abflughalle des Flughafens von Kuala Lumpur unbemerkt einem Passagier. Sie rieben ihm eine Flüssigkeit ins Gesicht. Wie es sich erst später herausstellte, handelte es sich dabei um den chemischen Kampfstoff VX. Das Opfer des Attentats litt bald unter schweren Krämpfen und starb kurz darauf auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Mann hatte einen nordkoreanischen Pass bei sich, der auf den Namen Kim Chol ausgestellt war. Später wurde bekannt, dass das Todesopfer Kim Jong Nam war, der 46-jährigen Halbbruder von Nordkoreas Diktator Kim Jung Un.

Die beiden Frauen, die Indonesierin Siti Aisyah (im Foto links) und die Vietnamesin Doan Thi Huong, beteuerten nach ihrer Verhaftung zwei Wochen nach der Tat, dass sie davon ausgegangen seien, Teil eines TV-Streichs mit versteckter Kamera gewesen zu sein. Sie seien von vier Nordkoreanern, die sich als chinesische und japanische TV-Produzenten ausgegeben hätten, angesprochen worden. Zuvor hätten sie eine Reihe von Testläufen des angeblichen "Überfalls zum Spaß" in Hotels, Einkaufszentren und dem Flughafen absolviert. Als Honorar seien ihnen umgerechnet 85 beziehungsweise 170 Euro versprochen worden. Die vier verdächtigen Nordkoreaner flohen kurz nach dem Mordanschlag aus Malaysia.

Die beschuldigten Frauen erklärten sich beim Prozessbeginn am 2. Oktober 2017 für nicht schuldig. Nach den Schlussplädoyers von Anklage und Verteidigung Ende Juni hat der Richter Azmin Ariffin heute festgestellt, dass es sich bei dem Anschlag um eine "sorgfältig geplante Verschwörung zwischen den beiden Frauen und den vier (beteiligten) flüchtigen Nordkoreanern" handelte. Wie schon zuvor verwarf der Richter die Version, dass die beiden Frauen auf einen Trick hereingefallen wären. Allein ob es sich um einen "politischen Mordanschlag" handelte, könne er noch nicht bestätigen.  Die beiden Angeklagten Frauen sollen sich zwischen November und Februar vor Gericht abschließend zu ihrer Verteidigung äußern.

Buchcover Mein Vater Kim Jong Il und Ich (New century press)

2012 erschien in Hongkong das Buch Kim Jong Nams, "Mein Vater Kim Jong Il und ich". Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, der zweitgeborene Sohn Kim Jong Ils, sah sich möglicherweise in seiner Legitimität als rechtmäßiger Erbe und Herrscher durch seinen Halbbruder bedroht.

Die Todesursache

Als einzige Todesursache wurde damals eine akute Vergiftung mit dem Nervengift VX angegeben. VX ist als chemischer Kampfstoff unter der internationalen Chemiewaffenkonvention von 1992 verboten. VX wurden auf dem Gesicht von Kim Jong Nam, in seinen Augen, seinem Blut, seinem Urin und seiner Kleidung gefunden. Der Pathologe der malaysischen Regierung, Mohamad Shah Mahmood, gab an, dass die schnellste Aufnahme des Gifts wohl über die Bindehaut des Auges erfolgte. Sobald VX im Blutkreislauf aufgenommen sei, "ist die Chance zu überleben minimal."

Die Polizei gab an, dass Kim Jong Nam nicht nur vier Diplomatenpässe mit dem Namen Kim Chol bei sich trug, sondern auch 100.000 US-Dollar in bar. Möglicherweise hatte Kim mit einem Anschlag dieser Art gerechnet, denn er trug das Gegengift Atropin bei sich, nach unterschiedlichen Berichten in Tabletten- oder Ampullenform.

Der erstgeborene uneheliche Sohn des ehemaligen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il lebte seit Jahren im Exil in Macau. Er hatte die Gunst seines Vaters verloren. Einige Zeit vor seinem Tod hatte Kim Jong Nam die Dynastie der Kims kritisiert. Südkoreanische Geheimdienste gehen deshalb davon aus, dass sein Halbbruder Kim Jong Un die Ermordung angeordnet hat. Allerdings bestreitet die nordkoreanische Regierung jede Beteiligung.

Malaysia Kuala Lumpur Prozess wegen Tötung von Kim Jong Nam (Getty Images/AFP/M. Rasfan)

Die Verteidigung, hier der Anwalt der angeklagten Vietnamesin Doang Thi Huang, halten die Beweise der Anklage für eine Verurteilung wegen Mordes nicht für ausreichend.

Die Angeklagten und das Verfahren

Die beiden Angeklagten, die Indonesierin Siti Aisyah (im Foto oben links) und die Vietnamesin Doan Thi Huong, gaben bei den Ermittlungen an, in Kuala Lumpur als Escort-Damen gearbeitet zu haben. Spuren von VX wurden auf ihrer Kleidung und Huongs Fingernägeln gefunden. Videomaterial des chinesischen Staatssenders CCTV zeigt, wie beide Frauen nach der Attacke in zwei getrennte Toiletten laufen und dabei die Hände von sich weghalten. Die Ermittler halten das für ein Indiz dafür, dass sie wussten, dass sie es mit einer giftigen Substanz zu tun hatten.

Staatsanwalt Wan Shaharuddin erklärte in seinem Schlussplädoyer Ende Juni die Version von dem angeblichen TV-Trick, auf den die Angeklagten hereingefallen seien, für unglaubwürdig. "Für diese Aktion musste man ausgebildet worden sein. Es durfte keinen Spielraum für Fehler geben."  Warum hätten außerdem die Frauen dem Opfer die Substanz bewusst in die Augen gerieben, wenn nicht, um die tödliche Wirkung zu erzeugen?  Bei dem Vorgehen der Frauen sei klar "ein Element der Aggressivität zu erkennen", von Humor und Gelächter sei in den Video-Aufnahmen nichts zu sehen. Die Anklage beruft sich neben den Video-Aufnahmen auf die Aussagen von 34 Zeugen. Insgesamt waren 153 geladen. Zu den wichtigsten gehören Mitarbeiter des Flughafens, Mediziner, Pathologen und Polizeibeamte. Die beteiligten Nordkoreaner konnten nicht verhört werden.

Die Strafverteidigung hingegen argumentiert, dass die beiden Angeklagten einfach den Anweisungen der Nordkoreaner Folge geleistet hätten. Außerdem hätten die Frauen weder versucht, das Land zu verlassen, noch ihre verunreinigte Kleidung zu entsorgen. Das spreche dafür, dass sie nicht wussten, was vor sich ging. Die beiden Verteidiger der beiden Frauen werfen der Anklage "Schlampigkeit" und "Einseitigkeit" vor.

Malaysia Botschaft Nordkoreas in Kuala Lumpur | Protest (Reuters/A. Perawongmetha)

Nordkoreas Botschaft in Malaysia musste zeitweise vor Protesten geschützt werden

Die nordkoreanischen Hintermänner und Kim Jong Un

Die beschuldigten Frauen kannten die vier Nordkoreaner nur unter ihren Spitznamen: Herr Chang, Herr Y, "Großvater" Hanamori und James. Das Gericht identifizierte sie später als Hong Song Hac, Ri Ji Hyon, Ri Jae Nam und O Jong Gil. Sie alle hielten sich am Tatmorgen am Flughafen auf. Laut den Ermittlern war "Großvater" Hanamori vermutlich der Drahtzieher und Planer des Angriffs. Herr Chang und Herr Y hätten kurz vor der Tat eine Flüssigkeit auf die Hände der Frauen geschüttet. Die vier wurden ebenfalls von Überwachungskameras gefilmt. Dabei zeigte sich, dass sie vor der Tat andere Kleidung trugen als danach. Sie trafen sich außerdem mit Mitgliedern der nordkoreanischen Botschaft, bevor sie Malaysia fluchtartig verließen.

Drei weitere Tatverdächtige entgingen der Befragung durch die Polizei, da sie sich in der nordkoreanischen Botschaft versteckt hielten. Eine Befragung kam nicht zustande, da die malaysische Regierung einem Austausch zustimmte, bei dem die drei Verdächtigen gegen neun malaysische Diplomaten, die zuvor in Nordkorea festgehalten wurden, ausgetauscht wurden.

Einer der drei Tatverdächtigen war der nordkoreanischen Chemiker Ri Jong Chol, der nicht nur die vier Kontaktpersonen der Angeklagten zum Flughafen gefahren hat, sondern in seiner Wohnung auch ein Labor eingerichtet hatte, wo er möglicherweise den VX-Kampfstoff hergestellt hat.

Nachdem Malaysia als Reaktion auf das Attentat auf seinem Staatsgebiet seinen Botschafter aus Pjöngjang zurückgeholt, ein Reiseverbot nach Nordkorea verhängt und die visumfreie Einreise für Nordkoreaner beendet hatte, stehen die Zeichen inzwischen auf Entspannung. Kurz vor dem Treffen zwischen Trump und Kim Jong Un in Singapur Mitte Juni kündigte der neue malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad an, die Botschaft in Pjöngjang wieder zu eröffnen. In Singapur verteidigte Trump seine Bezeichnung Kims als "sehr talentiert", nachdem ihn ein US-Reporter unwidersprochen auf die "bekannte Tatsache" hingewiesen hatte, dass Kim Familienmitglieder umbringen lässt. 

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